ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Hausärztetag in Hannover: Mit breiter Brust

POLITIK

Hausärztetag in Hannover: Mit breiter Brust

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2474 / B-2116 / C-1981

Maus, Josef

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LNSLNS Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt sagt den
Hausärzten die Schlüsselposition im Gesundheitswesen zu.
Die freie Arztwahl scheint zur Disposition zu stehen.


Ulla Schmidt (SPD) hält sich für gewöhnlich bedeckt, wenn es um die Einzelheiten der anstehenden großen Gesundheitsreform geht. Im Hinblick auf die hausärztliche Versorgung hat die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin jedoch offenbar schon ganz konkrete Vorstellungen. Auf dem 24. Deutschen Hausärztetag am 20. September in Hannover ließ Schmidt keinen Zweifel daran, dass den Hausärzten bei der nächsten Reform die Schlüsselposition im Gesundheitswesen zugewiesen werden soll. Die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin verwies dabei auf die großen Herausforderungen der geriatrischen Versorgung der zunehmend älter werdenden Gesellschaft.
Für die Delegierten des Berufsverbandes der Allgemeinärzte Deutschlands (BDA) glich Schmidts Auftritt in Hannover einer vorweggenommenen Bescherung. Die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin signalisierte den begeisterten Hausärzten Unterstützung auf breiter Front – auch in der umstrittenen Frage der freien Arztwahl. „Wenn der Hausarzt als Lotse im Gesundheitswesen eingesetzt wird“, betonte Ulla Schmidt, „beschränkt das nicht die Freiheit, sondern erhöht die Sicherheit für die Patienten.“ Der freie Zugang zu nahezu allen niedergelassenen Ärzten über die Krankenversichertenkarte dürfte demnach die nächste Gesundheitsreform nicht überleben. Schmidt hält wenig von der „ungesteuerten Inanspruchnahme medizinischer Leistungen“.
Darin sieht auch der BDA-Vorsitzende Professor Dr. Klaus-Dieter Kossow eine Hauptursache für die Kostenentwicklung in der GKV: „Dass Strukturpolitik Not tut, zeigt nicht nur der diesjährige Bericht des Sachverständigenrates, sondern das tägliche Erleben der beinahe anarchistischen Versorgungsstruktur.“ Fächer wie die Kardiologie, argumentierte Kossow, bauten in Praxis und Krankenhaus im Wettbewerb miteinander Überkapazitäten auf, „die sich dann wegen des freien Gebrauchs der Versichertenkarte ihren Markt suchen und Verschwendung induzieren“.
Der BDA sieht die Zukunft des Gesundheitswesens in einem zweistufigen Versorgungssystem. Die Primärversorgung solle durch den Hausarzt und diejenigen Basisfächer erfolgen, die von den Patienten problemgerecht zugeordnet werden können. Die zweite Versorgungsebene würde durch die Fachärzte in Klinik und Praxis gebildet. Ein solches Modell läuft auf eine weitgehende Überweisungshoheit durch die Hausärzte hinaus. Kossow weiß das und geht argumentativ in die Offensive: „Es muss endlich aufhören, dass man die freie Arztwahl mit der Wahl der Versorgungsebene gleichsetzt.“
Während Ulla Schmidt dies guthieß, zeigt sie sich weniger aufgeschlossen für eine Aufteilung des GKV-Leistungskatalogs in Grund- und Wahlleistungen. „Wollen Sie wirklich hinter das zurückfallen, was das Sozialgesetzbuch heute gewährt? Grundleistungen bedeuten Ausschluss von Leistungen, und dies geht zulasten der sozial Schwächeren.“
Professor Dr. Jörg-Dietrich Hoppe, der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, begrüßte als Gastredner auf dem Hausärztetag Schmidts positive Grundhaltung gegenüber dem Solidarprinzip. Er warnte die Ministerin jedoch zugleich, den Krankenkassen künftig mehr Einfluss zu geben. So wandte sich Hoppe gegen eine falsch verstandene Transparenz, die zu Datensammlungen allein
bei den Krankenkassen führen könnte. Auch die vorgesehenen Disease-Management-Programme bergen nach Hoppes Ansicht die Gefahr, dass die medizinische Versorgung überwiegend von den Krankenkassen gesteuert werde. Hoppe: „Ich kann nur vor den Kostenrechnern und Controllern warnen!“
Bei der allgemeinen Feierstimmung auf dem Hausärztetag sprach der Präsident der Bundes­ärzte­kammer nur kurz die „objektiven Probleme der Allgemeinärzte und Internisten miteinander“ an. Der BDA, so schien es in Hannover, ist fest entschlossen, die Angriffe des Internistenverbandes auf die Hausarzt-Philosophie an sich abtropfen zu lassen. Die Vorstandsmitglieder des BDA demonstrierten Gelassenheit und führten die Kritik der Internisten auf den Versuch zurück, „den Verband überleben zu lassen“.
Spezialärztliche Medizin „eher der Ausnahmefall“
Professor Kossow nahm dazu eher indirekt Stellung, indem er eine durchaus eigenwillige Interpretation des Versorgungsgeschehens lieferte. Rund 70 Prozent der gesundheitlichen Probleme würden die Patienten in Form der Selbsthilfe (Kossow: „Gut beratene und gut geführte Patienten sind sich oft selbst der beste Arzt.“) lösen. Von den restlichen 30 Prozent übernähmen die Hausärzte drei Viertel und würden gut 90 Prozent davon abschließend lösen. Der verbleibende geringe Rest sei dann Sache der Fachärzte. Kossow: „Das heißt, die spezialärztliche Medizin ist eigentlich der Ausnahmefall.“ Eine derartige These spricht für eine breite Brust. Ebenso die Forderung, dass sich die künftige Epidemiologie vernünftigerweise auf jene Daten stützen solle, die in der hausärztlichen Versorgung gewonnen werden. Damit ist auch klar, dass die Hausärzte die Koordinierung und Auswertung der Disease-Management-Programme für sich reklamieren.
Tatsächlich können die Allgemeinärzte mit gestärktem Selbstbewusstsein in die Diskussion um die nächste Gesundheitsreform gehen. Sie wissen Ulla Schmidt grundsätzlich an ihrer Seite – bis hin zu unmissverständlichen Handlungsaufträgen an die kassenärztliche Selbstverwaltung. Unter dem Beifall der Delegierten sagte die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin: „Die honorarpolitischen Strukturen zur Umsetzung des Gliederungsauftrages in eine hausärztliche und fachärztliche Versorgung sind noch verbesserungswürdig.“
Sorgen bereitet Ulla Schmidt indessen die Nachwuchssituation der Allgemeinärzte. Vor allem im Osten stünden große Probleme an. Die Krankenhäuser, so die Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin, stellten nach wie vor zu wenig Weiterbildungsplätze für die Allgemeinmedizin zur Verfügung. Dies müsse sich ändern. Hoffnungen setzt Schmidt in die Änderung der Approbationsordnung: „Wir wollen mehr Praxisbezug im Studium und versprechen uns davon einen höheren Zulauf zum allgemeinmedizinischen Fach.“
Der BDA hat unterdessen die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass das Initiativ-Programm zur Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin zu dem gewünschten Erfolg führen wird. BDA-Geschäftsführer Robert Festersen wies darauf hin, dass sich die Zahl der geförderten Weiterbildungsstellen in den ersten beiden Jahren bundesweit fast verdoppelt habe. Der Ersatzbedarf für ausscheidende Allgemeinärzte könne auf viele Jahre hinaus gedeckt werden. Doch damit alleine sei das Problem noch nicht gelöst. Festersen: „Von 2006 an müssen auch die aus der hausärztlichen Versorgung ausscheidenden Internisten durch Allgemeinärzte kompensiert werden. Deshalb werden uns dann circa 400 Hausärzte jährlich fehlen.“ Josef Maus


Gute Laune: BDA-Vorsitzender Prof. Dr. med. Klaus-Dieter Kossow und Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt waren einer Meinung – mehr Einfluss für die Hausärzte.


Professor Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe auf dem Hausärztetag in Hannover: „Allgemeinärzte und Internisten haben objektiv Probleme miteinander.“
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