ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Pharmamarketing: Millionen für die Meinungsbildner

POLITIK: Medizinreport

Pharmamarketing: Millionen für die Meinungsbildner

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2484 / B-2122 / C-1987

Koch, Klaus

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LNSLNS Eine holländische Studie belegt, wie stark der Druck des Marketing auf die Ärzte ist.


Niederländische Behörden nehmen derzeit intensiv die Marketing-Praktiken der Pharmaindustrie unter die Lupe – offenbar mit dem Ziel, nach Bestechung beziehungsweise Vorteilsnahme riechende Praktiken klar zu begrenzen. Bereits Anfang des Jahres musste die niederländische Niederlassung von Merck, Sharp & Dohme 95 000 Gulden (etwa 86 000 DM) Strafe zahlen, weil das Unternehmen an Ärzte Ausflüge zu Konzert- und Sportveranstaltungen verschenkt hatte.
Jetzt verhört die Staatsanwaltschaft 60 bis 70 Ärzte, die an einer eintägigen Veranstaltung von Boehringer Ingelheim teilgenommen hatten, auf der Werbung für das Antihypertensivum Micardis® (Telmisartan) gemacht wurde. Nach einem Bericht der Zeitschrift der niederländischen Ärztevereinigung KNMG, „Medisch Contact“, bestand der „Löwenanteil“ des Tages aber aus einem Auto-Sicherheitstraining, das die Firma den Ärzten spendiert hatte.
Regelungsbedarf nicht nur in den Niederlanden
Der Staatsanwalt in Haarlem prüft nun, ob die Ärzte damit gegen die bislang sehr weich formulierten holländischen Regelungen zur Vorteilsnahme verstoßen haben. Ein Sprecher von Boehringer Ingelheim Deutschland sagt auf Anfrage, dass „uns solche Veranstaltungen in Deutschland nicht bekannt sind“.
Den Hinweis auf die problematische Werbeveranstaltung erhielt die Staatsanwaltschaft vom niederländischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium. Auf Aufforderung des Ministeriums hatten sich die holländische Ärztevereinigung KNMG und die Pharmaindustrie bereits letztes Jahr verpflichtet, innerhalb von zwei Jahren neue Regeln zur Frage auszuarbeiten, wo kleine Geschenke enden und Bestechung beginnt. Offenbar will die Behörde ein Exempel statuieren, damit Industrie und Ärzteschaft diese Arbeit ernst nehmen.
Dazu gibt es womöglich nicht nur in Holland Anlass. Wie massiv die Industrie auf das Verschreibungsverhalten der Ärzte Einfluss zu nehmen versucht, zeigen zwei bereits im Juni ebenfalls in Holland veröffentlichte Berichte. Sie geben zum ersten Mal einen Überblick darüber, wie Pharmaunternehmen ihre Marketingstrategien koordinieren. „In Deutschland verwendet die Industrie ganz ähnliche Werbekonzepte“, schildert Prof. Dr. rer. nat. Gerd Glaeske, Arzneimittelexperte an der Universität Bremen.
Hintergrund der holländischen Initiative ist die Umsetzung einer EU-Richtlinie zur Arzneimittelwerbung aus dem Jahr 1992 (92/38/EEG). Um den Regelungsbedarf zu analysieren, hat Ge­sund­heits­mi­nis­terin Els Borst-Eilers zwei Untersuchungen in Auftrag gegeben. In der einen haben Beamte ihres Ministeriums Ärzte und Industrievertreter zu üblichen Praktiken und Ansichten zum Pharma-Marketing interviewt. In der zweiten Untersuchung hat seit April 1999 ein eigens eingesetzter Inspektor bei zehn Firmen die Marketingpläne von 28 verschreibungspflichtigen Medikamenten analysiert; diese Pläne sind normalerweise ein streng gehütetes Betriebsgeheimnis.
Auch wenn der Bericht über die Ergebnisse dieser Analyse weder Firmen noch Präparate nennt, bestätigt er die Vermutung, dass Ärzte extrem standfest sein müssen, wenn sie nicht dem Werben der Pharmaindustrie erliegen wollen. Allein die Höhe des Budgets demonstriert, welche Erwartungen die Industrie in ihr Marketing setzt: Insgesamt lag das bei den meisten der 28 Medikamente auf ein Jahr voraus geplante Werbebudget bei 140 Millionen DM; darin sind Gehälter, Nebenkosten und Provisionen für das Marketing-Personal wie Pharmareferenten und Produktmanager nicht einmal eingerechnet. Die zehn Firmen verplanten diese 140 Millionen DM folgendermaßen:
- 28 Millionen DM (20 Prozent) flossen in „Phase IV-Studien“ und Anwendungsbeobachtungen. Der wissenschaftliche Wert solcher Studien ist seit langem umstritten. Tatsächlich bestätigt die Untersuchung, dass die primäre Motivation der Firmen zum Beginn solcher Untersuchungen meist darin bestand, den Verkauf neuer Präparate anzukurbeln. Der Report kritisiert deshalb auch die Ethikkommissionen, die solche Studien zulassen: Als „Seeding-Trials“ missbrauchte Studien dürften „nicht von Ethikkommissionen genehmigt werden“.
- 26 Millionen DM (19 Prozent) waren für Fortbildungen und Kongressbesuche eingeplant: Wie auch in Deutschland finanzieren Firmen ausgewählten Ärzten (und Journalisten) die Teilnahme an den Veranstaltungen – Kongressgebühren, Reisekosten und Sozialprogramm inklusive. „Dabei sind Ausgaben von 10 000 Gulden (etwa 9 000 DM) pro Person und Kongress keine Ausnahme“, schildert der Bericht. Dieses Sponsoring ist für Ärzte durchaus eine gute Möglichkeit, auf dem Laufenden zu bleiben. Allerdings besteht aus Firmensicht der Sinn der Einladung vor allem darin, Ärzte in „Satellitensymposien“ am Rande der Kongresse zu lotsen.
- 16 Millionen DM (11 Prozent) waren zudem für reine „Promotion“-Treffen eingeplant. Das Strickmuster ist ähnlich wie hierzulande: „Meinungsbildner“ halten vor mehreren Hundert Ärzten Referate, deren Inhalt oft mit den Firmen abgesprochen oder sogar vorgegeben ist. Nach Darstellung der Firmen sollen diese Veranstaltungen „der Information“ der Ärzte dienen, in den analysierten Marketing-Plänen lesen sich die Aufgaben ganz anders: „überzeugen, dass das betreffende Arzneimittel das Beste ist; die Anzahl der behandelten Patienten erhöhen; Ärzte bearbeiten, an Phase-IV-Studien teilzunehmen“, zitiert der Bericht.
- 4 Millionen DM (3 Prozent) waren als Honorare für jene Meinungsbildner eingeplant, die die Firmen für ihre Überzeugungsarbeit einspannen – wie in Deutschland sind das meist international, national oder regional bekannte Professoren. Obwohl der Anteil solcher Honorare am Budget eher klein erscheint, ist er laut Report des Ministeriums „substanziell“, da die Millionen-Summen auf eine „relativ kleine Gruppe“ von Referenten verteilt wird. Der Bericht kritisiert, dass die engen finanziellen Verflechtungen der Meinungsführer mit der Industrie „nicht immer transparent sind“. Dazu Glaeske: „Man kann nicht davon ausgehen, dass man von einem von einer Firma gut bezahlten Referenten objektive Informationen bekommt.“
- Weitere 27 Millionen DM (20 Prozent) werden für Werbepost, Anzeigen in Fachzeitschriften und „sonstige PR“ eingeplant (Textkasten).
- 16 Millionen DM (12 Prozent) waren für die Ausstattung der Pharmareferenten vorgesehen, damit sie beim Besuch in der Praxis etwas in der Hand haben: Geschenke, Poster, Werbebroschüren, Sonderdrucke. Der Rest des Budgets (15 Prozent) verteilt sich vor allem auf Publikumsreklame, Musterpräparate, Internet-Präsentationen und Marktuntersuchungen.
Obwohl die Analyse den bislang tiefsten Einblick liefert, betont der Bericht, dass die Zahlen nicht verallgemeinert werden können. Marketing-Aufwand und Strategie unterscheidet sich von Präparat zu Präparat, aber auch von Land zu Land. Hochrechnungen auf das Gesamt-Marketingbudget der Pharmabranche seien deshalb nicht möglich.
Auf der Grundlage der Berichte hat die niederländische Ge­sund­heits­mi­nis­terin bereits einen Gesetzentwurf vorgelegt: Nach dem Entwurf sollen Ärzte in Holland für Bewirtung und Reisekosten im Jahr nicht mehr als 1 000 Euro annehmen dürfen, „Geschenke“ sollen auf 90 Euro pro Jahr beschränkt bleiben.
Bislang enthält auch das deutsche Berufsrecht der Ärzte keine klaren Grenzen, was Ärzte annehmen dürfen und was nicht; „unzulässig“ sind nach der (Muster-)Berufsordnung aber „Geschenke oder andere Vorteile, welche das übliche Maß kleiner Anerkennungen übersteigen“.
Klaus Koch

Die Berichte des Niederländischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums und die Gesetzesinitiative (in Holländisch) unter www. minvws.nl/infotheek.html?folder=4&page=15856

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