ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Deutscher Apothekertag 2001: Verschiebungen auf der Prioritätenliste

POLITIK

Deutscher Apothekertag 2001: Verschiebungen auf der Prioritätenliste

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2393 / B-2063 / C-1915

Flintrop, Jens

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LNSLNS Überschattet von den Ereignissen in Amerika, besprachen die Apotheker in München Themen, die kurz zuvor noch im Zentrum der politischen Diskussionen gestanden hatten.

Zwei Tage nach den Terrroranschlägen in New York und Washington ist die Stimmung im ICM München gedrückt. Eigentlich wollten die Apotheker bei der Eröffnung des Deutschen Apothekertages 2001 mit Vertretern der Bundestagsfraktionen strittige Fragen wie den Arzneimittelversandhandel im Internet, die Einführung eines Medikamentenpasses oder die ärztliche Verschreibung von Wirkstoffen statt von Präparaten diskutieren. Doch bis auf Eberhard Sinner (CSU), den bayerischen Ge­sund­heits­mi­nis­ter, haben alle Politiker abgesagt. Zudem empfinden die rund 300 Apotheker im Saal 14 die Themen nicht mehr als so drängend wie noch vor einigen Tagen. Eine Absage
des Apothekertages stand für Hans-Günter Friese, Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, jedoch nicht zur Debatte. Denn: „Damit hätten wir die Zielsetzung der Terroristen mittelbar unterstützt.“ Stattdessen habe sich der Vorstand entschieden, die Veranstaltung „reduziert, schmucklos und nüchtern“ über die Bühne zu bringen.
Fachkompetenz besser nutzen
Die Apotheker könnten mehr, als sie derzeit dürften, sagte Friese in seiner Grundsatzrede. Der ABDA-Präsident plädierte dafür, dass die Apotheker in Zukunft chronisch kranken Menschen über die Arzneimittelabgabe hinaus – „quasi therapiebegleitend“ – eine individuell abgestimmte pharmazeutische Betreuung anbieten dürfen. Fehlerquelle Nummer eins bei der Arzneimittelversorgung sei weder das Arzneimittel noch der Arzt oder Apotheker, sondern der Patient. Mangelnde Compliance gefährde den Therapieerfolg und führe zu hohen gesellschaftlichen Kosten. Vermeidbare Krankenhauseinweisungen und Pflegeleistungen, zusätzliche Arztbesuche sowie Notfalleinweisungen summierten sich zu jährlichen Kosten von mehr als zehn Milliarden DM. Friese: „Es ist an der Zeit, die Fachkompetenz der Apotheker mehr als bisher zu nutzen.“
Der ABDA-Präsident begrüßte die Pläne von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD), einen Arzneimittelpass einzuführen. Eine EDV-gestützte Chipkarte habe die ABDA bereits bis zur Marktreife entwickelt. Mit dieser könnten Neben- und Wechselwirkungen von Arzneimitteln registriert werden. Friese betonte, dass eine systematisierte Erfassung von Neben- und Wechselwirkungen über eine Chipkarte beim Versandhandel nicht möglich sei: „Belassen wir es doch bei der effizienten, patientennahen und sicheren Arzneimittelversorgung durch das dichte und wohnortnahe Netz der Apotheken in Deutschland“, sagte Friese, von Applaus begleitet. Wer Versorgungssicherheit im Arzneimittelbereich wolle, dürfe sich nicht für den Versandhandel einsetzen. Die persönliche Beratung durch den Apotheker sei nicht zu ersetzen. Friese kritisierte, dass einige Krankenkassen den Versandhandel bei Arzneimitteln forderten, obwohl sie „damit genau für die Rosinenpickerei plädieren, die sie im Kassenwettbewerb untereinander ablehnen“.
Weiterhin ein Problem ist für die Apotheker der Arbeitskräftemangel. Friese forderte die Mitgliedsorganisationen auf, praktikable Angebote für Frauen zum Wiedereinstieg in ihren Beruf in der Apotheke anzubieten. Zudem soll in Gesprächen mit Hochschullehrern und der Politik erreicht werden, dass das Studienplatzangebot nicht abgebaut, sondern erhalten und gegebenenfalls sogar ausgebaut wird. Pharmazeutische Hochschulabsolventen bräuchten keine Arbeitslosigkeit zu fürchten, unterstrich der ABDA-Präsident. Frieses Arbeitsplatzversprechen für pharmazeutische Hochschulabsolventen ist durchaus bemerkenswert: Während die finanziellen Ressourcen im Gesundheitswesen immer knapper werden und das Einkommen der niedergelassenen Ärzte seit Jahren stagniert oder sogar rückläufig ist, scheinen die Apotheker genug Gewinne einzufahren, um immer mehr Personal einzustellen. Seit 1990 stieg die Zahl der Beschäftigten in den deutschen Apotheken von 99 610 auf 136 470. Da fragt sich der Beobachter, warum die Apotheker seit Jahren darüber klagen, dass ihr Berufsstand aussterbe beziehungsweise nicht genügend gewürdigt werde. Die Zahl der Apotheken erhöhte sich zwischen 1990 und 2000 eher moderat von 18 029 auf 21 592. J
Jens Flintrop
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