ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Bedeutung des Nachweises von humanen Papillomviren für die Vorsorge

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Bedeutung des Nachweises von humanen Papillomviren für die Vorsorge

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2517 / B-2149 / C-2013

Hoyer, Heike; Dürst, Matthias; Schneider, Achim

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LNSLNS Zusammenfassung
Der Nachweis von Hochrisikotypen humaner Papillomviren (HPV) im Rahmen der Früherkennungsuntersuchung zur Erkennung von schwergradigen Krebsvorstufen oder Gebärmutterhalskrebs ist sensitiver, aber weniger spezifisch als die zytologische Untersuchung. Bei negativem HPV-Nachweis liegen eine schwergradige Krebsvorstufe oder ein Karzinom extrem selten vor. Der HPV-Nachweis an einem durch Selbstentnahme gewonnenen Abstrich ist genauso sensitiv wie ein gezielt entnommener zytologischer Abstrich. Zytologisch unklare Veränderungen werden mittels molekularbiologischem HPV-Nachweis kosteneffizienter bestimmt als durch wiederholte zytologische Untersuchung. Bei leichtgradigen Krebsvorstufen kann das Risiko für eine Progredienz durch HPV-Nachweis mit hoher Sensitivität, aber geringer Spezifität vorausgesagt werden. Der Nachweis von HPV zeigt ein Rezidiv nach Konisation zuverlässiger an als die zytologische Untersuchung. Wie lange nach einem negativen HPV-Ergebnis keine Neoplasien zu erwarten sind, Fragen der Lebensqualität und Kosteneffektivität müssen evaluiert werden, bevor ein HPV-Screening empfohlen werden kann.

Schlüsselwörter: Papillomvirusinfektion, Krebsfrüherkennung, Vorsorgeuntersuchung, Zervixkarzinom

Summary
Importance of Human Papillomavirus
Detection in Screening
Detection of high risk human papillomaviruses (HPV) for screening of high grade cervical intraepithelial neoplasia (CIN) or cervical cancer is more sensitive compared to cytology, but less specific. In women who are negative for HPV high grade CIN or cancer is extremely rare. Detection of HPV by self sampling is as sensitive as gynecologic cytological smears. Determination of abnormal cytology by HPV detection is more cost efficient than repeated cytology. The risk of progression of low grade CIN is assessed by repeated HPV detection with high sensitivity, but low specificity. Recurrence of CIN following conization is predicted with higher accuracy by HPV testing compared to cytology. Before population-based HPV screening can be recommended the predictive value of a negative HPV test, quality of life, and cost effectiveness has to be evaluated.

Key words: papillomavirus infection, early cancer diagnosis, check-up, cervical cancer


Gebärmutterhalskrebs wird primär durch so genannte Hochrisikotypen humaner Papillomviren (HR-HPV) verursacht: HPV 16, 18, 26, 31, 33, 34, 35, 39, 45, 51, 52, 53, 56, 58, 59, 66 und 68, 70 und 73 gelten als Karzinogene.
Der Häufigkeitsgipfel für HPV-Infektionen liegt im Alter zwischen 20 und 25 Jahren. Die kumulative Inzidenz beträgt bei jungen Frauen, die nach Beginn ihrer sexuellen Aktivität über einen Zeitraum von mehreren Jahren beobachtet werden, bis zu 50 Prozent. Bei 80 Prozent der HPV-Infizierten bildet sich die Infektion über einen Zeitraum von circa zwölf Monaten spontan zurück, nur bei 20 Prozent wird Persistenz oder Progredienz beobachtet (Grafik).
Besteht eine HPV-Infektion über mehrere Jahre fort, kann sich eine schwergradige Krebsvorstufe (Dysplasie, zervikale intraepitheliale Neoplasie, CIN) entwickeln. Drei bis sechs Prozent der infizierten Frauen entwickeln nach durchschnittlich 15 Jahren ein Karzinom. Da nur wenige der Infizierten tatsächlich an Gebärmutterhalskrebs erkranken, sind neben HPV noch andere Kofaktoren von Bedeutung. Hier scheinen vor allem genetische Faktoren wichtig, die es dem Immunsystem nicht erlauben, die HPV-Infektion zu eliminieren: Eine fehlende Assoziation zwischen den HLA-kodierenden (HLA, Histokompatibilitätsantigen) MHC-Molekülen (MHC, Histokompatibilitätshauptkomplex) und den entsprechenden HPV-Peptiden, die subtypspezifisch auf den antigenpräsentierenden Zellen exponiert werden, führt dazu, dass bestimmte HLA-Typen einige HPV-Varianten dem Immunsystem nicht präsentieren können. Dies kann zu einer Persistenz der Infektion führen.
Seit der Einführung des Abstrichs vom Gebärmutterhals als Vorsorgeuntersuchung ist die Neuerkrankungs- und Sterberate am Gebärmutterhalskrebs in Deutschland erheblich gesunken. Aber noch immer erkranken Frauen, die regelmäßig an der Vorsorgeuntersuchung teilgenommen haben, an Gebärmutterhalskrebs. Wäre ein Test auf HR-HPV geeignet, die Sicherheit der Vorsorgeuntersuchung zu erhöhen? Ein solcher Test müsste ausreichend treffsicher, risikoarm, preiswert, reproduzierbar und effizient sein.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden mehr als 70 HPV-Typen klassifiziert und nochmals so viele HPV-Typen werden in den nächsten Jahren definiert werden. Im Anogenitaltrakt findet man 37 so genannte mukosale HPV-Typen. 99,7 Prozent der Zervixkarzinome enthalten DNA von humanen Papillomviren, und 80 Prozent aller Zervixkarzinome können durch den Nachweis von HPV 16, 18, 31, 33 und 45 identifiziert werden. Für den Nachweis von HPV-DNA werden im Moment hauptsächlich drei Testsysteme empfohlen: zwei Consensus-Primer-PCR-Systeme (MY09/11 und GP5+/6+ Verfahren) und die zweite Generation des Hybrid Capture Systems (HC II), das auf Sandwich-Hybridisierung beruht (die zu bestimmende HPV-DNA wird mit einzelsträngiger DNA hybridisiert und so nachgewiesen) und kommerziell verfügbar ist (Tabelle 1). Für die verschiedenen HPV-Nachweissysteme bestehen beträchtliche Unterschiede bezüglich der Sensitivität und HPV-Typ-Spezifität, weshalb ein dringender Bedarf für Standardisierung und Qualitätskontrolle besteht.
Der HPV-Nachweis kann sowohl im Screening, für die Bewertung abnormer zytologischer Befunde oder leichtgradiger Dysplasien oder das Erkennen von Rezidiven nach Konisation eingesetzt werden (Textkasten).
HPV-Nachweis in der gynäkologischen Vorsorge
Ein direkter Vergleich der im Folgenden zitierten Studien ist schwierig, da unterschiedliche zytologische Verfahren (Standardzytologie versus Expertenzytologie versus Einzelzellschicht-verfahren), unterschiedliche Klassifikationssysteme für neoplastische Läsionen (CIN, Bethesda II, Papanicolaou und andere) und verschiedene HPV-Nachweissysteme verwendet werden (PCR-basierte Verfahren, Hybrid Capture II). Dies ist bei der Interpretation der jeweiligen Daten zu berücksichtigen.
HPV-DNA-Nachweis und Zytologie
Der molekularbiologische HPV-Nachweis kann potenziell für das Screening zusätzlich oder alternativ zum zytologischen Abstrich eingesetzt werden. Im Screening haben erste Studien nur dann eine erhöhte Sensitivität für den Nachweis von CIN II/III gezeigt, wenn der HPV-Nachweis mit der zytologischen Untersuchung kombiniert wurde (7, 32, 37).
Inzwischen wurden die HPV-Nachweisverfahren in ihrer Sensitivität verbessert und das Spektrum der nachweisbaren HPV-Typen erweitert. Eine deutsche (36) und eine kanadische Studie (31) zeigten, dass der Nachweis von HR-HPV-DNA, verglichen mit der zytologischen Untersuchung, signifikant sensitiver, aber auch unspezifischer ist (Tabelle 2). Der negative Vorhersagewert bei fehlendem Nachweis von HR-HPV lag für den HPV-Nachweis höher als für die zytologische Untersuchung. Bleibt nach einem negativen HPV-Test das Erkrankungsrisiko über mehrere Jahre gering, könnten Kosten eingespart werden, indem die Untersuchungsintervalle für die betreffenden Frauen vergrößert werden. Für ältere Frauen, die mehrfach HR-HPV negativ waren, wäre ein Screening auf CIN eventuell nicht mehr notwendig (15, 16).
Mehrere ähnlich konzipierte Studien werden im Moment durchgeführt und zeigen in der vorläufigen Auswertung vergleichbare Ergebnisse (3). Randomisierte Studien (8) dürften in den nächsten Jahren zusätzliche Daten liefern, die es erlauben, den positiven und negativen Vorhersagewert des HPV-Nachweises im Screening und das optimale Alter der Frauen für die Teilnahme am Screening besser zu bestimmen.
Selbst entnommene Abstriche ebenbürtig Auswertungen von abgeschlossenen (12, 42) (Tabelle 3) und noch andauernden Studien (3) an selbst entnommenen Abstrichen zum Zweck des Nachweises von humanen Papillomviren zeigten übereinstimmend, dass die Wertigkeit des HR-HPV-Nachweises der Wertigkeit einer zytologischen Untersuchung an gezielt entnommenen Abstrichen ebenbürtig ist. Der Nachweis von humanen Papillomviren an selbst entnommenen Abstrichen könnte damit alternativ zum zytologischen Abstrich für Frauen genutzt werden, die gegenwärtig nicht durch die zytologische Untersuchung erreicht werden können. In Deutschland betrifft das Frauen, die nicht an Vorsorgeuntersuchungen teilnehmen. Neben einer ausreichend hohen Compliance für den Test muss dann allerdings gezeigt werden, ob Frauen mit positivem HR-HPV-Nachweis bereit sind, sich einer kolposkopischen Untersuchung, gegebenenfalls mit Gewebeentnahme, zu unterziehen.
Für Länder, bei denen kein zytologisches Screening-Programm etabliert ist, dürfte ein intermittierender oder einmal im Leben durchgeführter HPV-Nachweis leichter durchzuführen und kosteneffizienter sein als das zytolo-
gische Screening (15). Hierbei muss berücksichtigt werden, dass in sol-
chen Ländern auch Behandlungsprogramme für CIN und Karzinome implementiert werden müssen, um Konsequenzen aus dem HPV-Nachweis zu ziehen.
Sozioökonomische und psychologische Faktoren
Eine weitere wichtige Voraussetzung für die Akzeptanz des HPV-Nachweises durch Frauen, die sich einer Krebsvorsorgeuntersuchung unterziehen, ist die Evaluierung sozioökonomischer und psychologischer Faktoren, die Beratung von HPV-positiven Frauen und die Information der Öffentlichkeit. Hier wurden erste Initiativen gestartet (3). Bei HIV-positiven Frauen wurde die Durchführung eines HPV-Nachweises als zusätzliche Untersuchung positiv evaluiert (3) und in Ländern mit niedrigen Ressourcen auch als einzige lebenslange Screeningmethode akzeptiert (3). Fragen der Lebensqualität im Zusammenhang mit dem HPV-Nachweis (beispielsweise Akzeptanz der Selbstuntersuchung und der zusätzlichen Kosten, psychogener Stress bei positivem Test) müssen beantwortet werden, bevor ein HPV-Nachweis implementiert wird (3).
Kostenwirksamkeit eines Screening
Für die Einführung des HPV-Nachweises bei verschiedenen Altersgruppen und in verschiedenen Screeningintervallen sind mehrere Möglichkeiten vorstellbar. Die bisherigen Modelle sind durch das Abschätzen der Effektivität und der Kosten des Tests limitiert. Die Kosten der gegenwärtigen Vorsorgeprogramme könnten durch einen HPV-Test potenziell reduziert werden. Verschiedene mathematische Modelle werden untersucht, mit denen das Ergebnis von Screeningprogrammen unter verschiedenen Annahmen vorausgesagt werden kann (3, 40). Die im Moment vorliegenden Schätzwerte sind jedoch zu ungenau, um für das deutsche Gesundheitssystem klare Aussagen zu machen.
Identifizierung von Risikogruppen
Der HR-HPV-Nachweis wurde zur Risikoevaluation von Frauen mit leichtgradigen zytologischen Veränderungen (Pap Gruppe IIW oder IIK und teilweise Pap Gruppe III, ASCUS oder AGUS) eingesetzt. Bei 5 bis 20 Prozent der Frauen mit diesen zytologischen Diagnosen kann histologisch CIN II oder CIN III nachgewiesen werden (19, 24, 38). Die gegenwärtigen Empfehlungen für Frauen mit leichtgradigen Veränderungen sind vielfältig und variieren zwischen einer Kontrolle durch zytologischen Abstrich mit oder ohne Kolposkopie und sofortiger Kolposkopie mit histologischer Abklärung (22). Die rein zytologische Verlaufskontrolle kann dazu führen, dass Frauen nicht mehr zu den Nachfolgeuntersuchungen kommen oder eine schwergradige Läsion oder ein Karzinom übersehen wird; sofortige Kolposkopie und Biopsie führen dagegen eventuell zur Übertherapie. Beide Vorgehensweisen können Verunsicherung bei der Patientin erzeugen und führen möglicherweise zu krankheitsassoziiertem Stress (22, 15, 5). Als Alternative bietet sich zur Risikoabschätzung von leichtgradigen zytologischen Veränderungen der Nachweis von HR-HPV-DNA an (Tabelle 4). Der HPV-Nachweis ist der zytologischen Untersuchung in der Sensitivität überlegen. In einer Studie war dies allerdings mit dem Nachteil verbunden, dass 56 Prozent der gescreenten Frauen zur kolposkopischen Untersuchung überwiesen wurden (38). Der positive Vorhersagewert des HPV-Nachweises ist bei über 30 Jahre alten Frauen mit der zytologischen Diagnose ASCUS (atypical squamous cells of undetermined significance) am höchsten (38). In Studien mit einem hohen Anteil an jungen Frauen und damit hoher Prävalenz von HPV-Infektionen liegen die Spezifität und der positive Vorhersagewert des HPV-Nachweises niedriger (6, 41).
Progressionsmarker
Da bis zu 70 Prozent der leichtgradigen Dysplasien (CIN I) in einem Zeitraum von fünf Jahren regredieren, wird eine routinemäßige Behandlung nicht empfohlen (2, 26). Patientinnen mit CIN I werden daher engmaschig überwacht, was neben einer psychischen Belastung auch erhebliche Kosten verursacht. Daher wären biologische Marker, die das Progressionspotenzial einer CIN-I-Läsion schon bei Erstdiagnose voraussagen, von großem klinischen Wert (Textkasten). Mehrere Studien zeigen übereinstimmend, dass ein wiederholter Nachweis von HPV-DNA mit rezidivierendem oder progredierendem CIN einhergeht (4, 21, 28, 33, 13). Wird für diese Fragestellung der kommerziell verfügbare Hybrid Capture II eingesetzt, so sind 84 Prozent HR-HPV-positiv. Dies liegt unter anderem an falsch klassifizierten HPV-Befunden mit geringem Risiko, die elf Prozent der HR-HPV-positiven Ergebnisse ausmachen (1). Aufgrund des hohen Anteils an HR-HPV-positiven leichten Dysplasien hat daher der HPV-Nachweis mittels Hybrid Capture II nur einen eingeschränkten Wert für klinische Therapieentscheidungen.
Die Amplifikation von Papillomvirus Onkogentranskripten erlaubt, zwischen HPV mRNA episomalen und integrierten Ursprungs zu unterscheiden. Integrierte HPV-DNA wird nur bei CIN II, CIN III oder invasiven Karzinomen in ansteigender Häufigkeit nachgewiesen (5 Prozent, 10 Prozent und 88 Prozent) (20).
Die Menge an HPV-16-DNA wurde durch die PCR-basierte 5’-Exonukleasemethode bestimmt (18). Frauen, bei denen die HPV-16-DNA-Menge im höchsten Quintil lag, hatten ein 60fach erhöhtes Risiko für CIN III. Hieraus wird gefolgert, dass die quantitative Bestimmung von HPV-16-DNA es ermöglicht, zwischen Läsionen mit hohem und niedrigem Progressionsrisiko zu unterscheiden.
Genetische Varianten von HPV-Typen unterscheiden sich per definitionem in weniger als drei Prozent ihrer Basensequenz. Durch Sequenzvergleich mit dem jeweiligen HPV-Prototypen wurden in den letzten Jahren vor allem das E6-Gen und die Locus-Kontrollregion von HPV 16 eingehend untersucht.
Bestimmte Varianten (zum Beispiel E-G350) sind mit invasivem Zervixkarzinom assoziiert (43), wobei die Onkogenität spezifischer HPV-16-Varianten in unterschiedlichen Populationen verschieden ist (27). Ob die HPV-Varianten zu unterschiedlichen klinischen Bildern führen, ist bisher noch unklar.
Polymorphismus im Tumorsuppressorgen p53 (Codon 72) bestimmt potenziell die Effizienz von HPV-16- oder HPV-18-E-6-Proteinen bei der Degradierung von p53 in vitro. Es wird kontrovers diskutiert, ob eine Assoziation zwischen einem Polymorphismus des p53-Gens im Codon 72,
der die Aminosäure Arginin kodiert, mit einem Risiko für Zervixkarzinome besteht (11, 17, 23, 34, 39, 43). Die widersprüchlichen Daten können eventuell auf ethnische Unterschiede, aber auch auf Unterschiede in den verwendeten molekularbiologischen Untersuchungsmethoden zurückgeführt werden. Daher ist die endgültige Rolle des p53-Polymorphismus in der Onkogenese nicht klar.
HPV-Nachweis nach Therapie von CIN überlegen
Bei circa 10 bis 15 Prozent der Frauen, bei denen eine CIN entfernt wurde, persistiert die CIN, oder es kommt zu einem Rezidiv. Die Inzidenz von invasivem Zervixkarzinom bei Frauen, bei denen ein CIN III durch Konisation behandelt wurde, liegt bei 1 pro 1 000 pro Jahr, das heißt die kumulative Inzidenz beträgt ein Prozent nach zehn Jahren. Alle bisher durchgeführten Studien zeigen übereinstimmend, dass bei persistierender oder rezidivierender CIN der Nachweis von HR-HPV-DNA der zytologischen Untersuchung überlegen ist (3, 9).
Kritische Bewertung der vorliegenden Daten
Es ist nicht Aufgabe dieser Übersichtsarbeit, allgemeine Empfehlungen für den klinischen Einsatz des HPV-Nachweises zu geben. Hierzu müssen die betroffenen Fachgesellschaften Stellung beziehen. In jüngster Zeit wird aber die medizinische Gemeinschaft durch Öffentlichkeit und Industrie zunehmend zur Durchführung von HPV-Tests aufgefordert. Die Einführung eines HPV-Screening muss jedoch im Moment aus folgenden Gründen als voreilig beurteilt werden:
- Der vielfach höhere Anteil falsch positiver HR-HPV-Befunde führt zu erheblichen psychischen und physischen Belastungen der betroffenen Frauen, die sich freiwillig und beschwerdefrei einer Vorsorgeuntersuchung unterziehen. Bisher steht noch keine Methode zur Verfügung, mit der eine HR-HPV-Infektion therapiert werden kann.
- Unter den Frauen mit schwergradigen Dysplasien (CIN III) sind diejenigen, die durch den HR-HPV-Test entdeckt werden, jünger als die Frauen, die durch einen abnormalen zytologischen Abstrich auffallen. Das lässt vermuten, dass Krebsvorstufen durch einen HR-HPV-Test in einem früheren Stadium und damit über einen längeren Untersuchungszeitraum gefunden werden können, als durch den zytologischen Abstrich. So lange noch keine spezifischen Progressionsmarker vorliegen, die ein potenzielles Fortschreiten solcher Veränderungen anzeigen können, kann der HR-HPV-Test zu Überdiagnose und Übertherapie führen.
- Die geringe Sensitivität des zytologischen Abstrichs als Einzeluntersuchung ist bekannt. Bei regelmäßiger Teilnahme an der Vorsorgeuntersuchung nimmt jedoch die Wahrscheinlichkeit eines richtig positiven Befundes und damit die Treffsicherheit unter den erkrankten Frauen zu.
- Die Qualität des HPV-Tests unter Routinebedingungen ist offen, und qualitätssichernde Standards müssen noch erarbeitet werden.
- Das entscheidende Argument für den Einsatz eines HR-HPV-Tests im primären Screening wäre ein Zugewinn an Effizienz: Lassen sich langfristig Neuerkrankungs- und Sterberate am Gebärmutterhalskrebs stärker reduzieren als bisher, oder können Aufwand und Kosten gespart werden, ohne die Sicherheit der Vorsorge zu verringern? Wie ist die Bilanz von Nutzen und Schaden für alle am Screening teilnehmenden Frauen? Hier offenbaren sich die methodischen Grenzen vieler gegenwärtiger, meist als Querschnittsstudien angelegter HPV-Studien, die zum jetzigen Zeitpunkt darüber keine Aussagen gestatten.
c Neben der Qualitätssicherung für das zytologische Screening besteht ein großes Problem der Krebsvorsorge in Deutschland darin, dass Frauen dieses für sie kostenlose Angebot unzureichend wahrnehmen. Es sollte untersucht werden, ob Frauen, die bislang nicht an der Vorsorgeuntersuchung teilnehmen, durch einen HR-HPV-Test an selbst entnommenen Abstrichen erreicht werden können.
Abschließend noch ein letzter Hinweis: Die Entscheidung über die Einführung eines HPV-Nachweises wird letztlich nicht von der medizinischen Gemeinschaft, sondern von den Frauen getroffen. In circa fünf Jahren wird ein Impfstoff gegen HPV 16 kommerziell zur Verfügung stehen. Dann werden Frauen mit Recht die Untersuchung auf ein onkogenes Virus und, bei positivem Nachweis, eine Impfung wünschen. Spätestens dann werden sich Öffentlichkeit und medizinische Gemeinschaft diesem Anliegen widmen müssen. Daher sollte das Thema HPV bereits heute von den Ärzten intensiver bearbeitet werden.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2517–2521 [Heft 39]

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literaturverzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Achim Schneider MD, MPH
Abteilung Frauenheilkunde
Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Bachstraße 18, 07740 Jena
E-Mail: Achim.Schneider@med.uni-jena.de


Abteilung Frauenheilkunde, Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe (Direktor: Prof. Dr. med. Achim Schneider, MPH), Friedrich-Schiller-Universität, Jena


Verlauf der HPV-Infektion der Cervix uteri. Von 100 infizierten Frauen werden 20 eine zervikale intraepitheliale Neoplasie (CIN) und 3 bis 6 ein Karzinom (CA) entwickeln (modifiziert nach 25, 44).


´Tabelle 1
Vergleich der wichtigsten HPV-DNA-Nachweissysteme
Testverfahren Methode Nachweisbare bekannte Übereinstimmung
Hochrisiko-HPV-Typen (Kappa Index*)
GP 5+/6+ (14) consensus 16, 18, 26, 31, 33, 34, 35,
primer PCR 39, 45, 51, 52, 53, 56, 58,
59, 66, 68, 70, 73
MY 09/11 (10) consensus 16, 18, 26, 31, 33, 35, 39,
primer PCR 45, 51, 52, 53, 56, 58, 59,
66, 68, 73, PAP 155,
W13B und PAP 291
Hybrid Capture II (35) Sandwich- 16, 18, 31, 33, 35, 39, 45,
Hybridisierung 51, 52, 56, 58, 59, 68
* 0,45–0,75: gute Übereinstimmung
> 0,75: sehr gute Übereinstimmung


´Tabelle 2
HPV-DNA-Nachweis im Screening mit korrigierten Schätzwerten für Sensitivität und negativen Vorhersagewert
Autoren Untersuchte Medianes HPV- Prävalenz Prävalenz
Frauen Alter (Jahre) Nachweismethode HR-HPV CIN II/III Sensitivität*1 Negativer Vorhersagewert*1
(Prozent) oder CA HPV Zytologie*2 HPV Zytologie*2
(Prozent) (Prozent) (Prozent) (Prozent) (Prozent)
Schneider et al. (36) 4 671 35 GP 5+/6+ 7,8 2,4 89,4 20 99,6 97,5
Ratnam et al. (31) 2 098 30 HC I/HC II 10,8 1,6 68,1 26,8 99,1 98,1
*1 für CIN II/III oder Karzinom
*2 > PAP-Gruppe IIID


´Tabelle 3
HPV-DNA-Nachweis am selbst entnommenen Abstrich
Autoren Untersuchte Medianes HPV- Prävalenz Prävalenz
Frauen Alter (Jahre) Nachweismethode HR-HPV CIN II/III Sensitivität*1 Spezifität*1
(Prozent) oder CA HPV Zytologie*2 HPV Zytologie*2
(Prozent) (Prozent) (Prozent) (Prozent) (Prozent)
Hillemanns et al. (12) 247 k. A. HC II 47 16 93 k. A. k. A. k. A.
Wright et al. (42) 1 415 39 HC II 38,9 4 66,1 67,9 82,9 87,7
k. A., keine Angaben
*1 für CIN II/III oder Karzinom
*2 > PAP-Gruppe IIW


´Tabelle 4
HPV-DNA-Nachweis als Triage-Methode
Autoren Untersuchte Alter (Jahre) HPV- Prävalenz Prävalenz
Frauen Nachweismethode HR-HPV CIN II/III Sensitivität*1 Positiver Vorhersagewert*1
(Prozent) oder CA HPV Zytologie*2 HPV Zytologie*2
(Prozent) (Prozent) (Prozent) (Prozent) (Prozent)
Manos et al. (24) 995 37 (median) HC II 39,5 6,7 89,2 76,2 15,1 12,9
Solomon et al. (38) 3 488 29 (mittleres) HC II 50,6 11,4 95,9 85,0 19,6 16,7
*1 für CIN II/III oder Karzinom
*2 > PAP-Gruppe IIW



Mögliche Indikationen für
den HR-HPV-Nachweis

- Primäres Screening im Rahmen
der Krebsvorsorge
– Kombination mit zytologischer Untersuchung – Selbstuntersuchung

- Triage von Patientinnen mit unklarem
zytologischen Ergebnis

- Progressionsmarker bei CIN I
– wiederholter Nachweis von HR-HPV-DNA
– Integration von HR-HPV-DNA ins
menschliche Genom
– erhöhte Viruslast von HR-HPV
– Varianten von HR-HPV
– Genetische Prädisposition (zum Beipiel
p53-Polymorphismus)

- Rezidivnachweis nach CIN-Therapie
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