ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Günter Grass: Der Schriftsteller als Zeichner und Bildhauer

VARIA: Feuilleton

Günter Grass: Der Schriftsteller als Zeichner und Bildhauer

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2368 / B-2024 / C-1900

Gold, Dagmar

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LNSLNS Fast jeder kennt Günter Grass als großen Schriftsteller. Sein zeichnerisches und bildhauerisches Werk ist dagegen vielen Lesern unbekannt. Die Unbedenklichkeit des 19-Jährigen war es, die Günter Grass im Winter 1946/47 bei Frost und Hunger dazu brachte, alles auf eine Karte zu setzen: Er wollte Bildhauer werden.
Zunächst ließ er sich in zwei Düsseldorfer Grabsteinbetrieben als Steinmetz und Steinbildhauer ausbilden. Von 1948 bis 1952 studierte er dann an der Düsseldorfer Akademie bei Prof. Otto Pankok. Das Wirtschaftswunder stellte sich ein, und die beginnenden 50er-Jahre brachten die ersten Reisepässe. Also zog der junge Günter Grass nach Italien.
Die Frankreichreise im darauf folgenden Jahr hat Grass die Einsicht gebracht, dass ein fordernder Lehrer fehlte. Ortswechsel war angesagt: auf nach Berlin, wo sein Wunschlehrer, der Maler Karl Hartung, lehrte. Mit Zeichnungen und Radierungen fand Grass schließlich seinen eigenen Stil. Bäume und Pilze, Windhühner und Hähne, Fische, Schnecken und anderes Getier waren häufige Motive. Hühner bildeten das Titelgedicht des ersten Bandes „Die Vorzüge der Windhühner“. Bereits vor Veröffentlichung wurde er von der „Gruppe 47“ eingeladen, wo er den Lektor des Luchterhand-Verlags traf. Zeichnen und Schreiben, die zuvor verschiedene Wege gingen, fanden in diesem Buch zusammen.
Es folgten einige Jahre in Paris, wo Grass „Die Blechtrommel“ fertig stellte. 1960 kehrte er nach Berlin zurück. Mit Geld und Tatendrang widmete er sich neuen Vorhaben. Hatte der Band „Wildhühner“ filigrane Federzeichnungen gefordert, so wurden die Gedichte in „Gleisdreck“ durch flächige Kohlezeichnungen ergänzt. 1972 begann Grass mit der kontinuierlichen Arbeit an druckgrafischen Werken. Ende der 70er-Jahre erneute künstlerische Wende. Grass begann mit Töpferton zu arbeiten und griff thematisch auf „sein“ Getier zurück – Butt oder Schnecke, die Aale, die Gans. Auch die Köche mit Kochmützen entstanden in dieser Zeit. Viel später werden sie in Bronze gegossen. „Die Köche“ heißt das Ensemble aus zwei mittelgroßen Skulpturen.
1983 hatte Günter Grass das Manuskript für „Die Rättin“ beendet. Auf den folgenden Reisen nach Portugal und Kalkutta nahm er stets sein Skizzenbuch mit und zeichnete im Freien und über den Dächern der Stadt. Naturstudien entstanden, in denen Bäume bildbestimmend sind. Es sind Dokumente, die vor Ort im Erzgebirge, in einem dänischen Mischwald oder hinter seinem Behlendorfer Haus entstanden. Dieser Arbeitsprozess zog sich bis in den Herbst 1989 hin und manifestierte sich in der Lithographien-Mappe „Kahlschlag“ ein Jahr später.
1995 übergab Grass seinem Verlag das Manuskript „Ein weites Feld“. „Wieder einmal enteignet, zudem leergeschrieben und als Zeichner um letzte Grauwerte gebracht“, steht der Künstler vor dem Nichts. Er kramt den Aquarellkasten hervor und beginnt Ausschnitte von Buchenwäldern mit grauen, roten und blauen Pinselstrichen aufs Papier zu bringen.
Das Aquarellieren gibt den Anstoß für die Arbeit mit der lithographischen Drucktechnik. Mit fetthaltiger Tusche zeichnet Günter Grass eine Buchenlandschaft auf der dänischen Insel Moen. Sechs Aluminiumplatten sind nötig, um übereinander gedruckt eine mehrfarbige Grafik entstehen zu lassen. 2001 wurde dieses Motiv in kleiner Auflage in einer künstlerischen Steindruckwerkstatt in Großpösna gedruckt. Und später entstehen schließlich die hellen Sommerlandschaften „Rapsfeld“ und „Sommer am Kanal“.
1999 erreichte Günter Grass die Nobelpreis-Nominierung. Als Schriftsteller hat Grass alles erreicht. Es lohnt aber auch, das reiche Œuvre des bildenden Künstlers Günter Grass zu entdecken. Dagmar Gold


„Als bildender Künstler bin ich gelernter,
als Schreiber ungelernter Künstler.“ Günter Grass
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