ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2001Arbeitssucht Aktuelle therapeutische Perspektiven: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Arbeitssucht Aktuelle therapeutische Perspektiven: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2001; 98(38): A-2448 / B-2090 / C-1958

Bühler, habil Karl-Ernst

zu dem Beitrag von Christian Schneider Priv.-Doz. Dr. med. habil. Karl-Ernst Bühler in Heft 8/2001
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LNSLNS Mit der Bezeichnung „Arbeitssucht“ wird ein wegen der damit verbundenen Wertungen schwieriger Sachverhalt angesprochen, denn es stellt sich die Frage nach dem richtigen Maß der Arbeit. Diese Frage lässt sich nicht einfach und schon gar nicht apodiktisch beantworten. Wir haben daher den Versuch einer Antwort auf die schwierige Frage nach dem richtigen Maß der Arbeit in unserem Überblick vermieden. In der Zuschrift des Kollegen Wedig werden Diagnosen-Kataloge (diese Bezeichnung erinnert nicht zufällig sowohl an das griechische kata und legein als auch an Versandhaus) wie den der ICD-10 oder des DSM-4 angesprochen. Hierbei handelt es sich jedoch nicht, jedenfalls nicht beim DSM-4, um Zusammenstellungen von Krankheitseinheiten, geschweige denn aller möglichen Krankheitseinheiten, sondern um nach Nützlichkeitserwägungen zusammengestellte Listen von konventionellen Konstrukten. Das Problem der Krankheitseinheiten ist ein schwieriges Feld, das schon viele kluge Köpfe zu bestellen versuchten und dabei wenig Ertrag ernteten. Hier sei nur das Problem „natürlicher“ Klassen beziehungsweise „natural kinds“ genannt. Deshalb haben sich die Autoren sowohl von DSM-4 als auch von ICD-10 wohlweislich der Meinung darüber enthalten, das ist immer die einfachere Lösung, ob es Krankheitseinheiten gibt oder nicht. Jedenfalls sind beide Kataloge kein dogmatisch abgeschlossener Korpus von konventionellen Konstrukten, wie manche glauben oder glauben machen wollen, sondern unterliegen einer dynamischen Weiterentwicklung sehr zum Leidwesen vieler, die sich damit beschäftigen müssen. Hier sei nur an die häufigen Aktualisierungen erinnert. Die Tatsache, dass sich ein Konstrukt nicht, oder noch nicht, in diesen Katalogen befindet, spricht allein gesehen noch nicht gegen ein solches, jedenfalls solange nicht, wie es in der Praxis sinnvoll und bedeutsam erscheint.
Für die nichtstoffgebundenen Süchte, wie beispielsweise auch für die
Spielsucht, ist im ICD-10 keine eigene Untergruppe vorgesehen, sondern sie werden den abnormen (hier taucht wieder die Frage nach dem richtigen Maß auf) Gewohnheiten und den Störungen der Impulskontrolle zugeordnet, eine Zusammenfassung heterogener Elemente, zu der zwanglos die Arbeitssucht hinzugefügt werden könnte, wenn dies entsprechende Gremien zu tun geneigt wären. Ob man die Bezeichnung „Sucht“ im vorliegenden Zusammenhang verwenden sollte oder nicht, darüber ließe sich trefflich streiten, was uns aber an dieser Stelle unangebracht erscheint. Jedenfalls wäre es nicht sonderlich schwer, den Begriff „Arbeitssucht“ zu operationalisieren, indem man Kern- und Nebenkriterien stipuliert, denn viele Konstrukte im DSM-4 und in der ICD-10 sind nichts weiter als Stipulationen, die sich im medizinischen Kontext als nützlich und brauchbar erweisen, und die sich darüber hinaus auch teilweise theoretisch und empirisch begründen lassen.
Trotz all dieser Überlegungen erscheint uns eine genauere begriffliche Analyse von „Rausch“, „Missbrauch“, „Abhängigkeit“ und „Sucht“ als wünschenswert und notwendig, sie kann aber im Rahmen eines Überblicks nicht geleistet werden und soll daher an anderer Stelle erfolgen.

Priv.-Doz. Dr. med. habil Karl-Ernst Bühler
Dipl.-Psych.
Haafstraße 12, 97082 Würzburg

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