ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Forum Psychotherapie: Frust abgelassen

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Forum Psychotherapie: Frust abgelassen

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2487 / B-2141 / C-1990

Bühring, Petra

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LNSLNS Viele Psychologen und Ärzte liefern sich im Internetforum Psychotherapie des DÄ erbitterte Auseinandersetzungen. Doch einige
appellieren an Kollegialität und betonen die gute Kooperation.


Die Redaktion entschied Anfang Juli, auf den Internetseiten des Deutschen Ärzteblattes das Forum „Psychotherapie“ einzurichten. Die Beiträge von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten im Forum „Mobbing“ ließen Diskussionsbedarf erkennen. Beabsichtigt war, Raum für sachliche Auseinandersetzungen zu schaffen zu den Themen: Integration der Psychologischen Psychotherapeuten in die kassenärztliche Versorgung, Verhältnis Ärzte/Psychologen, Psychotherapeutenkammern und Qualitätssicherung. Keineswegs hat das DÄ die im Forum stattfindende „gegenseitige verbale Zerfleischung beabsichtigt“, wie ein Forumschreiber („kein PP“*) vermutete.
Internet-Foren sind anonym, bieten die Möglichkeit, Decknamen zu benutzen und sich als jemand anderes auszugeben. All dies wurde im Psychotherapie-Forum ausgenutzt. Viele Beiträge sind polemisch und polarisierend: Psychologen auf der einen Seite, Ärzte auf der anderen. Die Atmosphäre ist oft feindselig; einzelne zur Kollegialität und differenzierteren Diskussion aufrufende Forumsteilnehmer werden diffamiert. Wenig Sachliches ist zu finden. Die Stimmung zusätzlich anzuheizen versucht unter anderem ein „destruktiver Kotzbrocken in vielen Masken“, so bezeichnet von einem „anonymen PP“. Dieser schlüpft in verschiedene Rollen, beispielsweise in die des Facharztes für Neurologie und Psychiatrie, der provoziert mit Sätzen wie: „Wenn diese jesus-belatschten Öko-Spinner, die ihr ganzes Studium über nur debattierend in der Uni-Cafeteria herumgelungert haben, nun tatsächlich medizinische Verantwortung übertragen bekämen, wäre es schlecht um unser Gesundheitssystem bestellt.“
Viel Frust hat sich angestaut nach mehr als zwei Jahren Psychotherapeutengesetz, den einige Psychologische Psychotherapeuten damit kompensieren, indem sie den ärztlichen Psychotherapeuten Inkompetenz vorwerfen. Zum Beispiel: „Sie werden zugeben, dass eine systemische Ausbildung, die Sie vermutlich an drei Wochenenden am Bodensee absolviert haben, keine zureichende psychotherapeutische Ausbildung ist, besonders, wenn Ihnen die wissenschaftliche Grundlage eines Psychologie-Studiums fehlt“, schreibt ein „Psychologischer Psychotherapeut“. Vorgeworfen wird den Ärzten auch, die Psychologen auszugrenzen, „um die überaus reich gefüllten Pfründe zu sichern“, so ein „Dipl.-Psychologe Dr. phil.“. Aber auch die Ärzte geizen nicht mit Vorwürfen. Ein „Allgemeinarzt“ schreibt beispielsweise: „Wer sorgt denn bei euren geliebten Patienten dafür, dass sie sich in der Wartezeit auf einen Therapieplatz nicht vor den Zug werfen? Wir Hausärzte schaffen das – ohne Psychologie-Studium. Eure tolle Zunft bringt es nicht fertig, Patienten in vernünftigen Zeiträumen in Behandlung zu bringen.“ Diesem Vorwurf folgte ein Sturm verständlicher Entrüstung.
Man könnte das Psychotherapie-Forum als „Tummelplatz profilneurotischer Psychopathen“ abtun, wie ein „Nervenarzt“ vorschlägt, gäbe es nicht auch konstruktive Beiträge. „Wenn man Ärzten generell die Kompetenz zur psychotherapeutischen Behandlung abspricht oder PPs zu esoterisch veranlagten Händchenhaltern diskriminiert, kommt man eben nicht weiter“, schreibt „Dr. K.“. Eine „PPin“ ruft zur Kollegialität auf: „Können wir nicht unseren wunderbaren Beruf gemeinsam mit den Kollegen unterschiedlichster Herkunft, ob ärztlich, psychologisch oder sozialtherapeutisch, ausüben. Ich empfinde den Austausch mit den ärztlichen Psychotherapeuten (zum Beispiel in den Qualitätszirkeln) als sehr inspirierend.“ Viele Erwartungen werden auch in die im Entstehen begriffenen Psychotherapeutenkammern gelegt; die Psychologen hoffen insbesondere auf berufsrechtliche Unabhängigkeit.
Einige Beiträge betonen, dass die Kooperation von Ärzten und Psycho-logischen Psychotherapeuten in der Praxis sehr gut funktioniere. Ein niedergelassener „Dipl.-Psychologe und PP“ beschreibt die Zusammenarbeit mit ärztlichen Praxen in seiner Umgebung, von denen er den Großteil seiner Patienten zugewiesen bekommt, als „ausgezeichnet“. Auch „Dr. Sabrina H.“ ruft dazu auf, die provokanten und polemischen Beiträge als nicht repräsentativ zu betrachten.
Petra Bühring


* PP steht für Psychologischer Psychotherapeut; die in Anführungszeichen gesetzten Namen geben die vom Forumsteilnehmer gewählte Bezeichnung an.


Im Internetforum „Psychotherapie“ des Deutschen Ärzteblattes wurde heftig gestritten.
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