ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Transplantationsmedizin: Anzahl der Spenderorgane reicht nicht aus

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Transplantationsmedizin: Anzahl der Spenderorgane reicht nicht aus

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2402 / B-2071 / C-1922

Richter, Eva A.

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LNSLNS Einige Methoden könnten künftig die Abhängigkeit von Spenderorganen verringern. Dies sind bisher jedoch nur Spekulationen.

Für die Transplantationsmedizin zeichnen sich neue Perspektiven ab:
Xenotransplanation, Gewebeersatz durch tissue engineering oder durch Zellzüchtung aus Stammzellen. Diese Möglichkeiten erscheinen faszinierend. Doch besonders die Anwendbarkeit der letztgenannten Methoden ist bisher nur eine Vision und liegt in weiter Ferne. „Möglichkeiten und Grenzen der Transplantationsmedizin müssen breit und intensiv diskutiert werden“, betonte Dr. Thomas Borer-Fielding, Botschafter der Schweiz in Deutschland. Um einen internationalen Erfahrungs- und Meinungsaustausch zu fördern, veranstaltete die Schweizer Botschaft Mitte September in Berlin gemeinsam mit dem Wissenschaftsforum Berlin, den Zeitschriften „nature“ und „Spektrum der Wissenschaft“ sowie dem Veranstaltungsforum der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck das Forum „Transplantationsmedizin: Um welchen Preis gegen den Tod?“
In der Schweiz ist derzeit die Debatte über die Transplantationsmedizin und ihre Zukunftsperspektiven in vollem Gange. Im Dezember 1999 hat die Schweizer Regierung einen Gesetzentwurf über die Transplantation vorgelegt. Dieser wird inzwischen bei Kantonen, Parteien, Verbänden und interessierten Kreisen geprüft. Das Transplantationsgesetz soll dann 2004 in Kraft treten (siehe Textkasten).
Wie kaum ein anderes Gebiet der Medizin ist die Transplantationsmedizin eng mit elementaren Hoffnungen und Ängsten der Menschen sowie ethischen und emotionalen Bedenken verbunden. Ambivalente Gefühle begleiten sie von Beginn an. Die erste Nierentransplantation erfolgte 1954 in Boston, USA, durch Joseph Murray; 1967 gelang Christiaan Barnard in Kapstadt, Südafrika, die erste Transplantation eines menschlichen Herzens. Diese spektakulären Operationen lösten damals nicht nur Euphorie aus, sondern auch Kritik. So warnte der Medizinnobelpreisträger und Herzchirurg Werner Fossmann beispielsweise vor einem „Verlust sittlicher Substanz“.
Heute sind Transplantationen bereits klinischer Alltag. Spende, Entnahme und Übertragung von Organen sind in Deutschland bereits seit 1997 geregelt. Jährlich werden mehr als 400 Herzen, etwa 2 500 Nieren, 700 Lebern, knapp 200 Bauchspeicheldrüsen und mehr als 100 Lungen transplantiert. „Wir haben in den letzten Jahren sehr viel erreicht“, erklärte Prof. Dr. med. Roland Hetzer, Ärztlicher Direktor des Deutschen Herzzentrums Berlin. Er transplantierte 1983 das erste Herz in Deutschland (damals Hannover). Inzwischen wurden im Herzzentrum Berlin bereits 1 300 Spenderherzen mit Erfolg transplantiert, zum Teil auch Kindern. Die mittlere Überlebenszeit nach Transplantation betrage bei nahezu normaler Lebensqualität etwa zehn Jahre, berichtete Hetzer.
Doch die Anzahl der Spenderorgane reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Die Listen der wartenden potenziellen Empfänger sind lang: Zurzeit warten in Deutschland etwa 10 000 Menschen auf eine Niere; 381 auf ein Herz. Viele sterben, bevor sie ein Spenderorgan erhalten. Das Herz ist das einzige Organ, für das ein künstlicher Ersatz zur Verfügung steht. Vorhanden sind aber auch andere künstliche, nichtbiologische „Ersatzteile“, wie Herzklappen, Sehnen, Gelenke oder Augenlinsen.
Embryonen als Mittel zum Zweck
Herausforderungen für die Transplantationsmedizin sind heutzutage die Toleranzinduktion des Spenderorgans (Mikrochimärismus) und die Verbesserung der Immunsuppression. Das größte Ziel ist es aber, das Angebot an Ersatzgewebe zu erhöhen. Die Xenotransplantation ist jedoch mit größeren Problemen behaftet, als man zunächst vermutete. Die Abstoßungsrate ist – auch bei speziell genetisch veränderten Schweinen – sehr hoch, die Frage der Übertragung von Zoonosen auf den Menschen noch ungeklärt.
Wissenschaftler arbeiten deshalb verstärkt daran, Ersatzgewebe aus den Zellen des Patienten nachzuzüchten (tissue engineering). Bei Haut und Knorpel ist diese Methode bereits gelungen. Nun besteht zudem die Hoffnung, aus Stammzellen des Menschen Gewebe und Organe züchten zu können. Derzeit sind dies jedoch nur Spekulationen. „Da die Stammzellen eine Alternative zur Transplantation von Spenderorganen sein könnten, sind die Hoffnungen so groß“, erklärte Bischof Prof. Dr. Wolfgang Huber, Evangelische Kirche in Berlin-Brandenburg, Mitglied des Nationalen Ethikrates. Therapien mit adulten Stammzellen begrüße er, bei embryonalen Stammzellen bestünde aber die Gefahr, dass Embryonen nur als Mittel zum Zweck benutzt werden. „Wo die Verheißungen am größten sind, sind auch die größten Gefahren.“
Dr. med. Eva A. Richter
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