ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Keimbahntherapie jetzt* zulassen!

POLITIK: Die Glosse

Keimbahntherapie jetzt* zulassen!

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2472 / B-2114 / C-1979

Kloiber, Otmar

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Es ist ein ethisches Gebot der Stunde, die Keimbahntherapie und das reproduktive Klonen endlich zuzulassen. Wenn wir von einer Menschenwürde „von Anfang an“ ausgehen, können wir nicht bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) stehen bleiben! Menschen – auch ungeborene – haben ein Recht auf eine angemessene Behandlung. Nach dem Stand der Wissenschaft ist dies die Korrektur von Fehlern im Erbgut.
Als vor acht Jahren, also im Jahr 2003, nach einer mehrjährigen Debatte die Präimplantationsdiagnostik endlich auch in Deutschland erlaubt worden war, hatte man sich zunächst auf einen eng umschriebenen Indikationskatalog für bestimmte Erkrankungen festgelegt. Damit war der Gesetzgeber einem Regelungsvorschlag eines Diskussionsentwurfs für eine Richtlinie für Präimplantationsdiagnostik von der Bundes­ärzte­kammer gefolgt.
Der drei Jahre später von der damaligen SPD/FDP-Koalition getragene Kompromiss zur Änderung des Embryonenschutzgesetzes wurde von den Parteispitzen als eine „praktikable, der Menschenwürde nicht widersprechende Lösung“ angesehen. Während Politiker glaubten, durch die enge Begrenzung der Indikation den Selektionscharakter der PID weitgehend begrenzt zu haben, stellte sich heraus, dass sie wesentlich häufiger angewandt wurde als ursprünglich vorhergesehen. Dies nicht zuletzt, weil die scheinbare Problemlosigkeit der PID viele Paare, die wegen eines bekannten Erbleidens bis dahin auf ein Kind verzichtet hatten, nun dazu verleitet, „einen Versuch zu wagen“.
Darüber hinaus betrachteten die Gerichte in den folgenden Jahren die Frage der Menschenwürde ganz anders: Die prinzipielle Zulässigkeit der Präimplantationsdiagnostik habe diese zu einem Instrument werden lassen, mit dem vorhersehbare Leiden in vielen Fällen vermieden werden können. Eine Begrenzung der PID auf einzelne Krankheitsbilder verletze – so zuletzt das Bundesverfassungsgericht im Jahr 2008 – den Gleichheitsgrundsatz der Verfassung. Mithin wurde es in der öffentlichen Meinung auch als unerträglich betrachtet, dass Paare, deren gesundheitliches Problem nicht unter die Indikationsliste der Bundes­ärzte­kammer fielen, nach wie vor den Weg ins Ausland suchen mussten. Dabei wurde es, zumindest in der Fachwelt, immer ersichtlicher, dass die hoch gesteckten Erwartungen an die PID nicht erfüllt werden konnten.
Die Möglichkeiten der genetischen Diagnostik waren maßlos überschätzt worden. Bereits bevor die PID durch die Änderung des Embryonenschutzgesetzes im Jahr 2003 zugelassen wurde, war in Forschungsübersichten, so zum Beispiel in der so genannten ESHRE-Studie, klar geworden, dass die PID in ihrer Anwendung alles andere als eine sichere und einfache Methode war. So haben sich im Laufe der Zeit die Erfolge der PID zwar deutlich verbessert, doch es ist für Paare immer noch eine große Quälerei, sich für eine In-vitro-Fertilisation zu entscheiden und dann eine Schwangerschaft anzutreten, die, abgesehen von den durch die PID ausgeschlossenen Krankheitsbildern, immer noch mit Risiken behaftet ist. Sie führt dann – trotz PID – zu Pränataldiagnostik und Schwangerschaftsabbrüchen, nicht selten auch zu Spätabtreibungen.
Die vom Verband der Reproduktionsmediziner nach langen Debatten erreichte Adoptionsfähigkeit von künstlich erzeugten „überzähligen“ Embryonen bot den meisten kinderlosen Eltern ebenfalls keine Perspektive. In vielen Fällen ging die Adoption mit der Schwierigkeit einher, für die Embryonen eine Leihmutter finden zu müssen, die dann wiederum eigene Ansprüche an das von ihr geborene Kind anbringen konnte. Auffällig ist allerdings in den letzten Jahren geworden, dass die Zahl der „überschüssigen“ Embryonen stark gestiegen ist. Als Begründung dafür wird angegeben, dass mit der Möglichkeit der Adoption die ethischen Bedenken gegen eine „Überproduktion“ von Embryonen gegenstandslos oder zumindest stark relativiert worden seien.
Häufig wollten Adoptiveltern die „adoptierten“ Embryonen einem Qualitätstest durch Präimplantationsdiagnostik unterziehen. Auch diese Regelung wurde schließlich mit der Begründung zugelassen, dass das Recht auf PID „natürlichen Eltern“ inzwischen de facto zustehe und somit auch Adoptiveltern nicht verwehrt werde könne.
Obwohl Präimplantationsdiagnostik inzwischen deutlich sicherer und auch erfolgreicher geworden ist, ist der Selektionscharakter der PID nicht verschwunden, sondern durch die ständig ausgeweitete Indikationsstellung immer mehr in den Vordergrund gerückt. Faktisch wird inzwischen jede In-vitro-Fertilisation – auch wenn bei den Eltern primär keine genetischen Erkrankungen in der Familie bekannt sind – mit einer PID kombiniert, weil sie als ein grundlegendes Instrument der Qualitätssicherung der Reagenzglaszeugung angesehen wird.
Die neuen Mikrotechniken, die in den letzten Jahren entwickelt wurden und in der Tierzüchtung bereits regelhaft eingesetzt werden, erlauben auch beim Menschen einen selektiven Eingriff in die Keimbahn. Zwar ist die Manipulation des Erbgutes in Samenzellen noch nicht in ausreichender Qualität und Sicherheit gelungen, doch können Manipulationen an der Eizelle und am Embryo (bis zum Achtzellstadium) inzwischen mit ausreichender Sicherheit vorgenommen werden.
Obwohl es derzeit noch nicht möglich ist, eine Manipulation mit nur einer Eizelle oder einem Embryo zu garantieren, ist der Keimbahntherapie allein schon wegen ihrer teleologischen Ausrichtung, nämlich heilen zu wollen, ethisch der Vorrang vor der PID als reiner Selektionstechnik zu geben.
In Anbetracht der bevorstehenden Änderung des Sozialgesetzbuches V, wodurch die Kostenübernahme für (durch PID) vermeidbare Behinderung drastisch reduziert werden soll, drängt sich eine erneute Diskussion um die ethische Bedeutung der PID als Selektionsverfahren auf. Die Keimbahntherapie könnte dabei zusammen mit Klonierungstechniken das Dilemma durchbrechen: Der Eingriff in die Keimbahn ist in diesem Kontext nämlich durchaus als präventiv-medizinische Maßnahme ohne selektiven Charakter zu sehen. Die im Verfahren notwendigen Klone können als „Sicherungskopien“ verstanden werden, die keinem eigenen – Existenz schaffendem – Zweck dienen. Ihre einer erfolgreichen Schwangerschaft anschließende Verwerfung stellt damit kein gesondertes ethisches Problem dar. Von einem Verfahren der Menschenzüchtung zu sprechen kann also keine Rede sein.
In der Diskussion um einen möglichen Missbrauch der Keimbahntherapie für eugenische Zwecke lässt sich einwenden, dass natürlich klare Begrenzungen für den Einsatz der Methode gesetzt werden müssen: Eine umschriebene Indikationsliste fällt wegen der Schwäche solcher Listen und Beschränkungen aus. Die Erfahrungen mit den vorgesehenen Indikationsbeschränkungen der PID haben dies verdeutlicht. Praktikabler erscheint dabei der Vorschlag des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer, der die Keimbahntherapie auf die im Internationalen Katalog der Erkrankungen (ICD) aufgeführten Diagnosen begrenzen will. Damit wäre ein weltanschaulich neutraler Modus gefunden, rein eugenisch begrenzte Keimbahnmanipulationen auszuschließen.
Mit großer Spannung darf in diesem Zusammenhang auch das Festsymposium anlässlich des sechzigsten Jubiläums des Wissenschaftlichen Beirats der Bundes­ärzte­kammer erwartet werden: „Supergenerational Proteomics – Extending Genetics to Real Life“. Dr. med. Otmar Kloiber
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema