ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Finanzmarkt: Angst im Gepäck

VARIA: Schlusspunkt

Finanzmarkt: Angst im Gepäck

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): [88]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Nie in den letzten 13 Jahren ist mir ein Beitrag so schwer gefallen wie dieser. Ich war auch mehrfach versucht, mir ein anderes Thema einfallen zu lassen, denke aber, dass gerade im Angesicht der entsetzlichen Ereignisse in New York kommentierende Worte, soweit sie Finanzangelegenheiten betreffen, nötig sind.
Zunächst einmal: Die Frankfurter Börse hat einen schweren moralischen Fauxpas begangen, an einem der schwärzesten Tage in der Geschichte des amerikanischen Volkes den Handel in Aktien nicht sofort einzustellen. Es reicht einfach nicht aus, wie geschehen, bloß eine Trauerminute einzulegen und dann mit den Wertpapiergeschäften fortzufahren.
Andererseits ist auch den Verantwortlichen der Deutschen Börse AG zuzugestehen, das Ausmaß der Katastrophe anfangs nicht voll und ganz erfasst zu haben. Spätestens aber zum Zeitpunkt des Einsturzes der beiden Türme hätte der Handel zwingend eingestellt werden müssen. Das Argument eines Börsensprechers, man habe mit dessen Fortführung eine weitere Verstärkung der Panik verhindern wollen, ist keinesfalls nachvollziehbar.
Gleichwohl soll auch an dieser Stelle der Versuch eines Ausblickes gemacht werden, wie sich die Situation für die Finanzmärkte darstellt. Sicher ist, dass der Terroranschlag auf Jahre hinaus nachwirken wird und dass viele Anleger vor einer Neuorientierung stehen. Das Weltfinanzsystem steht ganz klar vor einer schweren Bewährungsprobe.
Allerdings mag ich nicht in den üblichen Expertentalk verfallen, zu früh zu weise zu erscheinen. Meiner Meinung nach sind zwei Szenarien gleichermaßen denkbar.
Es könnte sein, dass durch die Ereignisse in den USA die Binnennachfrage einbricht und damit eine weltweite Rezession ausgelöst wird. Auf den US-Verbraucher als stabilisierendes Element könne derzeit nicht unbedingt gezählt werden, meint beispielsweise der unabhängige Marktbeobachter Gary Shilling. Sollte er Recht behalten, dann wären die Aktienmärkte fundamental zu teuer bewertet.
Die Anzeichen, dass die wirklich wichtigen Akteure im globalen Finanzsystem besonnen vorgehen, sind auf der anderen Seite unübersehbar. Es sieht so aus, dass die US-Notenbank es schaffen kann, mit der Bereitstellung zusätzlicher Liquidität und der geordneten Wiedereröffnung des Handels in Staatsanleihen Ruhe in den Markt zu bringen.
Verbunden mit der Kraft der Amerikaner und hoffentlich auch der übrigen politischen Kräfte in der Welt, in schwierigen Zeiten zusammenzustehen, kann auch an den internationalen Börsen wieder eine positive Grundstimmung entstehen. Es wäre uns allen zu wünschen.
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