ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Medizin und Medien: Eine „verlässlichere Brücke“ gefordert

MEDIEN

Medizin und Medien: Eine „verlässlichere Brücke“ gefordert

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2468 / B-2110 / C-1976

Anheier, Tanja

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LNSLNS Appell an soziale Kompetenz und Verantwortung

Liegt es an der Würde und Erhabenheit der Medizin, dass sich das Arbeitsfeld des Arztes lange in einer Aura medianer Schonung befand? Ist das Spannungsfeld zwischen Medien und Medizin dadurch begründet, dass Ärzte – genau wie Journalisten – daran gewöhnt sind, eine Machtposition innezuhaben und Nachrichten zu vermitteln, anstatt selbst Teil einer Nachricht zu sein? Journalisten sind für Mediziner Laien, doch trifft nicht auch das Umgekehrte zu? Die Fragen verdeutlichen den Facettenreichtum der Thematik „Medizin und Medien“. Diese wurde am 15. September bei einer Vortragsreihe anlässlich des 125-jährigen Jubiläums der Kliniken Dortmund diskutiert.
Zumindest in einer Hinsicht waren sich die Referenten einig: Im so genannten Medienzeitalter ist es wichtig, dass sich Mediziner mit Medien auseinander setzen. Denn die Ärzteschaft wird zunehmend Teil der öffentlichen und veröffentlichten Meinung. „Wir brauchen eine verlässlichere Brücke zwischen der Medizin und den Medien“, betonte Professor Dr. phil. Ulrich Plätzold, Ordinarius für Journalistik in Dortmund. Dafür sei eine erfolgreiche Kommunikation zwischen sozial kompetenten, verantwortungsbewussten Journalisten und Ärzten unerlässlich. Demzufolge müssten Vertreter beider Berufsgruppen aber zuerst an ihrer Persönlichkeit arbeiten, eigenes Verhalten hinterfragen und sich aktiv mit der Umwelt auseinander setzen, sagte Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Faix, Direktor der Steinbeißakademie und -hochschule in Berlin. Im Widerspruch dazu stünde deren Gewohnheit, eher Fragen zu beantworten, anstatt sich selbst infrage zu stellen. Sowohl eine ärztliche Diagnose als auch eine Publikation in den Medien wolle Menschen aufklären. Diese Aufklärerposition könnten jedoch weder Journalisten noch Ärzte im Gespräch miteinander erfolgreich beibehalten.
Als großer Störfaktor der Kommunikation erweist sich die Zeit: Obwohl unumstritten ist, dass die „sprechende Medizin“ als wichtiger Bestandteil einer Therapie zur Genesung des Patienten beitragen kann, bleibt einem Arzt häufig nicht die Zeit, auf jeden einzelnen Patienten persönlich einzugehen. Einer in Dortmund zitierten Studie zufolge variiert die Konsultationsdauer eines Patienten bei einer Visite zwischen 1,4 und 8 Minuten. Sind aber Ärzte, die noch nicht einmal mit ihren Patienten ein eingehendes Gespräch führen können, in der Lage, mit Journalisten erfolgreich zu kommunizieren? Die Diskrepanz zwischen medizinischer Aus- und Weiterbildung und dem Beruf als Arzt wird deutlich: „45 000 Multiple- Choice-Fragen, die ein Arzt im Laufe seiner Ausbildung angekreuzt hat, können nicht bei der Verständigung mit späteren Patienten helfen“, sagte Dr. phil. Dr. med. Torsten Haferlach, Privatdozent für Innere Medizin, Oberarzt am Universitätsklinikum Großhadern in München. „Die Forderung und Überforderung von Ärzten in der Öffentlichkeit wird zunehmen“, prophezeite Dr. med. Ernst-Wilhelm Schwarze, Professor für Pathologie und Initiator der Veranstaltung. Der Spagat zwischen den Rollen eines erstklassigen Forschers im Rahmen der Doktorarbeit, eines berechnenden Ökonoms zur Entlastung der Kassen und eines einfühlsamen Psychologen im Kommunikationsverhalten könne nur den wenigsten gelingen. Häufig würden sich gerade die Ärzte an die Presse wenden, die verfrühte Sensationsmeldungen in Umlauf bringen wollten. „Und die Presse springt zu häufig darauf an“, beklagte Dr. Schwarze. „Der komplexe medizinische Sektor bietet leider kaum Informationen im Stil der Hard News, die Journalisten am besten verarbeiten können: kurz, knapp und präzise.“ Schwarze wies darauf hin, dass eine verallgemeinerte und vereinfachte Darstellung von Themen wie Qualitätssicherung im Gesundheitswesen oder der so genannten Zwei-Klassen-Medizin „verheerend“ sei. Deswegen appelliert er an die Journalisten, solch komplexe Sachverhalte zu meiden, wenn sie sich nicht umfassender damit auseinander setzen wollten.
Diese Forderung ist leichter gestellt als umgesetzt. So betonten die Medienvertreter, dass sie mit der Zeit gehen müssten. „Wartet man mit einer sensationellen Meldung so lange, bis sie ausrecherchiert ist, wird sie ein anderer früher bringen.“ Auch Dr. phil. Gabriele Krone-Schmalz frühere ARD-Korrespondentin, jetzt freie TV-Journalistin und Autorin, kennt kein Patentrezept für den Ausweg aus dem Dilemma. Auf der einen Seite könne sich eine gute Recherche sicher auszahlen. Nichtsdestotrotz müsse die jeweilige Nachricht zeitlich angemessen übermittelt werden – zumal das Interesse am Journalismus groß und der Markt hart umkämpft sei. So ist der Numerus clausus für das Studienfach Journalismus in Dortmund mit der Note 1,2 sogar höher als der für Medizin. Krone-Schmalz sieht als Zukunftssicherung einer Redaktion „gute Ressourcen“, also Mitarbeiter, die sich detailliert in ihren Themengebieten auskennen.
Zwischen Wirtschaftlichkeit und Allgemeinwohl
Fest steht für Frau Krone-Schmalz, dass eine Nachricht, die nicht in die Vorstellungen der Bürger passt, besser geschrieben sein muss als eine klischeekonforme, weil sie genauer hinterfragt werde. „Trotzdem sollten Journalisten unbequem sein und nicht nur das schreiben, was die Konkurrenz bringt oder die Bürger erwarten.“ Die Presse als „Gradmesser der Freiheit“, wie es Dr. lic. phil. Roger Blum, Philosophieprofessor aus Bern, ausdrückt, müsse anprangern, die Öffentlichkeit wachrütteln.
In der Diskussion zu den gehaltenen Vorträgen wurde deutlich, dass sich ein Journalist prinzipiell in der gleichen Zwickmühle befindet wie ein Arzt, wenn auch auf unterschiedlichen Ebenen: Beide leisten Arbeit am Menschen, die einen an dessen Geist, die anderen vor allem an dessen Körper. Obwohl sie nach bestem Wissen und Gewissen handeln sollen, muss ihre Arbeit wirtschaftlich sein, im Sinne der Kassen, im Sinne der Redaktion. Weder Arzt noch Journalist sind für diese Aufgabe geschult, die im Berufsleben eine große Rolle spielt. Tanja Anheier


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