ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Krebskranke Kinder und Kernkraftwerke: „Datenfischen“

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Krebskranke Kinder und Kernkraftwerke: „Datenfischen“

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2405 / B-2056 / C-1927

Michaelis, Jörg; Kaatsch, Peter; Spix, Claudia

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LNSLNS Das Deutsche Kinderkrebsregister kritisiert die Bewertung
der „Bayern-Studie“ des Umweltinstitutes München zur Inzidenz von Krebserkrankungen im Umkreis von Atommeilern.

Nicht nur in der Publikumspresse, sondern auch in Fachjournalen (DÄ, Heft 30/2001) wurde kürzlich darüber berichtet, dass in der Nähe von bayerischen Atommeilern etwa 20 Prozent mehr Fälle von Krebserkrankungen im Kindesalter beobachtet wurden als erwartet. Diese Zahlen, die auf Berechnungen von Dr. Alfred Körblein vom Umweltinstitut München e.V. beruhen, wurden auch vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) bestätigt. Hierzu ist aus Sicht des Deutschen Kinderkrebsregisters eine Stellungnahme erforderlich.
Das Kinderkrebsregister wird vom Institut für Medizinische Biometrie, Epidemiologie und Informatik der Universität Mainz (IMBEI) geführt. Dort wurden zwei „Kernkraftwerkstudien“ durchgeführt und veröffentlicht (1, 2,
3, 4). Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass bei Kindern unter 15 Jahren in der Umgebung von 15 Kilometern um 20 westdeutsche kerntechnische Anlagen keine generelle Häufung von Krebserkrankungen – insbesondere nicht von Leukämien – zu verzeichnen ist: Das relative Risiko beträgt 0,99 für alle Erkrankungen und l,00 für die Leukämien. Es ist eine hohe Evidenz für diese Aussage vorhanden, da sie auf 16 Jahren und knapp 1 400 Erkrankungsfällen (Wohnort in der 15-km-Umgebung der Anlagen) basieren.
Alle im Rahmen von umfangreichen explorativen Untersuchungen anhand des Datenmaterials erzielten, auffälligen Ergebnisse konnten bisher an neuem Datenmaterial nicht bestätigt werden; dies deutet darauf hin, dass sie zufallsbedingt sind. Dies gilt beispielsweise für die Erkrankungsrate für Leukämien bei Kindern unter fünf Jahren in der 5-km-Region besonders in der Umgebung älterer Anlagen, einem Ergebnis der ersten Studie (1980 bis 1990), das seinerzeit intensiv diskutiert wurde und für den Zeitraum der zweiten Studie (1991 bis 1995) nicht zu reproduzieren war.
Körblein, dem wir im Jahr 1998 Daten aus unserer Studie zur Verfügung stellten, greift seitdem immer wieder auf diese zurück sowie auf Daten des BfS, welches die Erkrankungsdaten ebenfalls von uns erhalten hat. Er gruppiert alte Daten neu und tritt mit den dabei entstandenen auffälligen Ergebnissen – und zielgerichtet nur mit diesen – wiederholt an die Öffentlichkeit.
Dieses „Datenfischen“ ist als Grundlage eines wissenschaftlichen Vorgehens nicht haltbar, weil es gegen das Prinzip verstößt, vor Einsichtnahme in die Daten die entscheidenden Fragen zu definieren. Dieses Grundprinzip ist unter anderem in den deutschen „Empfehlungen zur guten epidemiologischen Praxis“ (5) beschrieben.
Bei Re-Analyse ließen sich die Ergebnisse nicht reproduzieren
Im Internet stellte Körblein am 4. Juli 2001 seine letzten Berechnungen zur „Krebsrate bei Kindern im Umkreis bayerischer Kernkraftwerke“ vor, basierend auf den Jahren 1983 bis 1998. Trotz gewisser methodischer Schwächen hat Körblein die Daten im Prinzip angemessen ausgewertet. Seine quantitative Bewertung können wir für den von ihm gewählten 17-Jahres-Zeitraum und die dabei herangezogenen Gesamtgruppe aller bösartigen Erkrankungen im Grundsatz bestätigen, aber sehen dies wiederum als ein herausgegriffenes Einzelergebnis seines Datenfischens.
Unsere Re-Analyse zeigt, dass wir dieses Ergebnis an unserem aktuellen Datenmaterial nicht reproduzieren können. Entsprechend unserem standardisierten Vorgehen wurde hierbei der letztverfügbare Zehn-Jahres-Zeitraum (1991 bis 2000) zugrunde gelegt. Auch wenn wir analog zu Körbleins Vorgehensweise einen einseitigen Test durchführen, zeigt sich keine auffällige Erhöhung mehr; rund zehn Prozent Abweichung vom Erwartungswert liegen klar innerhalb der zufälligen statistischen Schwankungsbreite.
Für Leukämien finden wir in dem von Körblein gewählten Zeitraum ebenso wie in unserem aktuellen Zeitraum nur rein zufällige Abweichungen. Zu dieser am ehesten als strahleninduzierbar bekannten Erkrankung, die für den aktuellen Zeitraum deutlich unter dem Erwartungswert lag, ist in dem Internet-Bericht von Körblein bezeichnenderweise gar nichts ausgesagt.
Das formal-statistisch auffällige Ergebnis von Körblein (Gruppe aller bösartigen Erkrankungen in den ausgewählten Landkreisen um bayerische Kernkraftwerke für den Zeitraum 1983 bis 1998) können wir für diesen Zeitraum bestätigen. Jedoch handelt es sich bei seinem Ergebnis um einen einzelnen, isolierten Wert, den wir in der Gesamtbetrachtung als zufällig aufgetreten bewerten müssen.
Es gibt aus dem neueren Datenmaterial und auf Basis der relevanteren Gruppe der Leukämien keinen Hinweis auf ein erhöhtes Krebsrisiko bei Kindern in der Umgebung von Kernkraftwerken in Bayern. Hierbei ist besonderes Gewicht auf die Leukämien zu legen, die als feinster Indikator für eine potenzielle Strahlenbelastung angesehen werden können, von Körblein unerwähnt bleiben und zu keinem der untersuchten Zeiträume eine auffällig erhöhte Erkrankungsrate zeigten.
Ergänzend hierzu sind auf der Homepage des Deutschen Kinderkrebsregisters (www.kinderkrebsregister.de) zwei ausführliche Stellungnahmen veröffentlicht.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über das Internet (www.aerzteblatt.de) aufgerufen werden kann.

Dr. rer. nat Peter Kaatsch, Dr. rer. nat. Claudia Spix, Prof. Dr. med. Jörg Michaelis, Deutsches Kinderkrebsregister am IMBEI, Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Langenbeckstraße 1, 55131 Mainz
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1. Michaelis, J., Haaf, G., Kaatsch, P., Keller, B.: Krebserkrankungen im Kindesalter in der Umgebung westdeutscher kerntechnischer Anlagen, Deutsches Ärzteblatt Heft 30/1992
2. Michaelis, J., Keller, B., Haaf, G., Kaatsch, P.: Incidence of childhood malignancies in the vicinity of West German nuclear power plants, Cancer Causes & Control 3, 255-263, 1992
3. Kaatsch, P., Kaletsch, U., Meinert, R., Michaelis, J.: An extendet study on childhood malignancies in the vicinity of German nuclear power plants. Cancer Causes Control 9, 529-33, 1998
4. Michaelis, J., Kaatsch, P., Kaletsch, U.: Leukämien im Kindesalter – Epidemiologische Untersuchungen des Deutschen Krebsregisters. Deutsches Ärzteblatt Heft 14/1999
5. Leitlinien und Empfehlungen zur Sicherung von Guter Epidemiologischer Praxis (GEP). Herausgegeben von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Epidemiologie (DAE) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie (GMDS), der Deutschen Gesellschaft Sozialmedizin und Prävention (DGSP), der Deutschen Region der Internationalen Biometrischen Gesellschaft (DR-IBS), Das Gesundheitswesen 2000; 5: 295-302 (http://www.gmds.de)

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