ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Mercy Ships: Schwimmende Klinik für die Armen

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Mercy Ships: Schwimmende Klinik für die Armen

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2492 / B-2147 / C-1994

Taut, Friedemann

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LNSLNS Ärzte und Pflegekräfte an Bord der Anastasis kümmern sich
um die medizinische Versorgung von Patienten aus Entwicklungsländern – ohne Lohn, aus christlicher Überzeugung.


Die Anastasis ist das derzeit größte Klinikschiff aus der Flotte der Mercy Ships, einer Organisation, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Ärmsten dieser Welt zu erreichen. Von November bis Mai lag das Schiff im Hafen von Cotonou in Benin (Westafrika). Das Land ist eines der ärmsten Afrikas.
Dreihundert Mitarbeiter aus vierzig Nationen arbeiten auf der Anastasis. Rund einhundert gehören zum medizinischen Team, darunter 15 Ärzte und Zahnärzte. Die restlichen Mitarbeiter betreuen Hilfsprojekte an Land oder erhalten die Infrastruktur des Schiffes aufrecht: Das berufliche Spektrum reicht vom Kapitän über Ingenieure, Handwerker, Pressereferenten, Lehrer, Programmleiter bis zur Küchenhilfe. Da auch Familien der Mitarbeiter an Bord sind, gibt es einen Kindergarten, eine Schule, Spielplätze und einen kleinen Swimmingpool. Die Kurzzeit-Helfer – etwa einhundert – bleiben jeweils zwischen zwei Wochen und einigen Monaten auf dem Schiff. Der leitende Arzt der Anastasis, Dr. Gary Parker, ein amerikanischer plastischer Chirurg, lebt seit 14 Jahren für dieses Projekt. Dabei verdient er pro Jahr einen Dollar – weniger erlauben die internationalen Bestimmungen für Schiffspersonal nicht. Alle Mitarbeiter finanzieren ihren Aufenthalt selbst. Die meisten haben einen Freundeskreis, mit dessen Hilfe sie zum Beispiel die Ausgaben für Kost und Logis von wöchentlich 100 Dollar bestreiten. Dahinter steht der Wunsch, nur solche Mitarbeiter zu beschäftigen, die sich aus christlicher Nächstenliebe engagieren. Außerdem sollen die Spendengelder direkt den Kranken zugute kommen.
Das Krankenhaus an Bord besteht aus drei Operationssälen mit Versorgungsräumen und einem Aufwachraum, einer Station mit 40 Betten, einer Intensivstation mit zwei Beatmungsplätzen, Untersuchungsräumen, einer Ambulanz für das Personal, chemischen und mikrobiologischen Labors und einer Röntgenabteilung.
Ich arbeitete zwei Wochen lang als Anästhesist an Bord der Anastasis. Die Ausstattung der engen Schiffs-OPs ist zwar nicht neu, es ist jedoch alles vorhanden, was man für fachgerechte Narkosen benötigt. Da die Medikamente aus vielen verschiedenen Ländern stammen, zum Teil ungewohnte Markennamen tragen und andere Wirkstoffkonzentrationen aufweisen als in Deutschland, muss man als Anästhesist genau hinschauen. Überdies ist sparsames Haushalten gefordert.
Meine erste Narkose führte ich bei einem Säugling mit Lippenspalte durch. Für diese Kinder bedeutet der zweistündige Korrektureingriff den Unterschied zwischen einem Dasein zu Hause – versteckt aus Scham vor den Nachbarn – und der Möglichkeit, ein normales Leben zu führen. Ebenso bedeutend ist es, wenn Patienten nach einer Operation des grauen Stars wieder sehen können. Das örtliche Krankenhaus führt solche Eingriffe extrem selten durch, wobei die meisten Patienten ohnehin kein Geld für eine medizinische Behandlung haben.
Der OP-Plan an Bord ist vielfältig: Je nach Qualifikation des anwesenden Chirurgen werden Verbrennungschirurgie, HNO-Operationen oder besondere plastische Eingriffe durchgeführt. Allerdings müssen auch immer wieder Hilfe suchende Patienten abgewiesen werden, weil die Kapazitäten erschöpft sind.
Die meiste „Gesundheitsarbeit“ wird an Land verrichtet. Auch ich hatte die Gelegenheit, an einem dienstfreien Tag im Geländewagen mit hinauszufahren; zunächst auf Asphaltstraßen an den Rand der Stadt und dann auf den roten Sandpisten in die Savanne. In der Nähe eines kleinen Dorfes, das aus ungefähr zehn Lehmhütten bestand, schlugen wir eine Tagesambulanz auf. Unter einem Mango-Baum kümmerten sich mehrere Teams aus Krankenschwester oder Arzt mit jeweils einem Dolmetscher um die Kranken. Von weit her gekommen, warteten meist Mütter mit kleinen Kindern geduldig in der langen Schlange, bis sie von einem Mitarbeiter aufgenommen und in die „Sprechstunde“ eingeteilt wurden.
In den seltensten Fällen werden die Patienten zur Operation in die Schiffsklinik einbestellt – die OP-Pläne sind ohnehin längst ausgebucht – oder zur Zahnklinik geschickt. Die meisten Krankheiten gehen auf Infektionen und Mangelerscheinungen zurück. Das Behandlungsspektrum reicht von Fieber (meist Malaria), Durchfall (oft Wurmerkrankungen), Masern, Windpocken (oft aufgekratzt und infiziert), Kwashiorkor (Eiweißmangel) bei Kindern über Rückenschmerzen bei Erwachsenen oder Sichelzellkrankheit bis hin zum eingehenden Gespräch wegen unerfüllten Kinderwunsches. An einem Tag können so mehr als einhundert Kranke versorgt werden.
Die Behandlungsmöglichkeiten sind oft begrenzt. Zwar behandelt man Wunden, verabreicht Antibiotika, Chloroquin und Schmerzmittel gegen akute Beschwerden oder Multivitamin-Tabletten zur Prophylaxe. Wichtiger ist jedoch die Gesundheitserziehung durch einheimische Mitarbeiter. Sie informieren anschaulich über Hygiene, Malaria und Moskitonetze, über saubere Wundversorgung oder die richtige Ernährung der Kinder. Ein solches Vorgehen ist sinnvoller, als etwa Tabletten gegen Würmer auszugeben. Bei unverändertem Verhalten sind die Würmer in wenigen Wochen in die Bäuche der Kinder zurückgekehrt.
Als Übersetzer fungierten dafür geschulte Einheimische. Sie führen in der Regel die Gesundheitsaufklärung nach Abreise der Anastasis weiter. Teilweise haben in diesem Jahr dieselben einheimischen Helfer mitgearbeitet wie beim letzten Einsatz in Benin vor drei Jahren, und hier und da haben sich die Verhältnisse gebessert.
Verstärkt wird die Gesundheitserziehung durch Besuche in Schulen und Dörfern, wo die Mitarbeiter auf aktuelle Gesundheitsprobleme eingehen. Mit Schautafeln und kleinen Vorführungen wird zum Beispiel dargestellt, wie Malaria übertragen wird: Jemand spielt die Stechmücke, die die Krankheit von einem Kranken auf einen Gesunden überträgt. Der durchs Moskitonetz geschützte Dritte wird nicht infiziert. In einigen Dörfern wird man nach einer solchen Vorführung Netze für die Kinder kaufen, in anderen nicht.
Die Aufklärung über Krankheiten und Infektionswege ist besonders wichtig, weil viele Afrikaner glauben, dass böse Geister für Erkrankungen verantwortlich sind. Vor diesem Hintergrund zielt die Arbeit der Anastasis nicht nur auf Hilfe für den Leib, sondern auch für die Seele. Der Glaube an Jesus Christus wird den bedrückenden Geistern als befreiende Botschaft entgegengesetzt. Das war schon Albert Schweitzer wichtig. Die Zusammenarbeit mit einheimischen Kirchengemeinden ist dabei selbstverständlich.
Ein weiterer Schwerpunkt der Mercy Ships ist die Verbesserung der ländlichen Infrastruktur. Dazu gehören der Bau von Brunnen und Latrinen, der Neubau einer Entbindungsklinik, die Unterstützung der einheimischen Krankenhäuser mit Sachspenden sowie Aus- und Fortbildung, landwirtschaftliche Projekte und der Einsatz für soziale Einrichtungen. Letztere sind beliebte Ziele für den Samstagvormittag: Wer will, kann Heime für Alte, Behinderte, Jugendliche oder Kinder, oder auch Gefängnisse besuchen.
Oft fragt man sich, ob diese Art der Hilfe nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Kurzfristig sind keine Umbrüche zu erwarten. Dennoch heißt es an Bord der Anastasis: „Ein Leben nach dem anderen, ein Lächeln nach dem anderen.“ Dabei erinnert man sich sofort an die Kinder mit den Lippenspalten und all die anderen, denen geholfen wurde: Tausend Operationen und dreitausend Zahnbehandlungen wurden durchgeführt, viele Tausend Patienten in den Dorfambulanzen versorgt, anderen wurde durch Infrastrukturmaßnahmen indirekt geholfen. Warum soll es nicht wichtig sein, in sieben Monaten im Leben von zehntausend Menschen in Benin etwas zum Besseren bewirkt zu haben?
Dr. med. Friedemann Taut

Die Organisation Mercy Ships hat es sich zum Ziel gesetzt, die Ärmsten dieser Welt zu erreichen.
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