ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Weltärztinnenbund: Geschlechtsspezifische Unterschiede benennen

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Weltärztinnenbund: Geschlechtsspezifische Unterschiede benennen

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2411 / B-2080 / C-1931

Anheier, Tanja

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LNSLNS Ungleichheiten zwischen Mann und Frau in Gesellschaft und Politik sollen aufgedeckt werden.

Der Weltärztinnenbund will in Kooperation mit der Welt­gesund­heits­organi­sation im Dezember 2001 die Basis für die Umsetzung des „gender mainstreaming in health“ schaffen. Ein internationales Team des Weltärztinnenbundes wird in Bellagio (Italien) ein Handbuch zum Thema entwickeln, das weltweit als Werkzeug zur Verwirklichung des Konzepts dienen soll.
Der facettenreiche Begriff „gender mainstreaming“ beinhaltet das Wahrnehmen und Benennen der Unterschiede zwischen Mann und Frau unter anderem in Hinblick auf medizinische Forschung und Lehre. „Insbesondere im Gesundheitssektor ist es wichtig, dass geschlechtsspezifische Unterschiede erkannt werden und entsprechend gehandelt wird“, sagt Dr. med. Waltraud Diekhaus, Generalsekretärin des Weltärztinnenbundes. „Die Symptome eines Herzinfarkts zum Beispiel können bei Mann und Frau völlig verschieden sein, aus diesem Grund wird er bei Frauen häufig nicht rechtzeitig diagnostiziert.“ Ebenso ergäbe sich durch die geschlechtsspezifische Fettverteilung, besonders bei der Einnahme fettlöslicher Medikamente, eine unterschiedliche Ausgangssituation. Da Frauen erheblichen hormonellen Schwankungen unterliegen, ist auch ihr Stoffwechsel nicht mit dem eines Mannes gleichzusetzen. Trotzdem werden bei vielen medizinischen Studien Männer und Frauen nicht getrennt analysiert. Ein Ziel des Weltärztinnenbundes ist es, auf diese bestehenden Missstände aufmerksam zu machen und Ungleichheiten in Gesellschaft und Politik aufzudecken. Nur so könne die gesundheitliche Versorgung – auch die von männlichen Patienten – verbessert werden. Die Dortmunder Allgemeinmedizinerin Waltraud Diekhaus wurde dieses Jahr als ehrenamtliche Generalsekretärin des Weltärztinnenbundes einstimmig wiedergewählt. Sie sieht sich als „Zentrale eines weltweiten Netzwerkes“. Ihre Hauptaufgabe bestehe darin, Kommunikation der Ärztinnen über Grenzen hinweg zu fördern. Ungeachtet der Landeszugehörigkeit, Religion oder politischen Einstellung sollen Kooperationen, Freundschaften und Verständnis der Ärztinnen füreinander aufgebaut werden. Darüber hinaus will der Weltärztinnenbund dabei helfen, sowohl geschlechtsabhängige Unterschiede bezüglich der Gesundheitsversorgung als auch geschlechtsbezogene Ungleichheit im medizinischen Beruf zu überwinden. „Wir können als internationaler, finanziell aber schwacher Verband nicht die ganze Welt verändern. Doch können wir dazu beitragen, die Situation von Frauen zu verbessern und die Gewalt insgesamt zu vermindern.“ Waltraud Diekhaus ist sich indessen bewusst, „dass Europa und Amerika, die Vorreiter in der Gender-Forschung, eine ganz andere Diskussionsgrundlage haben als Länder, bei denen die Emanzipation von Frauen weniger weit fortgeschritten ist“.
In Entwicklungsländern werden Frauen bei Ernährung, Erziehung und Ausbildung häufig benachteiligt. Sie werden medizinisch schlechter betreut und haben daher eine erheblich geringere Lebenserwartung. „Der Weltärztinnenbund sieht Gesundheit als grundlegendes menschliches Recht an und fordert von allen Ländern, die medizinische Grund- und Notversorgung ihrer Bürger und Bürgerinnen – ohne geschlechtsspezifische Benachteiligung – zu sichern.“ Dies ist der Wortlaut der ersten von 26 Resolutionen, die während der 25. Generalversammlung im April 2001 in Sydney, Australien, angenommen wurden. Alle drei Jahre wird die Generalversammlung einberufen, um aktuelle Themen zu diskutieren und neue Hilfsprojekte zu planen. Diese Projekte werden häufig mit Hilfe anderer Organisationen, wie zum Beispiel der Welt­gesund­heits­organi­sation oder der Vereinten Nationen, durchgeführt. Die angesprochenen Themen sind unterschiedlich. Bereits 1929, zehn Jahre nach der Gründung des Weltärztinnenbundes, wurde beispielsweise die Sexualerziehung von Jugendlichen angesprochen – damals ein Tabuthema.
Frauengesundheit in einer multikulturellen Welt
Dieses Jahr stand die Veranstaltung unter der Überschrift „Frauengesundheit in einer multikulturellen Welt“. Das Diskussionsspektrum reichte von der HIV-Problematik über weibliche Genitalverstümmelung (siehe DÄ, Heft 12/ 2001) und Witwenmord bis hin zu Gewalt innerhalb von Familien. Nach Ansicht des Weltärztinnenbundes wird besonders in Zusammenhang mit Aids deutlich, wo Hilfsprojekte ansetzen müssen: „Nur dann, wenn Frauen in einer Region mit hoher HIV-Infektionsrate aufgeklärt sind, können sie sich gegen das Virus schützen. Armut und eine schlechte Ausbildung sind sowohl Ursache als auch Folge der Krankheit.“ Dementsprechend sollen Hilfsprojekte Frauen über ihre Situation aufklären, ihr Selbstbewusstsein stärken und sie bei dem Aufbau eines akzeptablen Lebensstandards nicht nur finanziell, sondern auch durch „Know-how“ unterstützen. Die bestehenden Missstände verdeutlichen, „wie akut der Handlungsbedarf zur Bekämpfung der physischen, psychischen und sozialen Gewalt gegen Frauen ist“, betont der Weltärztinnenbund. Tanja Anheier

Dr. med. Waltraud Diekhaus, Generalsekretärin des Weltärztinnenbundes
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