ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Schizophrenien: Somatische Befunde im Fokus

POLITIK: Medizinreport

Schizophrenien: Somatische Befunde im Fokus

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2482 / B-2138 / C-1987

Bartmann, Peter

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LNSLNS Der Nachweis von Risikofaktoren ermöglicht eine zeitige
Diagnose und bessere Behandlung schizophrener Erkrankungen.


Genetische, morphologische und funktionelle Befunde weisen immer mehr darauf hin, dass es sich bei den so genannten Geisteskrankheiten wie der Schizophrenie in erster Linie eben um körperliche Erkrankungen handelt. Die Beziehung zwischen einer erkennbaren Disposition und dem tatsächlichen Eintreten einer mentalen Krankheit, zum Beispiel einer schizophrenen Psychose, sei jedoch komplex, hieß es auf dem 7. Weltkongress der Biologischen Psychiatrie in Berlin.
Ein Prozent der Weltbevölkerung erkrankt im Lauf des Lebens mindestens einmal an einer schizophrenen Psychose, in Deutschland etwa 800 000 Menschen. In 25 Prozent verläuft die Erkrankung chronisch; zehn bis 15 Prozent der Patienten begehen Suizid. Aber die Enträtselung des Geheimnisses schizophrener Psychosen schreitet voran, und ihre Behandelbarkeit verbessert sich zunehmend. Die genaue Kenntnis der biologischen Ursachen könnte dabei für die Auswahl der therapeutischen Maßnahmen zunehmend wichtig werden.
Kopplungsanalysen
Zwillingsstudien legen nahe, dass es Risikogene auch für die Schizophrenien gibt. Nach Studien von Marcella Rietschel (Universität Bonn) können Mutationen der Gene für den Serotoninrezeptor, den Serotonintransporter oder den Dopaminrezeptor aber nur einen Bruchteil der Erkrankungen erklären. In Untersuchungen, die genotypische mit phänotypischen Merkmalen zu korrelieren versuchen (Kopplungsanalysen), fand sich, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Risikoallele auf den Chromosomen sechs und zehn zu finden sind. Weitere Untersuchungen sollen nun entsprechende Kandidatengene unter die Lupe nehmen.
Wade Berettini (University of Pennsylvania) fand mithilfe von Familienstudien und Kopplungsanalysen ein gemeinsames genetisches Risiko für Schizophrenien und bipolare Störungen. Nach seiner Ansicht müsste die Einteilung der schizophrenen Psychosen im Sinn eines Kontinuummodells neu überdacht werden. Ein Problem stelle die bei den nur kleinen Untersuchungsgruppen zu geringe Teststärke (Power) dar. Um dieses Problem bei der genetischen Heterogenität der Schizophrenien zu lösen, empfahl Michael Egan vom US-National Institute of Mental Health (Bethesda), kognitive Beeinträchtigungen als phänotypisches Merkmal in Kopplungsanalysen einzubeziehen. Ein ähnlicher Vorschlag stammte von Philip Holzman (Harvard University), der eine charakteristische Störung der Folgebewegungen der Augen als Merkmal einer Krankheitsdisposition heranzog.
In der Computer- und Magnetresonanztomographie ließen sich kürzlich bei einer Reihe von Schizophreniepatienten eine Ventrikelvergrößerung verbunden mit einer Rarefizierung des präfrontalen Cortex, der Temporallappen, des limbischen Systems und des Thalamus nachweisen. Die Veränderungen gehen mit charakteristischen Funktionseinbußen, einer sensorischen Filterstörung und eingeschränkten Informationsverarbeitung einher. Durch eine unzureichende Koordination dieser Areale können offenbar innere Vorstellungsbilder nicht mehr mit der äußeren Wirklichkeit abgeglichen werden. Die Patienten erleben sie als real.
Zurzeit wird besonders intensiv die Frage diskutiert, ob den morphologischen Befunden neuronale Entwicklungsstörungen zugrunde liegen oder ob sie Ausdruck progredient neurodegenerativer Prozesse sind. Unterschiedliche Ursachen und Verlaufsformen sind wahrscheinlich. Eine Frühdiagnostik mit Erfassung von Risikofaktoren wie psychischer Symptome, erblicher Belastung oder perinataler Komplikationen kann unter Umständen die Basis für wirksame protektive Maßnahmen gegen eine drohende Psychose darstellen. Forscher wie Thomas McNeill von der Universitätsklinik Malmö erkennen vor allem in Komplikationen vor oder während der Geburt Risikofaktoren, die bei einer Frühdiagnostik berücksichtigt werden sollten.
Nach Aussage von Arvid Carlsson (Universität Göteborg) hat die klassische Dopaminhypothese zwar ihre Gültigkeit bewahrt, sie werde heute aber in einem multifaktoriellen Zusammenhang gesehen, der andere Neurotransmitter – wie Serotonin, Glutamat und GABA – mit einschließe. Hanns Hippius (Ludwig-Maximilians-Universität München) wertete es als eine bedeutende Erkenntnis, dass die therapeutische Wirksamkeit der Antipsychotika keinesfalls an extrapyramidalmotorische Effekte gebunden sei. Dies habe zur Entwicklung moderner atypischer Antipsychotika geführt.
Eine schnelle und adäquate medikamentöse Behandlung, so der Tenor in Berlin, ermöglicht nicht nur ein gutes Abklingen akutpsychotischer Symptome, sondern verbessere auch die Langzeitprognose. Der Vorteil vieler Atypika liege hauptsächlich in einem günstigeren Nebenwirkungsprofil, da sie gezielt auf das mesolimbisch/mesokortikale System einwirkten, nicht jedoch auf das nigrostriatale. Auch ließen sich Erhöhungen der Prolaktinkonzentration vermeiden, erklärte Jeffrey Lieberman (Universität North Carolina).
Allan Young (Universität Newcastle) hob hervor, dass das Wirkungsspektrum von Olanzapin eine direkte antidepressive Komponente aufweise. Gegenüber Haloperidol oder Risperidon sei eine signifikant niedrigere Suizidrate aufgetreten. Nach den Erfahrungen von Padraig Wright (Universität London) lässt sich Olanzapin in einer Akutsituation vorteilhaft auch intramuskulär einsetzen. Eine rasche Verbesserung der Symptome müsse so nicht mehr mit unerwünschten Wirkungen wie Parkinsonsyndrom, akuter Dystonie oder Herzreizleitungsstörungen erkauft werden. Ferner könne auf Benzodiazepine als Begleitmedikation verzichtet werden, und die Umstellung auf die orale Darreichungsform sei problemlos.
Während in den USA der primäre Einsatz atypischer Antipsychotika mittlerweile bei 60 Prozent liegt, werden diese Medikamente in Deutschland – wohl auch aus Kostengründen – nur in 20 Prozent der Fälle akuter schizophrener Psychosen verordnet. Der Londoner Ökonom Martin Knapp wies auf die volkswirtschaftliche Bedeutung von Invalidität und Chronifizierung schizophrener Erkrankungen hin. In Deutschland sei der Anteil der indirekten Behandlungskosten durch Kranken­haus­auf­enthalte und staatliche Zuwendungen höher als in jedem anderen Land. Knapp betonte, dass die Atypika bezüglich Lebensqualität und Kosteneffektivität den konventionellen Medikamenten überlegen seien. Dr. med. Peter Bartmann

Wie ein schizophrener Patient seine Situation empfindet: Das Bild spiegelt Angst, Bedrohung und Verzweiflung wider.

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