ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Embryonale Stammzellforschung: Unterschiedliche Wertvorstellungen

POLITIK: Kommentar

Embryonale Stammzellforschung: Unterschiedliche Wertvorstellungen

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2479 / B-2136 / C-1986

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Mit der internationalen Regelung der Forschung an embryonalen Stammzellen beschäftigte sich unter anderem ein Symposium in Hannover.

Möglichkeiten und Grenzen der Stammzellforschung – das war das Thema eines Hearings, das von der Stiftung Niedersachsen in
Zusammenarbeit mit dem niedersächsischen Landtag am 31. August und
1. September veranstaltet wurde. Auf die Grenzen verwiesen und ethische Bedenken vorgebracht wurden vor allem bei der embryonalen Stammzellforschung. Zahlreiche Experten stellten aber dennoch deren Möglichkeiten heraus. Für unverzichtbar hält sie auch Privatdozent Dr. med. Oliver Brüstle (dazu DÄ, Heft 24/2001). „Die Forschung an adulten wie auch an embryonalen Stammzellen ergänzt sich, es sind Felder, die sich befruchten und die zu Synergien führen“, so Brüstle.
Brüstle und sein Institutsleiter Prof. Dr. med. Otmar Wiestler hatten bei
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einen Projektantrag gestellt, um an embryonalen Stammzellen forschen zu können, die sie aus dem Ausland importieren wollen. Die DFG hat ihre Entscheidung vorerst vertagt. Nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz ist die Herstellung von Linien aus embryonalen Stammzellen verboten. Der Import ist jedoch wegen einer Gesetzeslücke erlaubt. Doch ob wirklich an importierten Zellen geforscht werden soll, ist umstritten.
Auf europäischer Ebene gibt es in dieser Frage „unterschiedliche Wertvorstellungen“, sagte Dr. Octavi Quintana Trias vom spanischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Die Menschenrechtskonvention zu Biomedizin des Europarates verbiete die Erzeugung menschlicher Embryonen zu Forschungszwecken. In der Konvention werde jedoch nicht bestimmt, was ein Embryo sei, schränkte Prof. Dr. jur. Jochen Taupitz, Mannheim, ein. Die Grundrechtscharta der Europäischen Union verbiete lediglich das reproduktive, nicht jedoch das therapeutische Klonen. Und eine EU-Richtlinie, die therapeutisches und reproduktives Klonen verbietet, gebe es bisher nicht, so Quintana Trias.
Wenn ein Land restriktiver sei als andere, forderte er in Anspielung auf die Regelung in Deutschland, solle die Europäische Union nicht dem Standard dieses restriktiven Landes folgen. Die Herstellung von Embryonen zu Forschungszwecken lehnt er allerdings ab. „Für Embryonenforschung sollte man nur Embryonen nehmen, die sowieso zerstört werden.“ In Europa gibt es nach seinen Angaben 250 000 bis 300 000 so genannte überzählige Embryonen. In Spanien gebe es etwa 37 000 „überzählige“ Embryonen, von denen rund 4 000 für Stammzell-
linien verwendungsfähig seien.
Bisher verfolgt Spanien ebenso wie Österreich ein Schutzkonzept, „dessen einschränkende Bestimmungen lediglich auf Befruchtungsverfahren ausgerichtet sind, sodass das darin enthaltene Klonierungsverbot den Zellkerntransfer von der Technik her nicht erfasst“, erläuterte Taupitz. In einigen Ländern umfasse das Klonierungsverbot von vornherein nur die Schaffung eines „vollständigen Menschen“. Das sei beispielsweise in Israel der Fall, wo erst die Geburt des Menschen als der entscheidende Einschnitt im Hinblick auf den vollen Menschenwürdeschutz angesehen werde. In Australien, Dänemark, Großbritannien, Finnland und Schweden sei eine fremdnützige Forschung von Embryonen auf die ersten 14 Tage der Entwicklung beschränkt. Andere Länder, wie Norwegen, Frankreich und die Schweiz, folgten dem deutschen Konzept, das die Erzeugung eines Embryos vom Beginn der Entwicklung an verbiete. Während beispielsweise in Frankreich „liberalisierende Gesetzentwürfe auf dem Tisch liegen“, würden zum Beispiel in Kanada, Italien und in den USA Verschärfungen angestrebt.
Der US-amerikanische Präsident George W. Bush hatte sich am 9. August dafür ausgesprochen, Forschung an vorhandenen Stammzelllinien mit Bundesmitteln zu unterstützen. Die Schaffung neuer Zelllinien oder gar das Klonen sollte jedoch nicht öffentlich gefördert werden. Diese Entscheidung wurde von Prof. Dr. Erich H. Loewy, University of California, Davis, scharf kritisiert: „Die Bushsche Lösung ist gar keine Lösung. Sie treibt die Forschung in die Arme der Industrie.“ Und eine Kommerzialisierung von Stammzellen sei zutiefst unethisch.
Grundsätzlich sprach sich Loewy für eine „evolutionäre Entwicklungsethik“ aus und befürwortete die Forschung an embryonalen menschlichen Stammzellen. Seiner Ansicht nach haben sie keine volle Schutzwürdigkeit: „Am Leben zu sein, bedeutet etwas anderes, als Leben zu haben.“ Gisela Klinkhammer


US-amerikanische Forscher an der Universität von Wisconsin/Madison untersuchen Kulturen mit embryonalen Stammzellen.
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