ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2001Kunst auf Rezept: Grenzgebiet zwischen Kunst und Medizin

VARIA: Feuilleton

Kunst auf Rezept: Grenzgebiet zwischen Kunst und Medizin

Dtsch Arztebl 2001; 98(39): A-2522 / B-2152 / C-2016

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Das Ergebnis eines Projektes, an dem sich 162 Künstler beteiligt haben, wird zurzeit in einer Ausstellungstournee durch mehrere deutsche Museen dokumentiert.


Überflüssige Rezeptformulare werden wohl in der Regel einfach entsorgt. Doch es geht auch anders. So beschloss der Kölner Arzt Dr. med. Hartmut Kraft, dass diese schlichten Formulare künstlerisch bearbeitet werden könnten. Über die Entstehung seines ungewöhnlichen Projekts „Kunst auf Rezept“ berichtet er im gleichnamigen Katalog zur Ausstellung, die bis 16. November in Ratingen zu sehen ist: „In der zweiten Hälfte der 80er-Jahre wurden die schwarz-weißen Kassenarztrezepte durch rosafarbene Formulare ersetzt. Die ungültig gewordenen Rezeptformulare wanderten zu Tausenden durch den Reißwolf und in die Papierkörbe. Als Psychoanalytiker und Nervenarzt, der nur selten ein Rezept ausstellt, hatte ich einen Block von fast tausend Rezepten – nahezu die komplette Erstaustattung eines Kassenarztes – im Schrank liegen. Ich beschloss, die postkartengroßen, umfangreich bedruckten Formulare nicht zu entsorgen, sondern sie einer neuen Bestimmung zuzuführen.“
Kraft vermutete, dass die „funktionslos gewordenen Papiere“ ein Anreiz zur künstlerischen Auseinandersetzung sein könnten. Im Unterschied zu einem leeren Blatt Papier sei nämlich der Bezug zur Pharmazie und Medizin bereits vorgegeben. Es wird unter anderem nach dem Namen des Patienten, nach Wohnung und Arbeitgeber sowie nach seiner Krankenkasse gefragt. Selbst die Rückseite des Rezepts ist in zahlreiche Felder unterteilt. Nicht zu vergessen ist auch der Absender des Rezepts, der Initiator des Projekts: ein Nervenarzt, ein Psychoanalytiker. Wenn Künstler, von eventuellen persönlichen Krankheiten abgesehen, einen Bezug zur Medizin hätten, so doch zweifellos zur „Bildnerei der Geisteskranken“ (1922), wie das bahnbrechende Werk von Prinzhorn heißt, vermutet Kraft. Dieses Werk sei nicht nur die Bibel der Surrealisten, sondern auch bis heute eine Inspirationsquelle für Künstler gewesen. Neben der Psychiatrie sei die Psychoanalyse „von ihren Anfängen an in einen Dialog mit der Kunst getreten, bestand und besteht ein großes Interesse von beiden Seiten. Bevor also ein Künstler oder eine Künstlerin den ersten Strich auf dieses Blatt setzen würde, wäre sie/er bereits von einem Netz ganz spezieller Assoziationen umfangen.“
Das erste Rezept erhielt der Künstler Peter Gilles am 29. September 1987, der es sofort bearbeitete. Kraft überlegte, ob er es dabei belassen sollte, einige befreundete Künstler mit der Bearbeitung der Rezepte zu beauftragen. „Ich könnte die Rezepte rahmen lassen und in meine Praxis hängen. Ende des Einfalls. Aber ich hatte einen Packen von fast tausend Rezepten.“ Er beschloss deshalb, „durch eine Vielzahl künstlerischer Antworten einen ganz neuen Blick auf das Grenzgebiet zwischen Kunst und Medizin zu eröffnen“.
Doch wegen zahlreicher ungelöster Fragen („Was konnte ich als Gegenleistung anbieten? Was sollte mit den bearbeiteten Rezepten geschehen? Würde das Material für eine Ausstellung reichen?“) ruhte das Projekt zehn Jahre lang. Vor drei Jahren dann schickte Kraft jedem Künstler, den er um einen Beitrag bat, ein Exemplar seines Buches „Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie“. Er vermutete, dass ein Buch in der Nachfolge von Hans Prinzhorn auf großes Interesse stoßen würde. Außerdem konnte er sich auf diese Weise als Autor, Sammler und Grenzgänger zwischen Kunst und Medizin ausweisen. Der „Startschuss war gefallen und der Rücklauf bearbeiteter Rezepte größer als erhofft“. Schon bald lagen mehr als fünfzig bearbeitete Rezepte vor. Es wurde dem Sammler klar, dass die Qualität und die Anzahl der Arbeiten eine Ausstellung ermöglichen würde. In dieser Situation kam Kraft der zweite Zufall zur Hilfe. Nach fast zehnjähriger Pause entstand plötzlich wieder Interesse an einer Präsentation seiner Sammlung „Die Geburt des Menschenbildes – Die Kopffüßler“. Die Sammlung umfasst gut dreihundert Bilder und Objekte, angefangen bei präkolumbianischen Terrakotten über afrikanische und ozeanische Kunst bis zu Kunst und Werbung der Gegenwart. Ausgehend von Kinderzeichnungen und den Zeichnungen psychiatrischer beziehungsweise neurologischer Patienten, „belegen die Bilder und Objekte das in uns angelegte Bildthema des Kopffüßlers als den reduziertesten Versuch, einen ganzen Menschen darzustellen“, so Kraft. Der Titel der Ausstellung lautete folgerichtig: Die Geburt des Menschenbildes. Mehrere Museen zeigten die Ausstellung, ein neuer Katalog wurde gedruckt. Auf diese Weise konnte auch das Projekt „Kunst auf Rezept“ einigen Museen näher gebracht werden. Den Künstlern, die Kraft zur Mitwirkung einlud, konnte er nun von den bisherigen Rückläufen als auch von den Aussichten auf eine beziehungsweise mehrere Ausstellungen berichten. Was mit dem engsten Freundeskreis begonnen hatte, weitete sich aus auf Künstler, die Kraft persönlich kannte, und schließlich auch auf Künstler, deren Werke er schätzte, ohne sie persönlich zu kennen. Schließlich bewarben sich erste Künstler um Teilnahme, einige wurden auch vorgeschlagen. Was eher zögerlich begonnen hatte, entwickelte sich nach und nach zu einem umfangreichen Projekt, das eine „unerwartete Eigendynamik“ entfaltete.
Kraft weist darauf hin, dass Medizin und Kunst auf eine lange gemeinsame Tradition zurückblicken können. Wo medizinisches Handeln gefragt war, sei immer auch zur künstlerischen Darstellung gegriffen worden. Die gemeinsame Wurzel medizinischer,
religiöser und künstlerischer Vorgehens- und Gestaltungsweisen lasse sich bereits im Schamanismus erblicken. Als Schnitzer seiner Masken und Gestalter seiner Kleidung sei der Schamane künstlerisch tätig, als Tänzer und Trommler ziehe er seine Zuschauer wie ein moderner Schauspieler in seinen Bann. Durch seine Arbeit habe er heilend auf seine Zuschauer einwirken können, die sich mit ihm und seinen Geisterkämpfen identifizierten. Diese uralte Vorgehensweise des Heilens durch eine schamanische Performance lasse sich bis auf den heutigen Tag nachweisen. So folge auch die griechische Tragödie diesem Heilungsmodell. „In einer mehr statischen und religiös eingebundenen Form findet sich dieses Gedankengut in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Krankenzimmer- und Krankenhausaltären. In ihren Bildprogrammen, die oft eine komplette Geschichte erzählen oder einen Aspekt pars pro toto hervorheben, sollten die Kranken (schuldhafte) Ursachen, Konflikte und Kämpfe, schließlich Heilung/Erlösung bildhaft eindringlich vor Augen geführt bekommen.“ Heutzutage sei es nur schwer nachzuvollziehen, welche überwältigende Wirkung zum Beispiel der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald ausgeübt haben müsse.
Anfang des 20. Jahrhunderts hätten sich Kunst und Medizin auf eine ganz neue Weise gegenseitig beeinflusst. Durch Hans Prinzhorns „Bildnerei der Geisteskranken“ sei die wundersame Bildwelt vieler psychiatrischer Patienten einer breiten Öffentlichkeit bekannt geworden. Durch Max Ernst sei das Buch in den Kreis der französischen Surrealisten gelangt. Auch Künstler wie Paul Klee und Alfred Kubin waren begeistert von diesen Werken. Im 20. Jahrhundert gewann neben der Darstellung des Leids auch der Einfluss positiver, lebensbejahender Aspekte an Bedeutung. Dies schlägt sich auch in der Gestaltung der Rezepte nieder. Kraft sieht in der Gesamtheit der künstlerischen Antworten eine Allegorie. Das Rezept mit seiner umfangreichen Vorstrukturierung und mit seiner nur geringen Papierqualität könne wie eine Krankheit aufgefasst werden. Weit mehr als zweihundert Rezepte wurden, so das „vorläufige Endergebnis“, von 162 Künstlerinnen und Künstlern gestaltet. Sie bearbeiteten teilweise nur das für Verschreibungen vorgesehene Feld, teilweise auch das ganze Rezept. Andere haben sogar das Medium gewechselt. So entstanden neben den erwarteten Zeichnungen und Gemälden auch Objekte, Skulpturen, Großfotos und ein Video. Krafts Fazit: „Über zumindest einen Therapieerfolg ist tatsächlich zu berichten: War ich anfänglich äußerst skeptisch, ob und warum Künstler auf meine Anfrage reagieren sollten, so wurde ich durch die Anzahl, Qualität und vor allem auch durch die formale und inhaltliche Breite der künstlerischen Antworten eines Besseren belehrt. So fand eine Therapie der schönsten Art statt: die des Zweiflers und Zögernden zu einem begeisterten Vorantreiber des Projekts.“
Das Ergebnis wird zurzeit in einer Ausstellungstournee durch mehrere deutsche Museen dokumentiert.
Gisela Klinkhammer


Thomas Huber: Aquarell und Bleistift auf Originalrezept (recto), signiert und datiert 01, betitelt „Malerei gegen Rückenschmerzen“


Uwe Eßer: Mischtechnik auf Originalrezept (recto) auf Pappe, verso signiert und datiert 1999

Heinz Mack: Tusche, Acryl und mehrfarbige Pastellkreiden auf vergrößerter Kopie eines Rezepts
(H 42,5 cm x B 30 cm). Zweifach gefaltet, signiert und datiert 20. 12. 98. Unten rechts ist eine Visitenkarte mit Grüßen und Unterschrift angeheftet.
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