ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Raus aus dem Jammertal: Stellungnahme eines Chefarztes

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Raus aus dem Jammertal: Stellungnahme eines Chefarztes

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2334 / B-1998 / C-1775

Späte, C.

zu unserer Berichterstattung vom 104. Deutschen Ärztetag über Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte von Jens Flintrop in Heft 22/2001
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LNSLNS Seit geraumer Zeit widmen Sie sich diesem Thema. In Heft 22/2001 nimmt es einen nie da gewesenen Umfang ein. Meine Mitarbeiter und ich sind einhellig der Meinung, dass Ihre Art der Darstellung so nicht zu akzeptieren ist und unsere Sicht der Dinge auch einmal umfassend dargestellt und zur Diskussion gebracht werden sollte.
Als ich 1982 meine ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus begann, wurde mir mitgeteilt, dass ich als Jüngster die meisten Dienste zu machen hätte. Das waren dann bis zu 23 im Monat (Februar 1985) bei bis zu neun Wochenenden in Folge. Später kamen dann drei neue Assistenten: Tochter, Schwiegertochter und Sohn vom Chef. Irgendwelche Fragen zur Dienstverteilung? Meine Dienstbezeichnung war „LAdA“, sprich „Letzter A . . . der Abteilung“.
Und heute? Heute bin ich Mitte 40 und Chefarzt und darf mich mit einem hirnrissigen, weil finanziell nicht hintersetzten Arbeitszeitgesetz herumschlagen. In der Praxis bedeutet das, dass ich alle Dienste übernehmen muss, die andere wegen dieses Gesetzes nicht machen dürfen (bis zu 15 pro Monat), und zusätzlich weder absetz- noch bezahlbare Überstunden im vierstelligen Bereich. Dafür darf ich dann ständig lesen, dass Chefärzte und Verwaltungen junge Ärzte ausbeuten! Was soll denn ein Chefarzt nach Ihrer Meinung mit den jungen Kollegen machen? Wenn er sie nach Hause schickt (was die meisten gar nicht wollen), nimmt er ihnen durch die finanziellen Einbußen die Möglichkeit einer halbwegs angemessenen Lebensführung beziehungsweise verdammt die AiP gleich zur Sozialhilfe. Außerdem würde ein Teil der geplanten Operationen ausfallen, die Patienten könnten nicht mehr adäquat versorgt werden und bleiben weg. Wie lange kann wohl ein Krankenhaus unter solchen Bedingungen bestehen? Überhaupt nimmt mittlerweile die Bürokratie am Arbeitsplatz mehr Raum ein als die Arbeit am Patienten. Ich nenne nur das Unwort „DRG“. Ohne konkrete Vorgaben muss hier immense Phantomarbeit geleistet werden, nur weil die Politiker glauben, mit diesem neuen Zauberwort nicht vorhandene Gelder verteilen zu können.
Und die ebenfalls angeschuldigte Verwaltung; woher soll die die Mittel für dieses Arbeitszeitgesetz nehmen, wenn bei gedeckeltem Budget die jährlichen lächerlichen Erhöhungen der Mittel noch nicht mal für die vorgeschriebenen Lohnerhöhungen reichen?
Fazit: Ausgebeutet werden nicht allein junge Kollegen, sondern das gesamte Gesundheitswesen, wozu ebenso die niedergelassenen Ärzte mit ihren lächerlichen Punktwerten gehören!
Haben Sie endlich den Mut, die Dinge beim Namen zu nennen! Die zwangsläufig steigenden Kosten im Gesundheitswesen müssen durch die bezahlt werden, die dessen Leistungen in Anspruch nehmen! Verantwortlich für die Umsetzung in einer echten Gesundheitsreform sind die Politiker, die aber viel zu sehr an ihrer Macht hängen, als dass sie diese unangenehme Wahrheit dem Wahlvolk verkünden würden! Stattdessen ist es viel einfacher, nach dem alten „divide et impera“ die Ärzte gegen die Patienten und dann untereinander auszuspielen. Unser aller Aufgabe muss es deshalb sein, gemeinsam die Politik zu diesem Wahrheitsbekenntnis zu zwingen, statt innerhalb der Ärzteschaft Schwarze Peter zu verteilen.
Dr. med C. Späte,
Klinik für Unfall- und Handchirurgie,
Fischerstraße 27, 99510 Apolda
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