ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Klinische Forschung: Partnerschaft von MAs und klinischen Studien

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Klinische Forschung: Partnerschaft von MAs und klinischen Studien

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2340 / B-1995 / C-1877

Antes, Gerd; Galandi, Daniel

Zu dem Beitrag „Nutzen der systematischen Aufarbeitung“ von Dr. med. Simon Hölzer und Prof. Dr. med. Joachim Dudeck in Heft 23/2001:
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LNSLNS Zentrales Ziel systematischer Übersichtsarbeiten ist die umfassende Sichtung und Bewertung der Primärliteratur, die – wie die Autoren richtig feststellen – in diesem Umfang von klinisch tätigen Ärzten in der Regel nicht geleistet werden kann. Die Meta-Analyse (MA), häufig Bestandteil einer systematischen Übersichtsarbeit, fasst die Ergebnisse der Einzelstudien mit geeigneten statistischen Techniken numerisch zu einem Gesamtergebnis zusammen, das dann bezüglich seiner klinischen Relevanz beurteilt werden muss. Oberstes Ziel ist dabei die Minimierung von systematischen Verzerrungen (Bias). Studien mit deutlich heterogenen Ergebnissen sollten deswegen nicht im Rahmen einer MA zusammengefasst werden, da in diesen Fällen neben der zufallsbedingten Streuung der Studienresultate offensichtlich andere Faktoren eine Rolle gespielt haben (zum Beispiel Unterschiede im Patientengut der Einzelstudien). In diesen Fällen sollte vielmehr nach möglichen Erklärungen für die beobachtete Heterogenität gesucht werden und die systematische Übersichtsarbeit ohne MA durchgeführt werden. Es ist keinesfalls Sinn der MA, wie in dem Beitrag formuliert, „Studien mit inkonsistenten Resultaten zusammenzufassen“.
Die Autoren bemängeln die unkritische Anwendung von literaturdatenbasierten MA und weisen auf Verzerrungsmechanismen (wie den Publikationsbias) hin, die die Ergebnisse von MAs verfälschen können. Diese Phänomene sind jedoch keine spezifische Schwäche der MA, sondern betreffen den wissenschaftlichen Publikationsprozess allgemein. Es ist eher ein Verdienst, dass im Zusammenhang der methodischen Arbeit bei MAs die verschiedenen Bias-Quellen zunehmend besser belegt sind und verstanden werden. So wird in sorgfältig durchgeführten systematischen Übersichtsarbeiten (Cochrane Reviews) in der Regel überprüft, ob die identifizierten Studien durch den Einfluss von Selektionsfehlern (Publikationsbias) zu einem verzerrten Ergebnis führen.
Sicherlich wäre es wünschenswert, MAs häufiger auf der Basis der individuellen Patientendaten (IPD) durchzuführen, jedoch fehlt bisher die Evidenz, dass diese extrem aufwendigen Analysen zu zuverlässigeren Ergebnissen kommen als literaturbasierte MAs. Der Aufwand für vollständige Reanalysen (also IPD) ist dermaßen groß, dass angesichts der enormen Anzahl unbearbeiteter Fragestellungen in der Medizin sorgfältig abzuwägen ist, ob die verfügbaren Ressourcen für wenige IPD-Analysen oder für beträchtlich mehr literaturbasierte Bewertungen eingesetzt werden sollen. Dazu kommt, dass die Individualdaten in vielen Fällen nicht zugänglich sind, sodass oft nur die Nutzung der Daten aus Publikationen möglich ist. Keinen zusätzlichen Schutz bietet die IPD-Analyse gegenüber dem Publikationsbias, sodass die Forderung der Autoren nach mehr Einbeziehung von individuellen Patientendaten zwar theoretisch richtig ist, aufgrund der genannten Einschränkungen für die Praxis aber eher kontraproduktiv sein dürfte.
Die bekannten Grenzen von MAs sollten jedoch nicht, im Sinne einer Konkurrenz, als Argument für die Notwendigkeit kontrollierter klinischer Studien benutzt werden. Vielmehr sind MAs Beobachtungsstudien (also retrospektiv) von existierenden Studienergebnissen, randomisierte Studien dagegen ein prospektives Werkzeug für die Generierung neuer Ergebnisse. MAs kommt deswegen wesentliche Bedeutung im Rahmen der Planung klinischer Studien zu, um den Stand der bisherigen Forschung umfassend darzustellen. Inzwischen wird eine systematische Übersicht der bisherigen Studien in manchen Ländern als Bestandteil von Anträgen von neuen Studien gefordert, sodass man eher von einer Partnerschaft von MAs und klinischen Studien sprechen sollte.
Daniel Galandi, Abteilung II, Medizinische Klinik, Universitätsklinikum Freiburg, Hugstetter Straße 55, 79106 Freiburg
Dr. rer. nat. Gerd Antes, Deutsches Cochrane Zentrum, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Universitätsklinikum Freiburg, Stefan-Meier-Straße 26, 79104 Freiburg
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