ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001SOS-Kinderdörfer: Kleine und große Opfer

THEMEN DER ZEIT

SOS-Kinderdörfer: Kleine und große Opfer

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2324 / B-1986 / C-1868

Bartmann, Peter

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LNSLNS Privatem Engagement verdanken ruandische Kriegswaisen
ein neues Zuhause und medizinische Versorgung.


Solange die 17-jährige Vestine Mukamulenzi zurückdenken kann, wurde ihre Heimat Ruanda von grauenvollen Massakern zwischen der Mehrheit der Hutus und dem Stamm der Tutsis heimgesucht. 1994 eskalierten die Auseinandersetzungen in einem verheerenden Bürgerkrieg. Mehr als eine Million Einwohner flüchteten vor den vorrückenden Truppen der von den Tutsis unterstützten Patriotischen Front über die Grenze nach Zaire, Hunderttausende Ruander starben nach blutigen Überfällen, Heckenschützengefechten oder anderen Gräueltaten. Nachdem 1996 die letzten UN-Soldaten das Land verlassen hatten, kehrten viele Flüchtlinge in ein verwüstetes Land zurück. Vestine gehört einer Generation von Bürgerkriegsopfern an. Das Schicksal ihrer Eltern kennt sie nicht. Ein Soldat schlug ihr die Hand ab.
Vestine hatte Glück im Unglück. Wie die 15-jährige Eugénie Maniriho und der 23-jährige Christophe Abdul Karim Kurera, denen Landminen jeweils den linken Unterschenkel wegrissen, fand auch Vestine eine neue Heimat in einem ruandischen SOS-Kinderdorf. Vestine lebt nun in einer Gastfamilie, besucht eine Schule und kann sich auf ihr Leben außerhalb des Kinderdorfs vorbereiten.
SOS-Kinderdorf e.V. unterhält weltweit mehr als 1 000 Schulen, Sozial-, Ausbildungs- und Produktionszentren, Kliniken und Kindergärten – und die SOS-Kinderdörfer. Dort werden Kinder ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft, Religion oder Nationalität aufgenommen. Dank der Initiative des Gründers Hermann Gmeiner wurde das erste Kinderdorf 1949 in Tirol aufgebaut. Danach errichteten engagierte Mitarbeiter mithilfe vieler kleiner und großer Spenden eine private, politisch und konfessionell unabhängige, internationale Hilfsorganisation, die sich auf der ganzen Welt Kindern in Not annimmt. Der Verein bietet jedem der Kinder in einem der inzwischen 423 SOS-Kinderdörfer in 131 Ländern eine Familie, ein Zuhause und eine Atmosphäre der Geborgenheit.
In Ruanda begann die humanitäre Arbeit bereits 1978 mit dem Aufbau eines Kinderdorfs nahe der Hauptstadt Kigali. Das zweite Dorf Gikongoro im Süden des Landes wurde 1992 eröffnet. Der Bürgerkrieg machte Notprogramme erforderlich, um Unterkünfte für Familien, Krankenstationen und ein Nothilfedorf in Ngarama zu errichten. Von Ngarama konnten Kinder 1997 in das dritte ruandische SOS-Kinderdorf in Byumba einziehen.
Vestines, Eugénies und Abdul Karims Verletzungen sind gravierend. In Ruanda können sie nicht adäquat behandelt werden. „Fachkliniken für Kinderorthopädie sind sogar in Deutschland selten“, erklärt Prof. Dr. med. Joachim Grifka, der Direktor der Orthopädischen Universitätsklinik Regensburg. Grifka nahm sich bei Gründung der Klinik vor gut einem Jahr vor, nicht nur Kindern aus Deutschland zu helfen, sondern auch aus Ländern, in denen es noch weniger Chancen auf eine Heilung von Verletzungen und Fehlbildungen gibt. Auch Jahre nach dem Bürgerkrieg kommt es in Ruanda noch immer zu Verletzungen und Verstümmelungen, etwa durch Explosionen der zahllosen vergrabenen Landminen.
Grifka lud die Kriegsopfer Vestine, Eugénie, Abdul Karim, die elfjährige Blandine Mwisenenza und den 14-jährigen Joseph Munyentora zur freien orthopädischen Behandlung nach Regensburg ein. Die Kosten für die Operationen und Kranken­haus­auf­enthalte übernahm die Uniklinik Regensburg, die Flugkosten der Verein SOS-Kinderdorf. Vor und nach der Behandlung wurden die afrikanischen Gäste im SOS-Kinderdorf Oberpfalz in Immenreuth untergebracht. Bei ihrer Ankunft feierten die deutschen und ruandischen Kinder gemeinsam ein Willkommensfest. Alfred Schuster, Leiter des SOS-Kinderdorfs Oberpfalz, freute sich über die großzügige Geste der Uniklinik und beherbergte die Besucher einige Wochen lang in Immenreuth. Jetzt nahmen die Kinder Abschied, und Vestine, Eugénie, Abdul Karim, Blandine und Joseph flogen nach Ruanda zurück. Dr. med. Peter Bartmann


Um die weltweite Arbeit des SOS-Kinderdorf e.V. zu unterstützen, kann eine abzugsfähige Spende oder eine Patenschaft für ein Kind in Höhe von 60 DM (rund 31 Euro) pro Monat übernommen werden. Der Verwaltungskostenanteil liegt unter fünf Prozent.
Weitere Fragen an: SOS-Kinderdorf e.V., Patenschaften, Renatastraße 77, 80639 München,
Telefon: 0 89/1 26 06 318 oder -106, Telefax: 0 89/1 26 06 404,
Internet: www.sos-kinderdorf.de
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