ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2001Konservative Orthopädie: Ein Plädoyer

POLITIK: Kommentar

Konservative Orthopädie: Ein Plädoyer

Dtsch Arztebl 2001; 98(40): A-2561 / B-2202 / C-2047

Krämer, Jürgen

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LNSLNS Bei der geplanten Fusion der Fächer Orthopädie und Unfallchirurgie im Rahmen der Novellierung der (Muster-)Weiter­bildungs­ordnung steht unter anderem der ambulante konservative orthopädische Fachbereich zur Disposition. Derzeit gibt es in Deutschland 7 422 berufstätige Fachärzte für Orthopädie, davon 5 122 in der Praxis und 1 913 in Kliniken. Der Rest verteilt sich auf sonstige berufliche Tätigkeiten. Sie arbeiten eng mit 1 832 orthopädietechnischen Handwerksbetrieben mit 3 298 Orthopädie-Technik-Meistern und 2 400 Orthopädie-Schuhtechnik-Betrieben mit rund 9 000 Beschäftigten zusammen. Diese Zahlen stammen aus dem aktuellen Orthopädie-Memorandum, das beim Deutschen Orthopädenkongress im Oktober in Berlin vorgestellt wird.
Die niedergelassenen Orthopäden übernehmen in Deutschland die ambulante konservative Versorgung von Erkrankungen und Verletzungen der Stütz- und Bewegungsorgane. Damit unterscheidet sich die Situation grundsätzlich von der in anderen EU-Staaten und den USA. Dort sind Diagnostik und konservative Behandlung solcher Erkrankungen und Verletzungen auf mehrere Fachleute wie Radiologen, Chiropraktiker, Rheumatologen, Internisten, Anästhesisten oder Allgemeinärzte verteilt. Jeder betätigt sich dabei in seinem Bereich:
- Chiropraktiker – in der Regel keine Ärzte – betreiben manuelle Medizin.
- Rheumatologen, Internisten und Allgemeinärzte verschreiben Medikamente.
- Anästhesisten setzen Nervenblokkaden und epidurale Injektionen.
Für die Verordnung und ärztliche Kontrolle orthopädischer Hilfsmittel und Schuhe fühlt sich niemand richtig zuständig. Orthopäden finden sich als orthopedic surgeons nur in Kliniken.
Anders in Deutschland: Hier liegen Diagnostik und ambulante konservative Therapie in einer Hand, und zwar beim niedergelassenen Facharzt für Orthopädie. Dieser hat nach einer minde-
stens einjährigen allgemeinchirurgischen Grundausbildung eine fünfjährige Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie in einer orthopädischen Klinik durchlaufen. Während und nach dieser Weiterbildungszeit hat er in der Regel verschiedene Zusatzqualifikationen erworben, die es ihm ermöglichen, in seiner Praxis das ganze Spektrum der konservativen Orthopädie anzubieten. Das heißt, ein Orthopäde in Deutschland beherrscht die fachgebundene Röntgendiagnostik und Sonographie, gegebenenfalls MRT-Diagnostik, Chirotherapie, physikalische Therapie, die lokale Injektionsbehandlung und die Verordnung von Naturheilverfahren. Die meisten Orthopäden sind Sportärzte. Zusammen mit Orthopädietechnikern und Schuhmachern versorgen sie die Patienten mit orthopädischen Hilfsmitteln. Schließlich können sie sozialmedizinische fachorthopädische Gutachten gegenüber den Versicherungsträgern abgeben.
Diese Konzentration von Kompetenz auf einen Spezialarzt bietet Patienten und Kostenträgern viele Vorteile. Geht man in Deutschland, etwa mit einem Bandscheibenvorfall, zu einem niedergelassenen Orthopäden, hat man eher Aussicht, durch geeignete konservative Behandlungsmethoden ohne Operation davonzukommen, als vergleichsweise in den USA, wo man einen orthopedic surgeon aufsucht, der neben seiner Praxis auch einen Operationsbetrieb unterhält. Die gegebenenfalls vorgeschalteten Chiropraktiker und Rheumatologen führen keine Nervenblockaden oder epidurale Injektionen durch und kennen sich in der Orthopädie-Technik nicht aus. Untersuchungen haben ergeben, dass in Deutschland je Einwohner viermal weniger Bandscheibenoperationen vorgenommen werden als in den USA, was nicht zuletzt auf die qualifizierte Schmerz- und Physiotherapie in der orthopädischen Praxis zurückzuführen ist.
Das bewährte Konzept der ambulanten Versorgung muskuloskelettaler Erkrankungen im deutschen Gesundheitssystem darf man im Rahmen der Fusion von Orthopädie und Unfallchirurgie sowie der europäischen Harmonisierung nicht aufs Spiel setzen, sondern als Vorbild für einen gut funktionierenden Teil unseres Gesundheitssystems präsentieren.
Prof. Dr. med. Jürgen Krämer
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