ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Raus aus dem Jammertal: Denken ist striktens reglementiert

THEMEN DER ZEIT: Diskussion

Raus aus dem Jammertal: Denken ist striktens reglementiert

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2336 / B-1895 / C-1738

Steinmeier, Til

zu unserer Berichterstattung vom 104. Deutschen Ärztetag über Ausbeutung junger Ärztinnen und Ärzte von Jens Flintrop in Heft 22/2001
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LNSLNS Besonders bemerkenswert am 104. Deutschen Ärztetag ist, dass diesem Gremium immerhin schon nach 13 Jahren die systematisierte und erbarmungslose Ausbeutung junger Ärzte auffällt und zum Thema gemacht wird. Würde den Krankenschwestern das Gehalt und die Arbeitszeit eines AiP angeboten, hätten wir längst Revolte und Revolution in den Krankenhäusern.
Das hängt wohl damit zusammen, dass im ärztlichen Denken überwiegend immer noch mittelalterlicher Dogmatismus, militärische Hierarchien und vielfach schlechte Umgangsformen „state of the art“ sind. Freies, unabhängiges Denken ist in den Strukturen unserer behördenartigen Krankenhäuser immer noch genauso unerwünscht wie in der von der Geschichte beseitigten DDR. Wesentliche Ursachen sind wohl einerseits der totalitäre, dogmatische Anspruch der Universitätsmedizin als einzig und allein Recht habende und selig machende Wahrheit und andererseits das Geldsparen genau an der Stelle, die am wenigsten Widerstand leisten kann. Solches Denken findet auf allen Ebenen, besonders auch in den Organisationsstrukturen, seinen entsprechenden Ausdruck.
Ein Krankenhauserlebnis veranschaulicht dieses Denken: Auf die Bemerkung eines Assistenzarztes in Hamburg, dass die Leibeigenschaft in Preußen bereits 1805 in den Stein-Hardenbergschen Reformen abgeschafft worden sei, entgegnete der Chefarzt: „Hamburg war nie preußisch.“ Was ist dieser Bemerkung eines absolutistischen Kleinfürsten hinzuzufügen?
. . . Fazit: Das Denken innerhalb der reinen Medizin ist striktestens reglementiert bis stranguliert. Die möglichen und denkbaren Organisationsformen außerhalb der reinen Medizin sind nie durchdacht und infrage gestellt worden. Wir haben in den Krankenhäusern genau dieselben Strukturen wie vor hundert Jahren. Welches Wirtschaftsunternehmen hätte mit einer solchen Firmenphilosophie auf einem wirklich freien Markt überleben können?
Man sollte einmal eine unabhängige und wirklich repräsentative Untersuchung initiieren mit der Frage, wie viele Ärzte (im Krankenhaus und niedergelassene) wirklich a) glücklich, b) zufrieden und c) langfristig einverstanden mit ihrer beruflichen Situation sind.
Dr. med. Til Steinmeier, Colonnaden 51, 20354 Hamburg
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