ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Pharma-Marketing: Ein schmaler Grat

POLITIK

Pharma-Marketing: Ein schmaler Grat

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2311 / B-1973 / C-1856

Krüger-Brand, Heike E.; Flintrop, Jens

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LNSLNS Medizinische Aufklärung und pharmazeutisches Marketing sind oftmals eng verwoben. Eine Verquickung, die die Unabhängigkeit des
ärztlichen Verschreibungsverhaltens infrage stellt –
wie zuletzt im „Fall Lipobay“.

Die „Bild“ fragte jüngst in großen Lettern: „Sind unsere Ärzte bestechlich?“ Unterzeile: „Reisen, Nobel-Autos, Extra-Honorare – So schmieren Pharmafirmen unsere Ärzte.“ Das auflagenstarke Boulevardblatt zitiert einen Bericht der Süddeutschen Zeitung, wonach der Pharmakonzern Bayer Ärzte mit Luxusreisen belohnt haben soll, damit diese ihren Patienten den Lipidsenker Lipobay verordnen. Als „Belohnung“ für die Einstellung von 25 Patienten auf das Medikament habe der Konzern zu einer Fahrt mit dem Luxuszug „Orient-Express“ eingeladen. Bayer dementiert die Vorwürfe nicht. Bei der Zugfahrt habe es sich um eine dreistündige Fortbildungsveranstaltung für Ärzte gehandelt. Der Mitarbeiter, der die Teilnahme an der Zugfahrt davon abhängig gemacht habe, wie viele Lipobay-Rezepte ausgestellt wurden, sei inzwischen gefeuert. Nicht immer ist der Sachverhalt so eindeutig. Wo liegt die Grenze zwischen notwendiger Information und unangemessener Vorteilsnahme oder gar Bestechung? Medizinische Aufklärung und pharmazeutisches Marketing sind oftmals eng verwoben.
Die Berufsordnung für Ärzte fordert, dass ärztliche Entscheidungen frei von wirtschaftlichen Einflüssen getroffen werden müssen. In § 33 heißt es: „Die Annahme von Werbegaben oder von Vorteilen für den Besuch von Informationsveranstaltungen der Hersteller ist untersagt, sofern der Wert nicht geringfügig ist.“ Der „Gemeinsame Standpunkt zur strafrechtlichen Bewertung der Zusammenarbeit zwischen Industrie, medizinischen Einrichtungen und deren Mitarbeitern“ aus dem Jahr 2000 – ein Ehrenkodex, den unter anderen die Spitzenverbände der pharmazeutischen Industrie und auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft herausgegeben haben – betont das Trennungsprinzip. Demnach ist eine klare Trennung zwischen der Teilnahme an gesponserten Fortbildungs- und Informationsveranstaltungen und etwaigen Umsatzgeschäften erforderlich. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, dass der Teilnehmer den aus der Unterstützung der Veranstaltungsteilnahme resultierenden Vorteil „auf die Waagschale seiner künftigen innerbetrieblichen Beschaffungsentscheidungen legt“.
Insider berichten, das Pharma-Marketing der Bayer AG sei im Branchenvergleich sogar noch zurückhaltend. Sämtliche Pharmakonzerne, insbesondere die amerikanischen, versuchten mit teilweise diskussionswürdigen Mitteln das Verschreibungsverhalten der Ärzte zu beeinflussen. Kein Wunder: Der Wettbewerb auf dem Pharmamarkt ist hart, die investierten Summen für Forschung und Entwicklung sind gigantisch. Im Kampf um Marktanteile besuchen mehr als 14 000 Pharmareferenten die Arztpraxen. Pharmakologisches Fachwissen über Wechsel- und Nebenwirkungen von Arzneimitteln wird den Ärzten auf gesponserten (und qualitativ hochwertigen) Fortbildungsveranstaltungen vermittelt, die auch an attraktiven Orten stattfinden. Zwar wird jeder Betroffene sagen, die ihm „zugekommene“ Zuwendung – sei es auf Kongressen oder von Pharmareferenten – bewirke keinerlei Verpflichtungen. Aber: Die Zuwendungen und Investitionen würden wohl nicht erfolgen, wenn die Industrie sich davon nichts verspräche.
Welche Alternativen gibt es für die Ärzte, wenn sie über Wirkstoffe, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneimitteln auf dem Laufenden bleiben und objektiv informiert sein wollen? Das Buch „Arzneiverordnungen“, herausgegeben von den Mitgliedern der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft, ist ein kompetentes Nachschlagewerk, erscheint aber zu selten. Um über neue Erkenntnisse in der Pharmakologie möglichst umgehend informiert zu sein, bieten sich deshalb eher Arzneimittelinformationssysteme an.
Informationssysteme
Die Wechselwirkung zwischen Statinen und Fibraten – wesentlich im „Fall Lipobay“ – ist seit langem bekannt. So sind in der Abdamed-Arzneimitteldatenbank des Abdata Pharma-Daten-Service (www.abdata.de), Eschborn, entsprechende Informationen bereits seit 1990 abrufbar. Auch der Interaktionsdatenbestand von AMIS, dem Arzneimittelinformationssystem des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (ZI) (www.zi-koeln.de), Köln, beschreibt diese Wechselwirkung. Arzneimittelinformationssysteme sind mittlerweile in den meisten Praxisverwaltungsprogrammen enthalten und bieten vielfältige Informationsmöglichkeiten. Bekannte Arzneimitteldatenbanken sind AMIS, Abdamed, Scholz Datenbank, Rote Liste und Gelbe Liste.
Beispiel AMIS: Das ZI liefert qualitätsgeprüfte Arzneimittelinformationen an die Softwarehäuser, die die Daten in ihre Praxissoftware einbinden und den Ärzten zur Verfügung stellen. Die Grundlage dieser Datenbestände sind die monatlich aktualisierten Daten der Abdata/IfA. AMIS ist mit rund 45 000 deutschen Fertigarzneimitteln, 13 000 Inhaltsstoffen und 110 000 Packungsgrößen ein sehr umfangreiches System. Zum Basisdatenbestand von AMIS gehören unter anderem Warnhinweise, ATC-Angaben, Arzneimittelinteraktionen, Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Dosierungs- und Einnahmevorschriften sowie Hinweise für den Verordner.
Ähnliche Funktionen zur Risikokontrolle bietet auch die Scholz Datenbank der ePrax AG (www.eprax.com/scholzdb/ start_neu.html). Hier wird zusätzlich zu Neben- und Wechselwirkungen noch der Risikograd angegeben. Durch die Integration in die Praxis-EDV-Systeme lassen sich Gegenanzeigen direkt auf Patientendaten beziehen und automatisiert während der Verordnung eines Medikamentes anzeigen. Auch die übrigen Arzneimittel-Datenbanken enthalten in der Regel Informationen zu möglichen Wechselwirkungen. Häufig kann der Arzt in seinem Praxisprogramm einen automatisierten Interaktions-Check nutzen – sofern er diese Funktionalität nicht extra ausgeschaltet hat. Einige Systemhäuser bieten weitergehende Funktionalitäten allerdings nur als separat zu erwerbende Module an.
Jens Flintrop/Heike E. Krüger-Brand
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