ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Gehirntumoren: Temozolomid verlängert Überlebenszeit

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Gehirntumoren: Temozolomid verlängert Überlebenszeit

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2372 / B-2028 / C-1904

Hoc, Siegfried

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LNSLNS Die häufigste Gruppe der Gehirntumoren sind die Gliome. Die Prognose der Patienten bestimmt der histopathologische Differenzierungsgrad des Tumors und der zelluläre Subtyp – also astrozytär oder oligodendroglial. Auch Lebensalter und Aktivitätsindex des Patienten beeinflussten die Prognose, erinnerte Prof. Martin Stuschke (Essen) bei einem Workshop der Essex Pharma GmbH in München.
Nach den Prognosefaktoren richtet sich die Therapie der Gliome. Sie zeichnen sich durch ein häufig weit infiltrierendes Wachstum und geringe Empfindlichkeit gegenüber den derzeit verfügbaren Zytostatika und der Strahlentherapie aus. Eine Operation ist nicht bei allen Patienten durchführbar. In den operablen Fällen ermöglicht sie eine exakte histopathologische Diagnose und eine Tumorreduktion.
Moderne Hilfstechniken für den Neurochirurgen
In der OP-Planung und technischen Durchführung des Eingriffs seien deutliche Fortschritte erzielt worden, sagte Dr. Friedrich Weber (Düsseldorf). So dient die Neuronavigation der präoperativen Planung und Operationssimulation. Der intraoperative Einsatz der Magnetresonanz-Tomographie gibt dem Chirurgen eine Echtzeitinformation über den Operationssitus. Referenzierter 3-D-Ultraschall, Navigation-integrierter Ultraschall (NIOUS), NIOUS-geführte Biopsie, Stoffwechselbildgebung durch Positronen-Emissions-Tomographie (PET) und Kernspinspektroskopie sind weitere moderne Hilfstechniken für den Neurochirurgen.
Niedriggradige Gliome (Astrozytome und Oligodendrogliome WHO Grad I und II) sollten, falls möglich, primär mikrochirurgisch angegangen werden. Durch postoperative Strahlentherapie wird zwar eine bessere lokale Tumorkontrolle erreicht, jedoch kein Überlebensvorteil. Übereinstimmung bestehe darin, dass Patienten mit symptomatischen oder progredienten niedriggradigen Gliomen einer Strahlentherapie zugeführt werden sollten, so Dr. Anca-Ligia Grosu (München). Größere Gliome mit diffusem infiltrierendem Wachstum werden oft primär strahlentherapeutisch behandelt.
Bei höhergradigen Gliomen (Astrozytome und Oligodendrogliome Grad III und IV) ist die Mikrochirurgie der erste Schritt in der Behandlungsstrategie, wobei so radikal wie möglich vorgegangen werden sollte. Die postoperative Strahlentherapie verlängere die mittlere Überlebenszeit signifikant, so Grosu.
Die Radiochemotherapie hat in der Behandlung maligner primärer Gehirntumoren einen hohen Stellenwert erlangt. Eingesetzt wurden in erster Linie Nitrosoharnstoffe und Procarbazin im Anschluss an die Bestrahlung. Keines dieser Therapieschemata konnte jedoch das Schicksal der Patienten wesentlich beeinflussen. Die mittlere Überlebenszeit betrug selten mehr als sieben Monate. Dazu kam, dass die Lebensqualität der Patienten infolge der hohen Toxizität der Medikation sehr beeinträchtigt wurde.
Die Situation habe sich mit der Einführung von Temozolomid (Temodal®) geändert, betonte Dr. Roger Stupp (Lausanne). Diese oral anzuwendende Alkylans wird schnell und vollständig resorbiert, passiert schnell die Blut-Hirn-Schranke und tritt nahezu zu 30 Prozent in den Liquor über. Temozolomid (TMZ) depletiert das Enzym 0 6-Alkyltransferase. Dieses Enzym katalysiert die Reparatur der durch alkylierende Substanzen induzierten DNS-Brüche. In-vitro-Studien haben gezeigt, dass TMZ eine additive oder synergistische Aktivität mit der Radiotherapie entfaltet.
In einer Pilotstudie mit 64 Patienten konnten Stupp et al. zeigen, dass die simultane, kontinuierliche tägliche Gabe von TMZ eine Stunde vor der Bestrahlung durchführbar ist. Schwere Thrombozytopenie und Neuropenie tritt bei weniger als zehn Prozent der Patienten auf. Eine erste Analyse der Überlebensrate dieser Patienten mit einer operativen Tumorreduktion in 76 Prozent der Fälle ergab eine mittlere Überlebenszeit von 16 Monaten und eine 18-monatige Überlebenszeit von 35 Prozent. Diese ermutigenden Resultate werden nun in einer randomisierten internationalen Studie (EORTC-Studie) überprüft.
Untersuchungen bei Hirnmetastasen
Dr. Michael Schroeder (Duisburg) berichtete über neue Möglichkeiten der Radiochemotherapie mit TMZ in der Behandlung zerebraler Metastasen sowohl von hirneigenen Tumoren als auch von nichtkleinzelligen Bronchialkarzinomen, Weichteilsarkomen und anderen Malignomen. TMZ wurde in einer Dosierung von 150 mg/m2/Tag am ersten bis fünften Tag alle vier Wochen gegeben und mit der Strahlentherapie kombiniert.
Die Patienten mit nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinom erreichten eine komplette Remission, lediglich ein Patient zeigte eine Progression der Hirnmetastasen. Nur einer von den Patienten mit Metastasen eines Melanoms erreichte eine minor response. Die Patientin mit Metastasen eines kolorektalen Karzinoms erreichte eine partielle Remission für neun Monate. Die Patientin mit Hirnmetastasen eines Mammakarzinoms profitierte nicht von der Therapie. Die fünf Patientinnen mit metastasiertem Weichteilsarkom erreichten in einem Fall eine komplette, in drei Fällen eine partielle Remission.
Die therapeutischen Vorteile von TMZ gegenüber herkömmlichen Zytostatika liegen in der oralen Applikation und in der guten Verträglichkeit. Das erlaubt eine ambulante Therapie, die für die Patienten mit einer nur noch begrenzten Lebenserwartung vital wichtig ist. Auch ist die Substanz in der Lage, die progressionsfreie Zeit und die Gesamtüberlebenszeit signifikant zu verlängern. Siegfried Hoc
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