ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Arbeitssucht Aktuelle therapeutische Perspektiven: Fragwürdiger Krankheitsbegriff

MEDIZIN: Diskussion

Arbeitssucht Aktuelle therapeutische Perspektiven: Fragwürdiger Krankheitsbegriff

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2447 / B-2109 / C-1960

Wedig, Martin

zu dem Beitrag von Christian Schneider Priv.-Doz. Dr. med. habil. Karl-Ernst Bühler in Heft 8/2001
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LNSLNS „Arbeitssucht“ und „Workaholic“ gehören inzwischen zum Wortschatz der Alltagssprache. Einen Krankheitsbegriff des zwanghaften Arbeitens gibt es dagegen noch nicht in der Liste der Suchtkrankheiten der WHO. Auch wird dem Begriff „Arbeitssucht“ kein ICD-Code zugeordnet. In der populären Literatur werden psychische Belastungen referiert, die aus der Arbeitswelt stammen und bei Erkrankten über die Beanspruchungsdauer der Arbeitszeit hinaus Gesundheitsstörungen verursachen (1), ohne dass in den Titeln des Literaturverzeichnisses der Begriff „Arbeitssucht“ erscheint. Nur die sich eng im Titel dem Thema Arbeitssucht verschreibenden Autoren zitieren das Phänomen „Arbeitssucht“ (2). Die plastischen Falldarstellungen zur Arbeitssucht vermögen den Leser zum kopfnickenden Zustimmen zu gewinnen: „Ja, so zu arbeiten muss krankhaft sein.“ Anders als beim DMR-Klassifikationssystem fehlen den Merkmalslisten der „Arbeitssucht“ jedoch Haupt- und Nebenkriterien oder Mindestbedingungen. Arbeitssucht ist nicht genügend definiert. Die phänomenologisch beschriebenen Arbeitstypen eröffnen ihre Krankheitsgeschichte dem Psychologen aufgrund von Konflikten und psychischen Störungen, die selbst nach DMR einteilbar, nach ICD klassifizierbar und zwanglos als Diagnosen erkennbar sind. Die Spekulation, dass Arbeit nicht nur aus existenznotwendigen Zwängen erwächst, sondern individuell zum zwanghaften, aber nicht neurotischen, sondern süchtigen Arbeiten wird, eröffnet sich mir als Neuland. Ich glaube nicht, dass ein komplexes, sich nach vorgegebenen Anweisungen richtendes Verhalten mit einem Suchtbegriff belegt werden kann. Die provozierende These, ob wir eine arbeitssüchtige Kulturstufe erreicht haben, regt mein philosophisches Denken an. Wo aber Variationen des Arbeitsmusters bei allem Leidenserleben der sich selbst bekennenden Workaholics zum Krankheitsbegriff werden soll, überzeugt mich die Übersicht von Schneider und Bühler nicht von einer selbstständigen Entität „Arbeitssucht“.
Allenfalls sehe ich in dem Begriff Analogien zur nur katamnestisch feststellbaren Demenz GDS-Stadium 1 oder zum metabolischen Syndrom, das mehr ist als die Summe seiner Elemente. Das, was Schneider und Bühler beleuchten, ist ein Schwellenphänomen, eine überadditive Verknüpfung von Verhaltensverschiebungen unter der Bedingung des chronisch übermäßigen Arbeitens.

Literatur
1. Resch M: Wenn Arbeit krank macht. München: Ulstein 1994.
2. Schwochow R: Workaholics – Wenn Arbeit zur Sucht wird. Berlin: Links Verlag 1997.

Dr. med. Martin Wedig
Roonstraße 86, 44628 Herne

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