ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Raus aus dem Jammertal: Mit Druck durchzusetzen

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Raus aus dem Jammertal: Mit Druck durchzusetzen

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2336 / B-1895 / C-1738

Weiß, Ulrike

zu unserer Berichterstattung vom 104. Deutschen Ärztetag über Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte von Jens Flintrop in Heft 22/2001
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LNSLNS Zu Beginn meiner Assistenzarztzeit Mitte der 80er-Jahre herrschten aus heutiger Sicht finanziell idyllische Zustände: Alle Überstunden und Bereitschaftsdienste wurden bezahlt. Es gab viele Kollegen, die nicht nur freiwillig, sondern gern nach einem 32-Stunden-Dienst kurz zum Wäschewechseln und einmal Ausschlafen nach Hause gingen, um am nächsten Morgen zum nächsten 32-Stunden-Dienst anzutreten. „Patientengefährdung“ oder „Überlastung“ waren nie ein Thema! Mehrmals fragte die Krankenhausverwaltung bei uns an, ob wir nicht lieber die Bereitschaftsdienste und vor allem die Überstunden in Freizeit ausgleichen wollten, das sei doch viel besser für uns. Aber siehe da: Immer wollte die Mehrheit lieber weiter gut bezahlte 32-Stunden-Schichten, die Minderheit der Kolleginnen, die Familie hatten und sehr gern nach dem Nachtdienst nach Hause gegangen wären, wurden als unkollegial und unmotiviert bezeichnet und zum Schweigen gebracht; sie könnten ihre Dienste ja den anderen Kollegen verkaufen. Auch die „Gefahr“, dass mehr Kollegen eingestellt werden müssten, hätte im Falle des Freizeitausgleichs bestanden: Dann hätte man ja noch weniger Dienste „abbekommen“.
Mir kommt es merkwürdig vor, dass erst jetzt, da die Bereitschaftsdienste und Überstunden nicht mehr bezahlt werden, von einer Überlastung der Ärzte und einer damit verbundenen Gefährdung der Patienten die Rede ist. Ich bin mir leider sicher, wenn ab morgen die Bezahlung wieder gewährleistet wäre, würde die Diskussion sofort wieder verstummen – die Kasse stimmt dann ja wieder.
Diejenigen, die damals Assistenten waren, die heute 40- bis 50-Jährigen, sind jetzt in den Leitungspositionen der Kliniken. Und die sollten jetzt „freiwillig“ darauf achten, dass sich ihre Mitarbeiter nicht überlasten, wo sie doch selbst früher solche Mammut-Dienste locker weggesteckt haben? Ich fürchte, das Arbeitszeitgesetz wird nur mit Druck von außen durchzusetzen sein. Aber auch hier werden sich Auswege finden: Wenn die Stechuhren eingeführt sind, werden die „engagierten“ Assistenzärzte die Klinik pünktlich um 16.00 Uhr durch den Haupteingang verlassen und um 16.10 Uhr durch den Hintereingang wieder betreten. Dies kann kein Gewerbeaufsichtsamt flächendeckend kontrollieren – aber der Chef wird es honorieren.
Dr. med. Ulrike Weiß, Wellerdings Hof 7, 49401 Damme
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