ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Hospizarbeit: Die Grenzen respektieren

POLITIK

Hospizarbeit: Die Grenzen respektieren

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2471 / B-2113 / C-1978

Bartmann, Peter

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LNSLNS „Limits“ will Angebote zur Sterbebegleitung vernetzen.

Wie wird über mich entschieden, wenn ich nicht mehr entscheiden kann?“ Diese Frage stellt sich mancher bei der Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. Es könnte so kommen wie bei der 87-jährigen Franziska Fischer*. Die Witwe eines Rechtsanwalts wohnte seit drei Jahren in einem Seniorenheim. Sie konnte sich weitgehend selbst versorgen und sich als Diabetikerin Insulin verabreichen. Nach einer plötzlichen Verschlechterung ihrer Gesundheit wurde sie in den Pflegebereich des Heims verlegt. In ihrer Umgebung wusste man genau, dass sie keine aufwendigen medizinischen Maßnahmen in Anspruch nehmen wollte und sich auf einen möglichen Tod eingestellt hatte, den sie sich im Heim in Anwesenheit ihres Sohns wünschte. An einem Sonntag trat bei ihr eine akute Verschlimmerung mit Bewusstlosigkeit und Krämpfen ein. Der Hausarzt konnte nicht herangezogen werden. Der Notarzt veranlasste den Transport ins Krankenhaus. Mit den Worten „Ich als Arzt habe die Verantwortung!“ entsprach er nicht der Bitte der Altenpflegerin, von einer Einweisung abzusehen und das Mögliche vor Ort zu tun. Drei Tage später geschah das, was Franziska Fischer immer befürchtet hatte: Sie starb auf der Intensivstation in einer ihr fremden Umgebung.
Konzept zur Sterbebegleitung
Die Vorstellung, am Ende des Lebens gegen den eigenen Willen an Apparate angeschlossen zu werden, bereitet vielen Menschen Angst. Auch kann eine Situation eintreten, in der sich Pflegende und Ärzte die Frage stellen: „Ist diese Therapie wirklich im Sinn des Betroffenen?“ Oft scheuen Betreuer den Vorwurf, nicht genug getan zu haben. Aktive Sterbehilfe, wie sie in den Niederlanden praktiziert wird, bietet Sterbenden einen vermeintlichen Schutz vor Hilflosigkeit und Fremdbestimmung in der letzten Lebensphase.
Kritiker einer solchen „Lösung“ beanstanden, die Not, die durch die bisherigen Strukturen entstanden sei, würde durch eine aktive Sterbehilfe verfestigt. Zur Vermeidung eines als inhuman empfundenen Sterbens durch medizinische Überversorgung, festgeschriebene Behandlungskonzepte oder unzureichende Schmerz- und Depressionsbehandlung fehlen bisher jedoch oft noch geeignete Angebote.
Dass im Seniorenheim, zu Hause oder in der Universitätsklinik die Qualitätsstandards der Betreuer wirklich im Sinn der Betreuten angewendet werden, ist ein Anliegen des Projekts „Limits“. Das Vorhaben will die Maximen „Selbstbestimmt leben, menschlich sterben, füreinander entscheiden“ verwirklichen. Der Name des Modells verweist auf die Grenzen menschlichen Lebens, aber auch auf die Grenzen von Betreuern, die richtige Entscheidung zu finden.
„Limits“ startete im Sommer dieses Jahres und ist auf drei Jahre angelegt. Die Initiative wird getragen von der „Forschungsgruppe Pflege und Gesundheit e.V.“ in Münster. Das Modell wird mit 1,3 Millionen DM hauptsächlich von der Stiftung des Landes Nordrhein-Westfalen für Wohlfahrtspflege gefördert. 200 000 DM steuern das Sozialministerium des Landes, die Stadt Münster und eine private Stiftung bei.
Ziel von „Limits“ sei die Vernetzung von Verantwortlichen und Beteiligten in der Sterbebegleitung, erläuterte Dr. phil. Rainer Wettreck, evangelischer Pfarrer an den Universitätskliniken Münster und Leiter des Projekts. Haus- und Notärzte, Pflegedienste, Mitarbeiter der Hospizeinrichtungen, Angehörige und Mitarbeiter in Altenheimen und Krankenhäusern wollen Angebote und Konzepte zur Sterbebegleitung gemeinsam weiterentwickeln. Im Sinn der Bedürfnisse alter Menschen soll die Verbreitung von Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten gefördert werden. Ein weiteres Ziel ist, Kooperationsstrukturen und Entscheidungswegen in Seniorenheimen, der ambulanten Pflege sowie der Hausarzt- und Rettungsmedizin zu optimieren. Das Projekt widmet sich auch der Beratung Pflegebedürftiger und pflegender Angehöriger, um sie besser auf mögliche Konfliktsituationen vorzubereiten. Fragen der Umsetzung von Patientenverfügungen, die Problematik bei dementen Patienten oder die Nahrungsverweigerung werden zurzeit lebhaft diskutiert. Wettreck betont, man wolle darauf hinwirken, dass sich Institutionen, Strukturen und Entscheidungen mehr als bisher an den Bedürfnissen der Sterbenden orientieren. Grundlage der Arbeit sei das christlich-humane Wertesystem. Dabei müssten die persönlichen und ethischen Grenzen aller Beteiligten geachtet werden. Durch die Einrichtung verbindlicher Kooperations- und ethischer Entscheidungsstrukturen solle verhindert werden, „dass ein menschliches Sterben durch den kurzschlüssigen Ruf nach aktiver Sterbehilfe unterlaufen werde“, bekräftigt Wettreck. Dr. med. Peter Bartmann
Weitere Informationen unter: www.Limits-Projekt.de


Betreuung eines Sterbenden im Hospiz „Haus Zuversicht“ in Bethel bei Bielefeld. In Deutschland gibt es schätzungsweise 600 ambulante und 80 stationäre Hospizeinrichtungen.

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.
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