ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Ambulante Versorgung: Hausärzte fühlen sich diffamiert

POLITIK

Ambulante Versorgung: Hausärzte fühlen sich diffamiert

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2394 / B-2064 / C-1916

Maus, Josef

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LNSLNS Die Kritik des Berufsverbandes Deutscher Internisten (BDI)
an der „Hausarzt-Philosophie“ hat die Auseinandersetzungen zwischen Allgemeinärzten und Internisten neu entfacht.

Die Kehrtwende des Internistenverbandes bei der Gliederung der ambulanten Versorgung hat wütende Proteste unter den Allgemeinärzten provoziert. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) reagierte irritiert und besorgt auf den neuen Kurs des BDI, der die Kompetenz der Allgemeinmedizin zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung infrage stellt (dazu DÄ, Heft 27/2001). Zahlreiche Leser des Deutschen Ärzteblattes haben in Briefen an die Redaktion Stellung bezogen.
„Wenn niemand von außen auf die Ärzte einschlägt, dann machen wir es eben selbst“, schreibt Dr. med. Bernhard Reiß, Allgemeinarzt aus Sandesneben. Sein Rat an die Führung des BDI: „Erst informieren, dann denken, dann erst die Kollegen diffamieren.“
Diffamiert fühlen sich die Allgemeinärzte vor allem durch die Äußerungen des BDI-Präsidenten und des Ärztlichen Geschäftsführers des Internistenverbandes, Dr. med. Gerd Guido Hofmann und Prof. Dr. med. Peter Knuth. Die Spitze des BDI vertritt die Auffassung, dass die Allgemeinärzte noch nicht einmal ansatzweise in der Lage seien, die heutige Medizin in ihrer ganzen Vielfalt zu überblicken. Deshalb seien sie mit der ihnen zugedachten Rolle als „Lotsen durch das Gesundheitswesen“ überfordert. Überdies wären die Krankheitsbilder der großen Volkskrankheiten überwiegend der Inneren Medizin zuzuordnen.
„Mein Problem dabei ist“, schreibt Dr. med. Siegfried Hänselmann in einem Leserbrief, „dass auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch noch nie ein Krankheitsbild gesessen ist und auch nie eine Volkskrankheit. Bisher saßen da immer nur Menschen mit den verschiedensten Problemen. Und in den wenigsten Fällen ließen sich diese Probleme zwanglos einem klassischen Krankheitsbild zuordnen.“ Andreas Kalkofen, Allgemeinarzt aus Niederlungwitz, sieht das ähnlich: „Leider haben sich die Menschen in Deutschland noch immer nicht darauf verständigen können, dass jeder mit nur einer Krankheit zufrieden ist. Nein, es gibt doch tatsächlich Patienten, die auf mehrere Erkrankungen bestehen. Schlimmer noch, diese stammen oft nicht nur aus einem Fachgebiet.“ Kalkofen hält dem BDI entgegen, dass insbesondere ältere Menschen einen betreuenden Arzt brauchen, der sie auch zu Hause aufsucht.
Streit um den „Gliederungsauftrag“
Prof. Dr. med. Hans Isele, Allgemeinarzt aus Heidelberg, weist auf die
sozialmedizinische Funktion der Hausärzte hin: „Dem Hausarzt obliegen die Kontakte unter anderem zur Krankenkasse, zum Versorgungsamt, zum medizinischen Dienst und zur Pflegeversicherung. Die Internisten sollen doch froh darüber sein, dass es eine Institution gibt, die ihnen diesen oft lästigen Papierkrieg abnimmt.“
Verschiedene Leser glauben, dass den BDI weniger die Sorge um die medizinische Behandlungsqualität umtreibt. „Es geht hier“, meint Dr. med. Alexander Jakob, Allgemeinarzt aus Darmstadt, „schlicht und ergreifend auch um Geldzuteilungen, was die gesamte Debatte ungemein erhitzt.“ Jakob findet, dass die Forderung nach
einer leitliniengestützten Medizin zu Recht erhoben wird. „Doch seit wann sind wir Allgemeinmediziner die Anarchisten der Medizin?“
Uwe Poppert aus Kassel glaubt, dass der BDI in erster Linie „um das Überleben des Verbandes kämpft“. So ähnlich sieht das auch Dr. med. Ulrich Piltz, Vorsitzender des Bundesverbandes Hausärztlicher Internisten. Er schreibt: „Der BDI hat sich gegen den Verbleib der Inneren Medizin in der hausärztlichen Versorgung ausgesprochen und stellt nun fest, dass fast alle Internisten ohne Schwerpunkt weiter Hausärzte sein wollen.“
Kritik am Vorstoß des Internistenverbandes kommt auch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Ihr Zweiter Vorsitzender, Dr. med. Leonhard Hansen, befürchtet politischen Flurschaden: „Die Politik muss erneut den Eindruck haben, dass die Ärzteschaft in dieser entscheidenden Frage hoffnungslos zerstritten ist und der Gesetzgeber erneut notwendige Strukturentscheidungen auch gegen das Votum wesentlicher Teile der Ärzteschaft treffen muss.“
Hansen betont, dass die KBV und auch die Bundes­ärzte­kammer gegen-
über der Politik im Wort stehen, den Gliederungsauftrag in eine hausärztliche und fachärztliche Versorgung umzusetzen und der Allgemeinmedizin dabei die ihr zukommende Position einzuräumen. Der BDI solle sich konstruktiv daran beteiligen, statt den Gliederungsauftrag infrage zu stellen.
Die Antwort des BDI spricht nicht für Kompromissbereitschaft. Hofmann und Knuth verweisen auf den zu geringen Nachwuchs in der Allgemeinmedizin und wiederholen ihre Auffassung, „dass es keinen einheitlichen Arzttyp mehr geben kann, in dessen Weiterbildung es gelingen könnte, in allen versorgungsrelevanten Gebieten der Medizin so viele Kenntnisse zu erlangen, dass eine Grundversorgung sichergestellt wird“. Der BDI könne nicht mehr auf der Umsetzung eines nicht mehr bedienbaren Gliederungsauftrages „mit gravierenden Folgen für nur ein Fachgebiet der Medizin“ beharren. Der Verband müsse die Stimme erheben, „um den Eintritt eines schwerwiegenden Schadens für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung zu vermeiden“.
Josef Maus
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