ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Kongressbericht: Schwerhörigkeit und Tinnitus

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Kongressbericht: Schwerhörigkeit und Tinnitus

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2361 / B-2017 / C-1893

Zenner, Hans Peter

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LNSLNS Verbesserung der Lebensqualität als therapeutisches Ziel


Rund 13 Millionen Innenohrschwerhörige und etwa drei Millionen Tinnitusbetroffene leben in Deutschland. Schwerhörigkeit und Tinnitus bedeuten Einschränkungen oder sogar völligen Verlust der sprachlichen Kommunikation. Sprachliche Kommunikation ist jener Teil des humanen Daseins, der uns zusammen mit den höheren Hirnleistungen vom Rest der Natur völlig unterscheidet. Schwerhörigkeit und Tinnitus bedeuten daher Einschränkungen, am menschlichen Sein teilzunehmen, Vereinsamung, soziales Ausgestoßensein, bis hin zum Verlust von
Arbeitsplatz und Freundschaften. Sehschwäche, so Kant, trenne von den
Sachen, Schwerhörigkeit hingegen von den Menschen.
Die Verbesserung der Lebensqualität von Patienten mit Schwerhörigkeit und Tinnitus als therapeutisches Ziel war Thema des 25. interdisziplinären Forums „Fortschritt und Fortbildung in der Medizin“ der Bundes­ärzte­kammer, das vom 11. bis 13. Januar in Köln stattfand.
Tinnitus
Manfred Pilgram, Detmold, stellte die von ihm repräsentativ ermittelten Daten zur Häufigkeit von Tinnitus vor. Danach beträgt die Punktprävalenz von Tinnitus in Deutschland 3,9 Prozent; die Zahl von 1,5 Millionen mittelschwer bis stark Betroffener ist höher als bisher angenommen. Etwas mehr als die Hälfte der Tinnituspatienten verspürten einen hohen Leidensdruck. 250 000 neue chronische Tinnitusfälle pro Jahr hält Pilgram für eine medizinische Herausforderung, die aber auch eventuell ein gesellschaftspolitisches Umdenken verlangen.
Grundsätzlich unterscheidet man objektive von subjektiven Ohrgeräuschen. Sehr selten sind objektive Ohrgeräusche zu finden, hervorgerufen durch beispielsweise pathologische Kontraktionen von Mittelohr-, Rachen- oder Gaumenmuskulatur, Glomustumoren, sowie ausgeprägte pathologische Veränderungen der Hals- und Hirngefäße. In der Regel kann der Untersucher das Ohrgeräusch mithören, eine operative Intervention ist häufig möglich.
Bei der überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich beim chronischen Tinnitus um ein subjektives Geräusch, das in verschiedenen Qualitäten auftreten kann. Dabei ist bedeutsam, dass subjektiver Tinnitus überwiegend peripher ausgelöst wird, und zentral massiv verstärkt werden kann.
Tinnitus ist ein Symptom und keine Krankheit. Dementsprechend gibt es eine Vielzahl von Ursachen, die sich nach modernen Klassifikationen einteilen lassen. Die Klassifikation nach Zenner unterscheidet den Mittelohrtinnitus (konduktiver Tinnitus), den kochleären Tinnitus Typ 1 bis 4 und den zentralen Tinnitus (primär, sekundär).
Konduktiver Tinnitus
Vibrationen, ausgehend vom Mittelohr, können durch Tubenventilationsstörungen oder pathologische Kontraktionen der Mittelohrmuskulatur entstehen. Diese Vibrationen werden an das Innenohr weitergegeben und nicht selten als tieffrequentes Ohrgeräusch empfunden.
Kochleärer Tinnitus
Störungen im Innenohr lösen einen kochleären Tinnitus aus.
Voraussetzung für den normalen Hörvorgang ist eine Auslenkung der Stereozilie. Wird ein solches Sinneshärchen umgelenkt, öffnet sich an der Spitze eine Pore (Ionenkanal), die sich bei der Rückstellung, also nach Weiterleitung des Signals, wieder schließt. Bleibt diese Pore beim Zurückstellen offen, strömen ununterbrochen geladene Ionen (Kaliumionen) ein, und es kommt zu einer andauernden Erregung der Haarzelle.
Stereozilien sind in der Regel relativ steif. Durch ständige Überlastung (zum Beispiel überhöhte Lärmeinflüsse) kann eine Stereozilie jedoch erweichen und somit deformiert und von der Teritorialmembran abgekoppelt werden. Somit kann eine Dauerbewegung der Sinneshärchen durch die Brownsche Molekularbewegung möglich werden. Durch die reizunabhängige Dauerbewegung kann es kontinuierlich zur Erzeugung eines Signals kommen.
Die Entladung der positiven Sensorpotenziale der Sinneszelle erfolgt durch Ionenkanäle der lateralen Seite der Haarzellen. Diese Poren können ihre Durchlässigkeit verändern. Das hat zur Folge, dass die Erregung dieser Sinneszelle zunimmt, und damit Ursache für ein Dauersignal sein kann.
Im Innenohr existieren etwa 17 000 kleine Motoren, die äußeren Haarzellen oder auch Motorzellen. Sie reizen indirekt die inneren Haarzellen, wenn man hört. Herrscht Stille, dann ruhen diese Zellen. Äußere Haarzellen können sich pathologisch jedoch spontan bewegen, wenn kein Schallereignis ansteht. Sie produzieren dadurch ein Signal im Innenohr, das durch die inneren Hörsinneszellen wahrgenommen und an den Hörnerven weitergeleitet wird.
Die efferente Hörbahn dient zur Steuerung der Motoraktivität der äußeren Haarzellen. Zu starke Aktivitäten können auf diese Weise unterdrückt werden. Kommt es zur Störung dieses Unterdrückungsmechanismus, bewegen sich die Motorzellen unkontrolliert, und es kommt zum Ohrgeräusch.
Bei einer Störung des Transformationsprozesses werden zum Beispiel zu viele Transmitter freigesetzt. Man kann sich den Rezeptor am Hörnerv als Schloss und den Transmitter als Schlüssel vorstellen. Wird nun zuviel Transmitter angeboten, können verstärkt Ca2+-Ionen in den Hörnerv dringen und diesen stark schädigen (so genannter Exzitationstinnitus nach Ehrenberger).
Zentraler Tinnitus
Man unterscheidet den primären vom sekundären zentralen Tinnitus.
Primärtumoren (zum Beispiel Akustikusneurinom), zentralnervöse Erkrankungen (zum Beispiel Multiple Sklerose) oder Traumata (zum Beispiel Schädel-Hirn-Traumen) können zu einer direkten Schädigung von Hörnerv und Hörbahn mit Dauersignalerregung führen (primär zentraler Tinnitus).
Ähnlich dem Phantomschmerz, kann sich ein ursprünglich peripherer Tinnitus zentral verselbständigen. Erfolgt eine Tinnitusfehlinformation vom Ohr über längere Zeit, dann kann die Wahrnehmung für den Tinnitus hoch aktiv sein, selbst wenn nur noch ein schwaches oder sogar kein Fehlersignal mehr vom Ohr an das Gehirn gesendet wird. Man kann von einer massiven zentralen Verstärkung (Amplifikation) durch eine pathologische kognitive Fokussierung sprechen (sekundär zentralisierter Tinnitus). Man nimmt an, dass sich die zur Amplifikation führenden Rückkopplungen zwischen dem Limbischen System (Emotion) und den kognitiven Arealen des ZNS aufbaut.
Massivste Beeinträchtigungen der Lebensqualität mit Schlafstörung und Depressionen bis hin zum Suizid im Einzelfall können die Folge sein. Dieser Teufelskreis kann durch präexistente Komorbiditäten exazerbieren.
Diagnostisch ist eine genaue Untersuchung der Ohren, der Nase und des Rachens erforderlich. Als sehr sinnvoll hat es sich erwiesen, im Rahmen der anschließenden audiologischen Diagnostik die Messung des Ohrgeräusches nach Frequenz, Lautstärke und Verdeckbarkeit durchzuführen. Für eine genaue und rekonstruierbare Beurteilung der Lautheit des Geräusches ist die Messung in einzelnen dB-Schritten durchzuführen. Die Erfassung der Unbehaglichkeitsschwelle ist erforderlich, um eine eventuelle Hyperakusis zu erkennen. Des Weiteren ist es meist not-wendig, bei der Suche nach der Grundkrankheit eine interdisziplinäre Diagnostik in die Wege zu leiten. Diese sollte aber nicht nach Checkliste erfolgen (zum Beispiel HNO-Arzt, Internist, Orthopäde, Neurologe, Radiologe, Labormediziner, Zahnarzt et cetera), sondern gezielt aufgrund der Erfahrung und ausführlichen Anamnese des Arztes.
In der Regel wird ein Ohrgeräusch nur mit 2 bis 10 dB über der jeweiligen Hörschwelle gemessen. Dieses Ergebnis kann in vielen Fällen benutzt werden, dem Patienten verständlich zu machen, dass sein laut empfundenes Ohrgeräusch durch eine zentrale Amplifikation lauter empfunden wird. Um den jeweiligen Leidensdruck zu „messen“, haben sich Fragebögen, (zum Beispiel nach Goebel-Hiller) zur globalen psychischen Belastung sowie zur Tinnitusbelastung bewährt. Diese können gut bei der Diagnostik, aber auch zur Therapiekontrolle eingesetzt werden.
Um eine pathologische psychische Reaktion auf den Tinnitus zu diagnostizieren und eine präexistente Komorbidität im psychischen Bereich zu sichern oder auszuschließen, kann nach Ansicht von Eberhard Biesinger, Traunstein, bei dekompensierten Fällen eine psychologische Diagnostik notwendig sein. Sie soll Klarheit darüber bringen, ob fehlende oder nicht initiierte Habituationsmechanismen zu einer Dekompensation mit pathologischer Fixierung auf das Geräusch geführt haben oder ob eine primäre Komorbidität (zum Beispiel primäre Angststörung, primäre Depression) mit sekundärer Verstärkung eines Tinnitus vorliegt. Entscheidend für eine moderne Tinnitusversorgung ist, den Patienten zur psychologischen Diagnostik nicht „wegzuschicken“, sondern diese zusammen mit der medizinischen Diagnostik durchzuführen. Die Ergebnisse werden in einer Tinnituskonferenz gemeinsam besprochen, wobei die subjektiven Krankheitstheorien mit den Ergebnissen der psychologischen und der ärztlichen Diagnostik in Einklang gebracht werden sollen.
Therapieansätze, meinte Biesinger, zielen zunächst einmal auf die ursächliche Beseitigung der meist im Innenohr liegenden Ätiologie. Zuverlässige Behandlungsverfahren, die im Sinne ei-
ner Differenzialindikation angewendet werden können, stehen allerdings gegenwärtig nicht zur Verfügung. Vielmehr wird man bei Arzneimitteln nach den statistisch am häufigsten zu einem Erfolg führenden Substanzen greifen. Positive Doppelblindstudien liegen bisher nur für Lidocain und Caroverin vor. Lidocain steht in Deutschland zur Verfügung und wirkt offenbar auf Ionenkanäle, wie sie im Innenohr häufig zu finden sind. Caroverin ist ein NMDA-Rezeptor-Blocker (Ehrenberger), der an der Synapse zwischen inneren Haarzellen und afferenten Nervenfasern wirksam ist, in Deutschland allerdings zur Routineversorgung nicht zur Verfügung steht. Weitere wichtige Arzneimittel, für die Doppelblindergebnisse allerdings noch ausstehen, sind Cortison und plasmaviskositätserniedrigende Substanzen.
Der Einsatz der hyperbaren Sauerstofftherapie beruht auf der anatomischen Besonderheit, dass die zellulären Strukturen des Innenohres nicht direkt perfundiert werden. Eine Sauerstoffanreicherung über normobare Verhältnisse hinaus kann nur mittels Steigerung des physikalisch gelösten Sauerstoffs im Gewebe erreicht werden. Dies gelingt, experimentell bestätigt, am Innenohr mithilfe einer hyperbaren Sauerstoffanwendung.
Von den Kritikern der Hyperbarmedizin wird jedoch der Sauerstoffmangel als Ursache vieler Tinnitusbeschwerden infrage gestellt. Auch werden Studien mit Randomisierung und Verblindung erwartet.
Beim häufigen arzneimittelrefraktären, dekompensierten, chronischen, sekundär zentralisierten Tinnitus steht heute die zeitaufwendige neurophysiologische Tinnitus-Bewältigungs-Therapie (TBT, auch: Tinnitus-Care-Therapie, Neurodensibilisierung) im Mittelpunkt. Eine TBT ist eine ärztliche Therapie auf neurophysiologischer Grundlage und umfasst definierte, tinnitusspezifische neurodesensibilisierende Prozeduren, die den Teufelskreis der zentralen Verstärkung durch pathologische Fokussierung auf den Tinnitus im kognitiven Bereich aufbrechen sollen. Hinzu kommen Prozeduren der psychosomatischen Grundversorgung des Arztes.
Etwa 30 evidenzbasierte Prozeduren, zum Beispiel nach Kröner-Herwig, nach Jastreboff oder nach Hazell, stehen zur Verfügung. Beim einzelnen Patienten wird ein Teil dieser Prozeduren diagnosebasiert therapeutisch genutzt. Es handelt sich um einen in der Regel fünf bis 20 Sitzungen umfassenden Therapiezyklus, der zu einer auditiven Umlenkung zum Beispiel mittels physikalischer (Schall) und kognitiver Verfahren führt. Damit kann bei sehr vielen Patienten die zentrale Wahrnehmung (nicht jedoch die tatsächliche periphere Existenz) des Tinnitus herabgesetzt werden, sodass die Lebensqualität, obwohl peripher nicht geheilt, nachhaltig gebessert wird. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ist eine Reintegration des Arbeitsunfähigen in die Arbeitswelt möglich.
Desensibilisierung durch neurophysiologisches Counselling
Bei dieser TBT-Komponente wird umfassend aufgeklärt wie und wodurch das Ohrgeräusch entstanden ist. Dieses Verfahren trägt sehr häufig zur emotionalen Desensibilisierung bei. Dem Patienten wird beispielsweise vermittelt, dass Tinnitus keine Krankheit ist, sondern ein Symptom darstellt und kein Grund vorhanden ist, in Panik zu geraten. Ferner wird darauf hingewiesen, dass die eventuell präexistente Komorbidität, welche zum Tinnitus beiträgt, gelöst werden muss. Dem Patienten wird erklärt, dass er lernen kann, sich willentlich auditorisch anderen Ereignissen als dem Tinnitus zuzuwenden (Defokussierung).
Desensibilisierung durch akustisches Retraining
Sich willentlich akustisch anderen Dingen zuzuwenden, das heißt die auditorische Aufmerksamkeit wieder bewusst auf die Umwelt zu richten, dient dem Abbau der Rückkopplung zwischen Aufmerksamkeit und Wahrnehmung. Bei dieser TBT-Komponente sind Geräusch- und Klangtherapie sowie bewusste Aufmerksamkeitslenkung auf Umweltgeräusche erfolgreiche Therapiemöglichkeiten. Dazu werden zum Beispiel Masker (auch Noiser oder Rauschgeräte genannt) in der Tinnitustherapie als akustische Hilfsmittel verwendet. Der Einsatz von solchen Rauschgeräten ist ein Teil der Tinnitus-Retraining-Therapie. Man wendet sich einer externen Schallquelle zu, um sich auf diese Art und Weise kognitiv von der eigenen „Schallquelle“, das heißt vom Tinnitus abzuwenden (Training der Aufmerksamkeitsumlenkung). Psychosomatische Therapiekomponenten können zum Beispiel emotionale Defokussierung, die Bewältigung von Komorbiditäten oder die Präventionsberatung sein.
Innenohrschwerhörigkeit
Klaus Seifert, Neumünster, berichtete über die Behandlungsmöglichkeiten der Innenohrschwerhörigkeit, insbesondere im Alter. Da keine Arzneimittel zur Verfügung stehen, sind moderne konventionelle Hörgeräte sowie Hörimplantate heute das Fundament der Therapie einer jeden Innenohrschwerhörigkeit. Dabei stehen Höchstleistungshörgeräte mit digitaler Signalverarbeitung zur Verfügung, die technisch kaum noch Wünsche übrig lassen.
Zweiklassenversorgung bei Hörgeräten
Bei der Frage, welche Probleme, Bedürfnisse und Erwartungen bei konventionelle Hörgeräten auftreten, stehen zunächst finanzielle Probleme im Vordergrund. Sie betreffen alle GKV-versicherten Hörgeräteträger gleichermaßen. Fast jeder Hörgeräteträger oder Hörgerätesaspirant in Deutschland weiß heute, dass er ohne Zuzahlung ausreichende bis gute Geräte auf Kosten der Krankenkasse bekommen kann. Für bessere Hörgeräte muss er entweder einen wesentlichen Teil der Kosten selber tragen oder, wenn er die Zuzahlung nicht leisten kann oder will, darauf verzichten. Hochwertige Hörgeräteversorgungen bei über 30 Jahre alten Personen lassen heute Zuzahlungen für GKV-Patienten von bis zu 40 000 DM erwarten. Eine Härtefallregelung gibt es nicht.
Entgegen den anders lautenden Beteuerungen von Gesundheitspolitikern und Krankenkassenvertretern arbeitet hier die deutsche gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung mit einer typischen Zweiklassenversorgung: Nur wer zuzahlen kann und will, hat Zugang zu den besseren Hörgeräten. Dies ist um so mehr unverständlich, als die Gesamtkosten für Hörhilfen gerade einmal 0,2 Prozent der Gesamtausgaben der GKV beanspruchen.
Bessere Hörgeräte aus der Sicht des Hörbehinderten sind solche, die eine optimale Leistung für das Sprachverstehen bieten. Dies steht beim höhergradig Schwerhörigen besonders im Vordergrund. Dabei erwartet er, dass wenig oder besser gar kein Eigenrauschen und kein Rückkoppelungspfeifen auftreten. Seine Hörgeräte sollen in allen Situationen die gleiche Verbesserung der Sprachverständlichkeit und ein angenehmes Hören gewährleisten. Je einfacher dabei die Bedienung der Geräte ist, umso besser werden sie bewertet. Der Batterieverbrauch sollte möglichst gering sein, denn auch die Batteriekosten spielen eine erhebliche Rolle in der Zweiklassenversorgung.
Es gibt wenige Fälle einfacher linearer Schwerhörigkeit, bei der nur die Eingliederung eines banalen Linearverstärkers erforderlich ist. Eine perfek-
te Anpassung, insbesondere bei den schwierigeren, höhergradigen Innenohrhörverlusten mit Recruitment, verlangt hingegen, dass der Hörgeräteakustiker die moderne Entwicklung der Hörgerätetechnik und der Anpassverfahren beherrscht. Aber auch der Arzt hat sich auf diesem Gebiet ständig fortzubilden: Er muss um die Bedeutung der Unbehaglichkeitsschwelle wissen, und Begriffe wie GC und PC, AGC, Tonblenden und Passfilter, Tief-, Mittel- und Hochtonkanal, Störschallunterdrückung, digitale Programmierung, automatische Regelung, Mehrprogrammtechnik, Fernbedienung, digitale Signalverarbeitung, Mehrfachmikrofon-Technik müssen ihm geläufig sein. Der HNO-Facharzt sollte auf jeden Fall für die Erfolgskontrolle die Hörfeldskalierung beherrschen.
Die letztlich vom Hörgeräteakustiker ausgewählten Hörgeräte sollten immer das Ergebnis einer „vergleichenden Anpassung“ sein, das heißt ausgewählt unter dem Gesichtspunkt des „angenehmsten Hörens“ und Handlings aus einer Gruppe von Geräten gleicher Leistungsklasse. Bei der so genannten „gleitenden Anpassung“, bei der nach eingetretener Gewöhnung Frequenzbereich und Verstärkung in kleinen Schritten erhöht werden bis zur optimalen Nutzung, zeigt sich eine gute Zusammenarbeit von Arzt und Hörgeräteakustiker besonders deutlich.
Ob eine ein- oder beidohrige Versorgung jetzt oder später stattfinden soll, ist eine wichtige Grundfrage. Die sofortige beidohrige Hörgeräteversorgung, soweit technisch und pathophysiologisch möglich, ist die einzig sinnvolle Versorgung beidohriger Schwerhörigkeit. Sie setzt sich zwar mittlerweile auch in Deutschland zunehmend durch, allerdings erfolgt dies erstaunlich uneinheitlich: So gibt die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker als Bundesdurchschnitt immer noch kümmerliche 35 Prozent einer beidohrigen Hörgeräteversorgung an, regional aber hat sich durchaus ein Anteil von 60 bis 65 Prozent durchgesetzt. Es ist bedauerlich, dass es immer noch Ärzte gibt, die aus falsch verstandener Sparsamkeit eine Versorgung nur eines Ohres für ausreichend und zweckmäßig ansehen, und die nicht verstehen wollen oder können, dass sie ihrem Patienten damit gerade den wichtigsten Gewinn der Hörgeräteversorgung vorenthalten: das verbesserte Sprachverstehen im allgegenwärtigen Umgebungsgeräusch.
Bei einer Wiederversorgung ist sehr häufig festzustellen, dass ein einzel-
nes Hörgerät bisher ungern und ohne Überzeugung als lästige, wenn auch notwendige Hilfe, getragen worden ist, und dass die neue beidohrige Versorgung nun plötzlich zur vollen Akzeptanz führt.
Trotz hochleistungsfähiger Hörgeräte entstehen an der Schnittstelle zwischen Hörgerät und Ohr in einem Teil der Fälle physikalisch-akustische Probleme, die zur Folge haben, dass das nahezu perfekte Schallsignal des Hörgerätes bis zum Trommelfell verzerrt wird. Darüber hinaus können Hörgeräte in Einzelfällen chronische Entzündungen des Gehörgangs hervorrufen oder vom Patienten aufgrund einer Erkrankung der Hand nicht an das Ohr angepasst werden. Auch kann der Beruf das Tragen von Hörgeräten (zum Beispiel wenn Stethoskope benutzt werden müssen) nicht zulassen. In all diesen Fällen sind konventionelle Hörgeräte kein zweckmäßiges Hilfsmittel und daher nicht angezeigt. Diesen Patienten stand in der Vergangenheit kein ausreichendes und kein zweckmäßiges Therapieverfahren zur Verfügung.
Hörverstärkerimplantate
Diese Situation hat sich grundsätzlich gewandelt: Treffen spezielle Indikationen zu, kann einem Teil der Betroffenen heute mit Hörverstärkerimplantaten (AI, Amplifier Implants) geholfen werden, welche zweckmäßig und ausreichend und damit notwendig sein können.
Über teilimplantierbare Hörimplantate zur Behandlung der Innenohrschwerhörigkeit berichtete Arne Ernst, Berlin. Hans Peter Zenner, Tübingen, stellte vollständig implantierbare Hörimplantate vor. Sie bestehen grundsätzlich aus einem Sensor zur Schallaufnahme, einer elektronischen Steuerung und Verstärkung, einem elektromechanischen Wandler sowie einer Energiequelle. Der Wandler wird an den Amboss angekoppelt und produziert vibratorische Oszillationen, die über den Amboss an das Innenohr weitergegeben werden.
Pathophysiologisch leidet die überwiegende Mehrzahl der Innenohrschwerhörigen an einer Insuffizienz des auf die Motilität der äußeren Haarzellen zurückgehenden kochleären Verstärkers (Cochlear Amplifier, CA). Da der kochleäre Verstärker für Hörempfindlichkeit, Frequenzselektivität und für die Produktion der otoakustischen Emissionen verantwortlich ist, macht sich ein Verlust des kochleä-
ren Verstärkers klinisch in positivem Recruitment, teilweisem oder vollständigem Verlust der otoakustischen Emissionen, Schwellenanhebung (Hörverlust) sowie Sprachdiskriminationsverlust bemerkbar.
Dem pathophysiologischen Konzept entsprechend ersetzt der Verstärker in einem implantierbaren Hörsystem bei mittel- bis hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit partiell – nämlich für die Hörempfindlichkeit – den physiologischen kochleären Verstärker: Statt einer Verstärkung des Schallsignals im Innenohr erfolgt die Verstärkung im Implantat. Das aus dem Implantat stammende verstärkte mikromechanische Signal stimuliert unter Umgehung ausgefallener äußerer Haarzellen direkt die inneren Haarzellen des Innenohrs. Derartige implantierbare Hörsysteme sollten daher mikromechanisches Ersatzimplantat für den Innenohrverstärker sein (Amplifier Implantat).
Ganz anders als beim Hörgerät verlässt das Hörsignal den Wandler des Implantats nicht als Schall, sondern als mechanische Oszillation, die unter Umgehung der Luft als Vibration in das auditorische System eingekoppelt wird. Derartige Hörimplantate bieten gegenüber einem konventionellen Hörgerät akustische Vorteile hinsichtlich Klangqualität und Verzerrungen. Bei im Gehörgang implantiertem Sensor (bei Vollimplantaten) ist außerdem ein Gewinn an Störschallunterdrückung durch verbessertes Sprachverständnis bei Hintergrundlärm und eine Schalllokalisation (erleichtert die Separation von Stör- und Nutzschall) aufgrund der natürlichen Richtcharakteristik des Außenohres möglich. Darüber hinaus kann ein Vollimplantat Vorteile im täglichen Leben (Haarewaschen, Schwimmen, Duschen, Windgeräusche) sowie bei der Rehabilitation bestimmter Berufsgruppen (Lehrer, Berufsköche, Sitzungsleiter, Ärzte) haben.
Die Indikationskriterien für Hörimplantate sind in einer Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie, festgeschrieben. Die wichtigsten Patientengruppen, die für eine Implantation infrage kommen, sind Patienten mit chronischen Gehörgangsproblemen sowie Patienten, die unzureichend mit einem konventionellen Hörgerät versorgt sind. Eine erste europäische Studie erbrachte bereits vor vier Jahren, dass die Patienten vor allem die hohe, natürliche Klangqualität, eine Verbesserung des Sprachverständnisses im Störgeräusch sowie das Wegfallen des Okklusionseffekts des Gehörgangs nutzen.
Teil- und vollimplantierbare Hörsysteme bieten erstmals eine Therapiemöglichkeit für diejenigen Innenohrschwerhörigen, für die Hörgeräte nicht zweckmäßig sind.
Die Aufnahme von Implantaten in das therapeutische Arsenal von Innenohrschwerhörigkeiten mag überraschend klingen für diejeningen, die davon ausgehen, dass für alle Patienten Hörgeräte als ausreichendes Therapieverfahren verfügbar sind. Aber: So exzellent heutige Hörgeräte sind, sie helfen nur bei einem Teil der Betroffenen. Einem anderen Teil der Kranken bringen sie nicht den erhofften Nutzen, sind also in diesen Fällen nicht zweckmäßig und nicht ausreichend. Diese Patienten würden im Ergebnis ohne Behandlung bleiben, wenn nicht für einige unter ihnen die Implantation als einzige zweckmäßige Therapie möglich wäre. Aber – auch hier haben wir in Deutschland leider eine Zweiklassenmedizin.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult.
Hans Peter Zenner
Universitäts-Hals-Nasen-Ohren-Klinik
Silcherstraße 5
72076 Tübingen

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