ArchivDeutsches Ärzteblatt39/1996Was macht einen Ort zum „Bad“? Keine Kuren in Bad Köln

VARIA: Heilbäder und Kurorte

Was macht einen Ort zum „Bad“? Keine Kuren in Bad Köln

Dtsch Arztebl 1996; 93(39): A-2486 / B-2140 / C-1989

Driesen, Oliver

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LNSLNS Nur wenige Besucher Kölns wissen, daß die Millionenstadt außer Dom und Karneval auch eine staatlich anerkannte Heilquelle zu bieten hat. Kassen-Kuren in "Bad Köln" gibt es allerdings nicht. Dabei dürfen sich auch Großstädte mit dem Zusatz "Bad" schmücken. Beweis: das benachbarte Aachen, offiziell Bad Aachen. Doch der begehrte Titel wird in Zukunft wohl immer seltener vergeben.


Das Gutachten war eindeutig und werbewirksam: Chronische Katarrhe, "nicht zu tief sitzende" Darmkatarrhe, Herzschwäche, Herzmuskelschäden, Arteriosklerose und Kreislaufschwäche - alles, so die Expertise von Prof. Walter Zörkendörfer, werde günstig beeinflußt durch das kohlensaure Wasser eines 364 Meter tiefen Brunnens. Fast ein Wunder, schwappt doch wenige Meter weiter (und höher) der schwer giftbelastete Rhein an Industriekulissen entlang. Doch das Gutachten des Münsteraner Bäder- und Klimaforschers brachte dem Kölner "Messebrunnen III" die staatliche Anerkennung als Heilquelle - mitten im "Wirtschaftszentrum West".
Das laut Chemischem Institut Fresenius "salzig, sauer, etwas bitter, aber nicht unangenehm" schmeckende Eau de Cologne läßt sich auch vortrefflich kommerziell vermarkten. 1995 wurde rund um den sogar 1 027 Meter tiefen Nachbarbrunnen "Messe IV" im altrömischen Stil das Gesundheitsbad "Claudius-Ther-me" errichtet, nebst Massageräumen, Sonnenterrasse und Liegewiese. Nur auf die Idee, als "Bad Köln" gezielt den Gesundheitstourismus zu bewerben, sind die Stadtväter noch nicht gekommen.
Sie hätten wohl auch wenig Aussicht. Denn wie alles in Deutschland muß der imagefördernde und zum Teil in klingende Münze umsetzbare Titel "Bad", mit umfangreichen Auflagen verbunden, behördlich genehmigt werden. Das Verfahren ist meist zweistufig. Zunächst muß der Möchtegern-Kurort die staatliche Anerkennung in einer von vier Sparten erlangen: als Mineralheilbad, Seeheilbad, Heilklimatischer Kurort oder Kneippheilbad. Zuständig sind die Bundesländer mit ihren jeweiligen Kurorte-Gesetzen oder einschlägigen Verordnungen.
In Nordrhein-Westfalen ist die Zertifizierung Aufgabe des Arbeits- und Sozial-ministeriums. Die Behörde prüft anhand eines umfangreichen Kriterienkatalogs, ob die Bewerbergemeinde auch die notwendige Infrastruktur für einen Kurbetrieb vorweisen kann. Dazu gehören neben dem Vorhandensein eines Heilmittels (etwa Thermalwasser) ein Kurpark, eine Kurklinik, Verkehrsberuhigung und - auch wenn nicht der Status "heilklimatischer Kurort" angestrebt wird - der Nachweis ausreichender Luftqualität.
Daß die 250 000-Einwohner-Stadt Aachen an der Hürde Luftqualität nicht scheiterte und 1975 die staatliche Anerkennung als Mineralheilbad erlangte, hat stadtgeographische Gründe: Das Kurzentrum Aachens liegt im beschaulichen Stadtteil Aachen-Burtscheid, wo auch die Messungen vorgenommen wurden. Mit ihrem 70 Grad heißen Thermalwasser, das schon die Römer und Karl der Große nutzten, hatten die Aachener darüber hinaus den Traditions-Bonus. Peter Koop, Leiter der Kurverwaltung-GmbH: "Wir waren eben schon im Mittelalter ein echter Kurort." Im Gegensatz zu Köln, wo man erst 1912 auf das begehrte heilende Wasser stieß.
Einmal anerkannt, ist der Kurort beihilfeberechtigt bei Renten- und Krankenkassen und darf Kur- und Badeärzte beschäftigen. Auch die Kurtaxe als lokale Steuer darf nun erhoben werden und ist nicht zu verachten: Bei 3,60 Mark pro Tag und stationärem Kurgast kommt in Aachen schnell eine halbe Million Mark im Jahr zusammen.
In einem zweiten Schritt kann dann der frischgekürte Kurort den Beinamen "Bad" erlangen - vom Landesinnenministerium oder Regierungspräsidenten. Attraktiv daran ist, so Marita Radermacher vom Deutschen Bäderverband, "das Image von Sauberkeit und Wohlbefinden, das in den Augen einer gewissen Klientel über einen normalen Ort hinausgeht".
Traditionell wird der Titel "Bad" nur von echten Mineralheilbädern und einigen Kneippheilbädern beantragt; Seeheilbäder wie Helgoland oder St. Peter-Ording verzichten. Auch für größere Kurorte, allen voran Aachen, ist es überlegenswert, ob man sich ein "Bad" im Namen zulegt. "Es kommt vor, daß Leute glauben, es gäbe noch anderswo einen kleinen Ort unseres Namens, eben das Bad Aachen", weiß etwa Kurverwaltungsleiter Koop aus Erfahrung. Daher tritt die Stadt in den meisten Fällen ohne schmückenden Zusatz in Erscheinung - wie im täglichen Sprachgebrauch.
Zwar sind heute rund 300 deutsche Städte und Gemeinden staatlich als Kurorte und Heilbäder anerkannt, die meisten von ihnen im Deutschen Bäderverband organisiert. Doch Neuaufnahmen in "den Club der geadelten Orte" werden immer seltener. Seit Anfang 1995 hat es in Westdeutschland nur einen Newcomer - das bayerische Kötzting - gegeben. In Ostdeutschland tun sich manche der ehemaligen DDR-Staatsbäder trotz drei- bis fünfjähriger Übergangsfrist schwer, die neuen Kurort-Kriterien zu erfüllen. Ob in Ost oder West: Die Umweltbedingungen verschlechtern sich, und die Aussichten für Kur-Investitionen werden trübe. Die dritte Stufe der Gesundheitsreform wirft ihre Schatten voraus. Oliver Driesen

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