ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Psychoanalyse: Zwei Punkte sorgen für Verwirrung

BRIEFE

Psychoanalyse: Zwei Punkte sorgen für Verwirrung

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2423 / B-2092 / C-1943

Landis, Anna Elisabeth

Zu dem Beitrag „Schwierige Evaluation“ von Petra Bühring in Heft 30/2001:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Frau Bühring hat sich dankenswerterweise die Mühe gemacht, einige der Ergebnisse der Katamnesestudie in Deutschland von Marianne Leuzinger-Bohleber et al. sowie der Stockholmer Studie von Rolf Sandell et al. zusammenfassend aufzulisten und mit dem Psychoanalytiker Prof. Dr. Michael von Rad kurz zu besprechen. Dabei sind jedoch insbesondere zwei Punkte unklar dargestellt und sorgen für Verwirrung:
1. Die Überlegenheit der Psychoanalyse gegenüber der Psychotherapie in der Stockholmer Studie wird in dieser darauf zurückgeführt, „dass eine große Anzahl von Psychotherapien mit einer ,unangemessenen analytischen Haltung‘ durchgeführt wurde“. Nun könnte man hieraus folgern, dass Psychoanalytiker nicht zur Durchführung von Psychotherapien geeignet seien. Dem ist nicht so. Was hier nämlich fehlt, ist der erhellende Zusatz zu diesem Befund im Text der Studie, wo es anschließend heißt: „Es fand sich eine statistische Tendenz, dass diese ungünstigen Fälle vor allem von Therapeuten ohne psychoanalytische Ausbildung durchgeführt worden waren. Dies führt zu dem Schluss, dass es einen negativen Transfer der analytischen Haltung in die psychothera-peutische Praxis gibt und dass dieser negative Transfer möglicherweise umso stärker ist, wenn Psychotherapeuten diese analytische Haltung einnehmen, ohne selbst eine volle psychoanalytische Ausbildung zu haben.“ (Psyche Heft 3, März 2001, S. 308) Das heißt, dieses Ergebnis kommt dann zustande, wenn versucht wird, eine psychoanalytische Haltung beziehungsweise was man sich darunter vorstellt, zu imitieren – und eben gerade nicht durch eine entsprechende Haltung eines Psychoanalytikers, von dem man annehmen sollte, dass er weiß, welche Haltung er in welcher Situation einzunehmen hat.
2. Der zweite Punkt wird auch in dem Interview mit Prof. Dr. von Rad aufgegriffen: In der Stockholmer Studie wiesen die Patienten nach Beendigung der Psychoanalyse vermehrt Arbeitsunfähigkeitstage und Arztkontakte auf, obwohl es ihnen nach ihren eigenen Angaben besser zu gehen schien. Dieser Befund steht im Widerspruch zur (unter anderem) deutschen Studie, wo die AU-Tage und Arztkontakte signifikant abnahmen. Zu diesem Befund gibt es allerdings in der Studie selbst bereits eine erste Erklärung sowie einen Kommentar von Hermann Beland. In der Studie wird vermutet, dass, wenn „sich das strenge Über-Ich im Laufe von Analysen lockere, Analysanden sich von ihrem übertriebenen Ehrgeiz distanzierten und lernten, sich eine Pause zu gönnen, wenn sie sich nicht gut fühlten. Die Psychoanalysepatienten scheinen danach eine Patientengruppe mit guten Gründen für somatische Beschwerden zu sein, ohne dass sie jedoch die entsprechenden angemessenen Konsequenzen daraus ziehen. Im Verlauf der Behandlung normalisiert sich ihr Inanspruchnahmeverhalten, und sie bewerten ihr eigenes Befinden subjektiv signifikant besser.“ Die Patienten verhalten sich also ihrem körperlichen Befinden gegenüber nach der Behandlung rationaler und damit auch adäquater als davor. Sozialpsychologisch gesehen hängt, wie Hermann Beland erläutert, diese unterschiedliche Inanspruchnahme von Gesundheitssystemen mit der unterschiedlichen typischen Sozialisation in Schweden zusammen. Hier schlägt also ein nationaler Faktor zu Buche.
Dr. med. Anna Elisabeth Landis, Wilhelmstraße 35, 71034 Böblingen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema