Supplement: Praxis Computer

Internet-Recherche: Essstörungen

Dtsch Arztebl 2001; 98(36): [28]

Eichenberg, Christiane

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LNSLNS Die Zahl von Patienten mit Essstörungen steigt. Zu den krankhaften Störungen des Essverhaltens gehören die Anorexia nervosa (Magersucht), die Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) und die psychogene Adipositas (Übergewicht). Wichtige Internet-Quellen zu diesem Thema werden kurz vorgestellt.
Alle drei Formen der Störung des Essverhaltens werden auf psychische Probleme zurückgeführt,
sie können jedoch schwerwiegende physische Folgen haben.1 Die Anorexie, bei der 95 Prozent der Betroffenen Frauen sind, mit einer Prävalenz von einem Prozent der Mädchen in der Adoleszenz und sieben Prozent in Risikogruppen (zum Beispiel Tänzerinnen, Models), führt auf der somatischen Ebene vor allem zu Stoffwechselstörungen und Störungen im Elektrolythaushalt, Amenorrhö, chronischer Obstipation, Haut- und Haarerkrankungen, Herz- und Magenbeschwerden. Eine Schilddrüsenunterfunktion kann ebenso entstehen. Die Mortalität dieser Patientinnengruppe ist mit bis zu 18 Prozent sehr hoch.
Die Prävalenzrate der Bulimie liegt mit zwei bis vier Prozent der 20- bis 35-jährigen Frauen noch höher als die bei Magersucht. Häufig tritt die Bulimie als Folge bzw. nach einer Anorexia nervosa auf. Dennoch bedürfen beide Krankheitsbilder verschiedener therapeutischer Interventionen. Körperliche Folgen können unter anderem sein: Entzündungen der Speicheldrüsen, Zahnschädigungen (Karies), Risse in der Speiseröhre und in der Magenwand, Haarausfall, brüchige Nägel, trockene Haut, niedriger Blutdruck, Ödeme und Herzfunktionsstörungen.
Unter Adipositas leiden 50 Prozent der über 40-Jährigen in Deutschland, wobei Frauen häufiger und stärker betroffen sind als Männer, ebenso wie Personen, die in schwachen sozialen Verhältnissen leben. Nur bei fünf Prozent der Fettsüchtigen sind endokrine Störungen für die Erkrankung ursächlich; die Beschwerden entstehen vorwiegend aus den Folgekrankheiten (zum Beispiel Diabetes mellitus, Hypertonie, Hämorrhoiden und degenerative Beschwerden der Wirbelsäule).
Aufgrund der Vielzahl der somatischen Folgen von Essstörungen sind Hausärzte für diese Patienten oftmals die ersten Ansprechpartner im medizinischen Versorgungssystem. Umso wichtiger sind für nicht psychotherapeutisch oder psychiatrisch fortgebildete Ärzte fundierte Kenntnisse der psychologischen Grundlagen dieser Störungen zur Früherkennung und für die therapeutische Intervention. Hier hält das Internet viele Ressourcen bereit und bietet eine einfache Möglichkeit, Wissenslücken zu schließen.
Eine verständliche Einführung in Symptome, Komorbiditäten und Behandlungsansätze von Essstörungen gibt das europäische Forschungsprojekt „Essstörungen“, das zurzeit unter der Leitung von Dr. Andreas Karwautz und Prof. Dr. Max H. Friedrich an der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters,
Wien, durchgeführt wird (1).
Ebenso als Einstieg können die WWW-Seiten der Klinik am Korso in Bad Oeynhausen dienen (2), die sich auf die Behandlung gestörten Essverhaltens spezialisiert hat. Zwar sind die Hintergrundinformationen und die Informationen zu den gesundheitlichen Folgen dieser Krankheitsbilder sehr knapp gehalten. Dennoch gibt es eine gut recherchierte Sammlung weiterführender Literatur. Qualifizierte Buchempfehlungen können auch auf der Homepage des Psychotherapeuten Dr. phil. Dr. med. Herbert Mück, Köln, abgerufen werden (3).
Detailliertere Auskünfte über Essstörungen geben die an der ICD-10 (4) orientierten Leitlinien zu Diagnose und Therapie von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (5). Neben Klassifikationen von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa – unter anderem orientiert am Body Mass Index (BMI) – werden Untergruppen dieser Störungsbilder genannt und Informationen zur störungsspezifischen Diagnostik und zu Interventionsansätzen bereitgestellt. Der BMI kann darüber hinaus online auf den Internet-Seiten der Klinischen Einrichtungen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf berechnet werden (6).
Den umfassendsten Überblick über Störungen des Essverhaltens gibt der Forschungs- und Informationsserver zur Anorexia nervosa und Bulimia nervosa (7) unter der Leitung von Dr. Dipl.-Psych. Martin Grunwald, Klinik für Psychiatrie der Universität Leipzig. Dieses Angebot bietet ein Verzeichnis von Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen und Vereinen, Therapie- und Forschungseinrichtungen, Forschungsprojekten und -ergebnissen, Internet-Seiten, Diskussionsforen, Briefe von Betroffenen als auch Kontaktadressen (siehe auch PC 4/99, Seite 24 ff.).
Speziell zur Magersucht sind weiterführende Informationen von Dr. Alex Trojovsky und Mitarbeitern, Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie Universitäts-Kinderklinik Graz (8), abrufbar. Im Bereich der englischsprachigen Angebote ist die Academy for Eating Disorders (9) zu empfehlen.
Psychologische Informationsangebote im Internet sind auch unter Betroffenen, Angehörigen und interessierten Laien sehr beliebt (siehe zum Beispiel Barak, 1999). Sie ermöglichen den Patienten und ihrem sozialen Umfeld, sich eigenständig über das Störungsbild und mögliche Therapiemaßnahmen zu informieren und mit Leidensgenossen bzw. anderen Angehörigen auszutauschen. Aufklärende Gsundheitsinformationen erfüllen zudem auch präventive Funktionen. Die niedergelassenen Ärzte können somit empfehlenswerte WWW-Selbsthilfe-Adressen an ihre Patienten weitergeben.
Anlaufstellen für Betroffene
Hungrig-Online.de (10) ist eine informative, interaktive Seite zu Magersucht und Bulimie. Neben einem breiten Informationsangebot stehen Betroffenen und Angehörigen jeweils eine Mailingliste zur Verfügung, die mit einer Gesamtteilnehmerzahl von rund 590 Subscribern hoch frequentiert ist.
Die Website Cinderella (11) ist ein ähnliches Angebot von Betroffenen für Betroffene. Hier finden sich Informationen zum Thema Essstörungen, Fachadressen und Erfahrungsberichte. Auch gibt es die Möglichkeit, an einem wöchentlich stattfindendem Chat teilzunehmen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (12), Köln, hat ein Adressverzeichnis von Beratungs- und Therapieeinrichtungen sowie Selbsthilfeinitiativen für Essgestörte zusammengestellt. Das Frauengesundheitszentrum Heidelberg leistet gemeinsam mit dem MädchenCafé im Heidelberger Mädchenhaus e. V. (13) auch im Internet einen Beitrag zur Prävention von Essstörungen. Die Homepage addressiert insbesondere junge Mädchen, die über Schönheitsideale, Diäten und krankhaftes Essverhalten informiert werden.
Christiane Eichenberg
Kontaktadresse: Dipl.-Psych. Christiane Eichenberg, Universität zu Köln, www.christianeeichenberg.de


Abbildung oben: Das Angebot der
Uni Wien unter www.univie.ac.at/
essstoerungen
Abbildung links: Website der Uni
Leipzig zum Thema: www.uni-leipzig.de/~anorexia/index1.htm


1 Die im Folgenden genannten Zahlen und Daten sind entnommen aus: Hoffmann SO, Hochapfel G (1999), siehe Literaturverzeichnis.


Literatur
Barak A: Psychological applications on the Internet: A discipline on the threshold of a new millennium. Applied & Preventive Psychology 1999; 8: 231-245.
Hoffmann S O; Hochapfel G: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. CompactLehrbuch. 6. Auflage Stuttgart, New York: Schattauer Verlag 1999.

Informationen für Professionelle
1 Europäisches Forschungsprojekt „Essstörungen„ der Universitätsklinik Wien > www.univie.ac.at/essstoerungen/content/essstoerungen_e.html
2 Klinik am Korso, Fachzentrum für gestörtes Essverhalten, Bad Oeynhausen > www.klinik-am-korso.de
3 Homepage des Psychotherapeuten Dr. Dr. med. Herbert Mück > www.dr-
mueck.de/HM_Essstoerungen/HM_Buecher-Essstoerungen.htm
4 ICD-10V > www.informatik.fh-luebeck.de/icdger/icd10.htm
5 Leitlinie zu Diagnose und Therapie von der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften > www.uni-duesseldorf.de/WWW/AWMF/ll/kjpp-011.htm
6 Klinische Einrichtungen für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf > www.uni-duesseldorf.de/MedFak/
psysoma/bodymassindex.htm
7 Der Forschungs- und Informationsserver zur Anorexia nervosa und Bulimia nervosa > www.uni-leipzig.de/~anorexia/index1.htm
8 Dr. Alex Trojovsky Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie Univ.-Kinderklinik Graz > www.trojovsky.net/alex/anorexia
9 The Academy for Eating Disorders > www.acadeatdis.org/index2.html
Informationen für Betroffene, Angehörige und Laien
10 Hungrig-Online.de > www.hungrig-online.de
11 Cinderella-Essstörungen > http://selbsthilfe.solution.de/cinderella
12 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung > www.bzga.de/adressen/
essstoerungen.htm
13 Frauengesundheitszentrum Heidelberg > www.praevention-von-essstoerungen.
de/home.html
14 Essstörungen > www.essstoerungen.purespace.de
15 essprobleme.de > www.essprobleme.de


Beispiel für eine Website für Betroffene:www.hungrig-online.de
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