ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2001Praktisches Jahr in Südafrika: Soweto sitzt tief

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Praktisches Jahr in Südafrika: Soweto sitzt tief

Dtsch Arztebl 2001; 98(37): A-2374 / B-2047 / C-1899

Kowalczyk, Sabine

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LNSLNS „Neulich kam jemand, dem der Zulu-Speer noch im Rücken steckte – fast schon skurril.“ Die Medizinstudentin Susanne Reinöhl wundert sich im Baragwanath-Hospital in Johannesburg über fast gar nichts mehr. Vier Monate leistet sie hier innerhalb ihres „Praktischen Jahres“ (PJ) Entwicklungshilfe der härteren Art und sieht das Elend Tag für Tag: Opfer von Gewalt, Verkehrsunfällen, Schussverletzte. Intensivstation Südafrika.
Aus Überzeugung hat sich die 26-Jährige über das Internet das „Bara“ als Praktikumsplatz ausgesucht – und erlebte zunächst einmal einen Schock: Mit rund 4 000 Betten ist es das größte Krankenhaus der Südhalbkugel. Einzugsgebiet ist Soweto, das Township am Rande von Johannisburg mit rund zehn Millionen Einwohnern. Personal ist knapp, Behandlung wie am Fließband ist üblich: „Wer wirklich dringend ist, bekommt einen roten Aufkleber auf die Stirn“, erklärt die Berlinerin. „Urgent“ steht darauf – nur wer diesen Sticker trägt, muss nicht stundenlang warten. Mit solchen „Zweckmäßigkeiten“ hat sich die angehende Ärztin abgefunden. Ebenso mit der „Station“, einem Raum mit 50 bis 60 Betten.
„Gun free zone“ steht auf einem Schild. „Man lernt hier, dass andere Menschen anders denken, ein anderes Verständnis von Krankheit und Familie haben“, sagt Susanne Reinöhl. Selbstkritisch hat sie erkannt, dass es lohnender sein kann, mit kleinen Gesten viel zu erreichen, als „irgendwelche Wohlstandserkrankungen“ auf der Nordhalbkugel zu behandeln. Ihren Weg nach Südafrika hat die Medizinstudentin nicht bereut. Was sie schätzt, ist die Selbstständigkeit, Entscheidungen tref-fen zu dürfen. „Selbstverständlich habe ich die Hoffnung, dass ich etwas verbessern kann“, sagt sie – und könnte gleichzeitig am Desinteresse ihrer südafrikanischen Kollegen verzweifeln: „Viele sind Ärzte aus Prestige und wollen einen Haufen Geld verdienen.“ Die könne man zur Not noch anschreien. Gegen das Phlegma des Pflegepersonals jedoch sei sie völlig hilflos. „Dieses Hospital funktioniert nur, weil ein paar Menschen ihr Leben und ihre Liebe investieren.“
Afrika hat sie geprägt: „Seit ich im Bara gearbeitet habe, weiß ich, dass ich nicht mehr in Deutschland arbeiten möchte.“ Nach dem Examen will Susanne Reinöhl zwar jenseits von Afrika ihren Facharzt machen. „Aber dann auf jeden Fall wieder in ein Entwicklungsland.“ Sabine Kowalczyk
Entnommen aus: Junge Karriere,
Heft Nr. 6 vom 1. Juni 2001


„Wer wirklich dringend ist, bekommt einen roten Aufkleber auf die Stirn.“
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