ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Terrorangriffe auf die USA: „Unglaubliche Hilfsbereitschaft“

POLITIK

Terrorangriffe auf die USA: „Unglaubliche Hilfsbereitschaft“

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2395 / B-2045 / C-1918

Reisbeck, Bernd

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LNSLNS Ein Arzt war zum Zeitpunkt der Angriffe auf das World Trade Center vor Ort.

New York City in Flammen. 11. September 2001 – im Amerikanischen 9. 11. 01 –, 911 ist hier die Nummer der Notrufzentrale. Es ist furchtbar, all die Leichen und Leute, die aus den Fenstern sprangen, dann die nacheinander einstürzenden Hochhäuser und der Staub und Schutt – man konnte die Hand nicht vor Augen sehen, stundenlang. Die ganze Nacht war man nicht in der Lage, an die Gebäude heranzukommen, weil der Staub die Sicht verhinderte und das Atmen erschwerte oder weil die umliegenden Gebäude noch brannten oder einzustürzen drohten. Kollegen sahen Leichenteile überall und sagten, dass man das nur ertragen kann, weil diese mit dickem Staub überzogen sehr surreal wirkten. Mein Hospital (St. Vincent Hospital, NYMC) ist das nächstliegende Level 1 Trauma Center hier downtown Manhattan, doch wir bekommen kaum Patienten, weil die Bergung bisher unmöglich ist oder weil die Helfer nur Tote vorfinden.
Als ich am Morgen aus der U-Bahn stieg, sah ich den Ersten der Twin Towers in Flammen. Die ersten Rettungskräfte waren größtenteils im Gebäude, und eine der ersten Triagestellen am Fuße des World Trade Centers wurde aufgebaut, dann stürzte das gesamte erste Gebäude mit all den Leuten ein und begrub die Triagestelle – alle Helfer der ersten Welle sind tot, leere Feuerwehrtrucks mit Schutt und Asche bedeckt. Erste Gerüchte sprechen von mehr als 200 Feuerwehrleuten und 70 Polizisten und wer weiß wie vielen Rettungskräften. Ich bin zweimal vor Ort gewesen mit anderen Chirurgen und Anästhesisten. Das erste Mal sind wir drei Blocks vom Hochhaus Nummer sieben abgesetzt worden und sollten zu einer Triagestelle um die Ecke vordringen. Als wir sahen, dass die unteren Stockwerke in Flammen standen, haben wir beschlossen umzudrehen – zu gefährlich. Fünf Minuten später ist das Gebäude zusammengebrochen, und die Staubwolken und der ganze Schutt verteilten sich um die umliegenden Blocks. Das zweite Mal sind wir bis zur Triagestelle im Styvesand-Gymnasium vorgedrungen, doch auch dort kaum Patienten und scharenweise Hilfspersonal.
Der gesamte Westside-Highway war zugeparkt mit Feuerwehrtrucks, einer nach dem anderen. Tausende von Helfern ready to go in – nur darauf wartend, dass sich das Feuer und der Dunst legten. Downtown in der Nähe der Triagestelle war es wie in einer Kriegszone: dunkel, überall blinkende Lichter der Rettungsfahrzeuge, Staub, Geruch von Feuer und das Gefühl von Hilflosigkeit. Unser gesamtes Critical Care Department macht Dienst rund um die Uhr, wir schlafen in Etappen – die Schicksale, die ich höre, sind ungeheuerlich, die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung unglaublich – all die Blutspenden und Freiwilligen, die Essen und Kaffee bringen und und und.
Hoffentlich ist kein biologisches Material an Bord gewesen – Anthrax (Milzbranderreger) oder anderes. Auf den Piers und an anderen Stellen haben sie reihenweise Kühllastwagen geparkt, um die Leichen aufzubewahren – furchtbar. Ich habe den zweiten Tower einstürzen sehen und das Hochhaus Nummer sieben – wie Kartenhäuser, unbelievable. Flugzeugträger liegen mittlerweile vor New York, und Kampfflieger patrouillieren über Manhattan. Warum hat keiner das zweite Flugzeug abgeschossen, das 20!!! Minuten später in den zweiten Tower krachte? Es ist unglaublich, dass es hier keine Schützenbatterie oder Flak oder Ähnliches gibt, Manhattan ist doch Prestige-Ziel Nummer eins für Terrorangriffe.
Dr. med. Bernd Reisbeck, Critical Care Department,
St. Vincent Hospital NYMC, New York City

Ein Notfallhelfer wird aus dem zusammengestürzten Gebäude herausgeführt.
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