ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2001Nordkorea: Hilfe tut Not

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Nordkorea: Hilfe tut Not

Dtsch Arztebl 2001; 98(40): A-2564 / B-2204 / C-2049

Vilmar, Karsten; Unschuld, Paul U.; Lie, T. S.

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LNSLNS Eine Delegation der Deutsch-Koreanischen Association für
Medizin* hat Nordkorea besucht, um herauszufinden, wo und wie deutsche Hilfe am effektivsten eingesetzt werden kann.

Die Situation in Nordkorea ist schwierig. Der Wegfall des sozialistischen Lagers seit Ende der 80er-Jahre und die schlimmen Unwetterkatastrophen der 90er-Jahre haben die wirtschaftlichen Grundlagen ganz erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Prof. Choe Chang Sik, stellvertretender Ge­sund­heits­mi­nis­ter und zugleich Präsident der Korean Medical Association, informierte die Delegation aus Deutschland in aller Offenheit über die Lage in seinem Land. Aus seiner Sicht stehen vier Problembereiche im Vordergrund: Es fehlen Arzneimittel aller Art. Bis in die 80er-Jahre seien 70 Prozent der notwendigen Medikamente in Nordkorea produziert worden; der Rest wurde importiert. „Gegenwärtig ist das Verhältnis genau umgekehrt. Wegen des Mangels an Rohstoffen sind wir nicht in der Lage, die Produktion in den pharmazeutischen Fabriken aufrechtzuerhalten“, sagte Choe.
Weil die knappen Ressourcen für die Ernährung der Bevölkerung eingesetzt werden müssten, sei es unmöglich, medizinische Geräte, vor allem für die Diagnostik, neu zu beschaffen. Die vorhandenen Geräte seien veraltet und reparaturbedürftig. Es fehle an Geld, um hier eine Wende einzuleiten.
Der Geldmangel macht Choe zufolge auch die effektive Bekämpfung von Infektionskrankheiten unmöglich. Malaria, Tuberkulose und infektiöse Verdauungskrankheiten nähmen zu. Auch Hepatitisinfektionen breiteten sich rasch aus, weil für die Diagnose Testkits und Laborgeräte fehlten. An eine Therapie sei kaum zu denken.
„Aus diesen Gründen ist die wissenschaftliche Entwicklung im Land weit hinter dem Weltniveau zurückgeblieben“, sagte der stellvertretende Ge­sund­heits­mi­nis­ter. Es sei jetzt Aufgabe des Ministeriums, neue Bereiche in der Medizin, wie Gentechnik, Zellbiologie und endoskopische Operationen, zu fördern. Es fehle jedoch an der erforderlichen Ausbildung von Personal im Ausland, an Geräten und den finanziellen Mitteln für die laufenden Kosten.
Choe regte an, nach der Besichtigung verschiedener medizinischer Einrichtungen in Pyongyang und Umgebung die Aussichten für eine Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Nordkorea zu überprüfen. Mit Blick auf die fachärztliche Versorgung von Patienten in ländlichen Regionen schlug er eine Kooperation auf dem Gebiet der Telemedizin vor. Da die Fachkenntnisse der Ärzte in den Kreiskrankenhäusern sehr mangelhaft seien, biete es sich an, ein solches Projekt zunächst in zwei Kreiskrankenhäusern zu testen und nach positiven Erfahrungen das System auszuweiten. Auf deutsche Hilfe hofft der stellvertretende Ge­sund­heits­mi­nis­ter auch beim Datenmanagement für die Verwaltung der Krankenhäuser. Dort fehlt es an entsprechender Hardware.
Choe hält zudem eine Schwerpunktförderung für sinnvoller als die Unterstützung vieler kleiner Projekte. Sein Vorschlag: das Zweite Volkskrankenhaus in Pyongyang. Die medizinische Hochschule der Stadt wird bereits von einer Organisation aus den USA unterstützt.
Mit Blick auf die Fortbildung koreanischer Ärzte im Ausland berichtete Choe von Gesprächen mit der ehemaligen Berliner Gesundheitssenatorin, Beate Hübner. Diese habe angeregt, je zwei nordkoreanische Ärzte in der Charité und im Deutschen Herzzentrum in Berlin fortzubilden. Dies sei jedoch bislang nicht zustande gekommen.
„Es fehlt an allem“
Die folgenden Tage verbrachte die Delegation aus Deutschland mit Besuchen in verschiedenen medizinischen Einrichtungen. Auffällig war der hohe Stellenwert, den der verstorbene Staatsgründer Kim Il-Sung und sein politisches Vermächtnis im heutigen Nordkorea genießen. Nächtliche Verdunkelungen und Luftschutzübungen auch tagsüber ließen überdies die Atmosphäre des Bedrohtseins deutlich werden, die nach wie vor in Nordkorea herrscht.
Die Frauenklinik Pyongyang ist eines von zwei noch einigermaßen funktionstüchtigen Krankenhäusern in Nordkorea. Zwar ist die Bausubstanz gut, aber die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten einschließlich der Operationen sind wegen Materialmangels stark eingeschränkt. Nur vereinzelt stehen Geschenke moderner Medizintechnik zur Verfügung. Im Großen und Ganzen ist die Entwicklung auf dem Niveau der frühen 70er-Jahre stehen geblieben. Unbeleuchtete Flure und fehlende Heizmöglichkeiten in Funktions- und Patientenräumen vermitteln einen deprimierenden Eindruck.
Ein ähnliches Bild bot sich im Kim-Man-Yu-Hospital in Pyongyang. Dank Spenden von in Japan lebenden Koreanern, allen voran des Namensgebers Dr. Kim Man-Yu, vermittelte das 1986 eröffnete Krankenhaus zunächst einen baulich soliden Eindruck. Die mangelhafte Versorgung mit Strom und Heizung und die dürftige Ausstattung in den Bereichen Diagnose und Therapie des 1 300-Betten-Hauses waren jedoch nicht zu übersehen.
Im Vergleich zu den ersten beiden Krankenhäusern lässt sich der Zustand des Zweiten Volkskrankenhauses Pyongyang nur als katastrophal beschreiben. Der große Komplex mit 1 500 Betten dient der Versorgung von etwa zwei Millionen Menschen in Pyongyang und Umgebung. Es fehlen funktionsfähige Geräte, Operationstische und Narkoseeinrichtungen. Da es auch an Narkosemitteln mangelt, werden Operationen nur in Lumbalanästhesie durchgeführt. In den Labors gibt es keine der üblichen Reagenzien. Die Regale füllen alte Flaschen mit für Außenstehende undefinierbarem Inhalt. Kreißsaal und Geburtshilfestation sind in desolatem Zustand. Auch in dieser nach dem Koreakrieg erbauten Krankenhausanlage wird nicht geheizt; gelegentlich versucht man, wie anderenorts auch, mithilfe völlig überhitzter Heizspiralen kleiner Kochherde ein Zimmer zu erwärmen. Die Beleuchtung in den dunklen Fluren war abgeschaltet. Der ärztliche Direktor, Dr. Yong-Sung Kim, bat die Delegation aus Deutschland dringend um Hilfe, insbesondere mit diagnostischen Geräten, Operationsinstrumenten und Untersuchungsreagenzien. Das Krankenhaus besitze keinen Krankenwagen und auch keine Lastwagen für den Transport von Gütern. „Es fehlt an allem“, sagte Kim.
Das höchste wissenschaftliche Niveau des Landes besitzt offenbar das Klinikum der medizinischen Hochschule Pyongyang. Auch hier waren nahezu alle Gerätschaften älter als 25 Jahre, viele reparaturbedürftig. Ein Röntgengerät der Firma Siemens von 1975 war nur noch eingeschränkt funktionsfähig. Die Delegation besichtigte dort unter anderem eine Abteilung für traditionelle Heilkunde und konnte eine Behandlung mit Akupunktur und Vakuumglocken sowie die Anwendung eines selbst entwickelten Gerätes zur Definition geeigneter Einstichpunkte bei der Akupunktur beobachten. Der ärztliche Direktor, Prof. Sang-Lim Moon, wünschte sich unter anderem Möglichkeiten, junge Ärzte in Deutschland fortzubilden, und wies auf derartige Verbindungen zu den USA hin. Dringend notwendig sei zudem eine Erneuerung der für Diagnostik und Therapie erforderlichen Apparate, so auch der Endoskope, von denen im Krankenhaus lediglich noch eines eingeschränkt funktioniere.
In der Tuberkulose-Klinik Pyongyang berichtete der zuständige Abteilungsleiter im Ge­sund­heits­mi­nis­terium, Young-Pyo Ha, über die rasante Zunahme an Tuberkulose-Erkrankungen in den letzten Jahren. Die Zahl der Tbc-Kranken habe nach dem Koreakrieg zugenommen, sei aber in den 80er-Jahren stark zurückgegangen. 1990 habe man mit 50 Erkrankten auf 100 000 Einwohner rechnen können. Fehlende Medikamente und Hungerkatastrophen hätten in den Folgejahren jedoch dazu geführt, dass ihre Zahl wieder auf derzeit mehr als 150 Kranke je 100 000 Einwohner gestiegen sei. Man gehe gegenwärtig von 30 000 bis 40 000 Tbc-Infizierten in Nordkorea aus, die kaum behandelt werden könnten, weil die Produktion von Tuberkulostatika wegen Rohstoffmangels zusammengebrochen sei. Zwar habe die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) seit 1996 sieben Landkreise mit Medikamenten unterstützt. Dies bedeutete jedoch Hilfe für nur sieben Prozent aller Tbc-Kranken. Außerdem sei die letzte Arzneimittellieferung der WHO im April 2000 angekommen. Die Tbc-Diagnostik wird nach Angaben von Ha hauptsächlich mit Röntgen-Thorax-Aufnahmen durchgeführt; Sputum-Untersuchungen seien eher unüblich. Die Häufigkeit von extrapulmonalen Tbc-Erkrankungen schätzt er auf 20 Prozent, die der resistenten Tbc-Formen auf 20 bis 30 Prozent. Die Zahl der jährlichen Neuinfektionen sei unbekannt.
Ähnlich deprimierend die Situation in der Pharmazeutischen Fabrik Pyongyang: Direktor Sin Do Gyun führte die Delegation durch die zumeist leeren Fabrikhallen, in denen vereinzelt noch pharmafremde Produkte gefertigt werden. An wenigen Tabletten-Maschinen waren Arbeiterinnen damit beschäftigt, aufgrund fehlender Bindemittel unzureichend gepresste ASS-Tabletten per Hand in kleine Papierschachteln abzufüllen. Minimale Aktivität auch in einigen Räumen, in denen die Konzentration pflanzlicher Extrakte erfolgte. Wie der Fabrikdirektor ausführte, sind alle Möglichkeiten für eine gute Produktion gegeben. Es mangele lediglich an Rohstoffen. Früher habe man auf
60 000 Quadratmetern mit 1 000 Mitarbeitern etwa 60 verschiedene Medikamente hergestellt. Seit 1990 würden aus den Ostblockländern keine Rohstoffe mehr geliefert. Auch die Naturkastastrophen der letzten Jahre hätten zu der schwierigen Versorgungslage beigetragen, da die jährlich etwa 100 Tonnen ASS aus den Chemiefabriken in Hungnam und Chungchun nicht mehr geliefert würden. Im vergangenen Jahr sei gerade noch eine Tonne ASS eingetroffen, so- dass die Produktion inzwischen nahezu zum Erliegen gekommen sei.
Die Situation im Kreiskrankenhaus Kang-Nam, 60 Kilometer außerhalb von Pyongyang, war noch einmal desolater als die in den anderen Krankenhäusern. Operations- und Laborräume machten einen seit langem ungenutzten Eindruck. Das Haus hat 250 Betten und versorgt mit 150 Ärzten und nur 50 Krankenpflegern die rund 70 000 Bewohner der Region.
Medizinische Fortbildung in Deutschland
Es ist dringend geboten, Nordkorea in dem Bemühen zu unterstützen, die medizinische Versorgung der Bevölkerung wieder an internationale Standards heranzuführen. Nach Ansicht der Delegation aus Deutschland müssten am Beginn einer Zusammenarbeit die Einladung an nordkoreanische Ärzte zur Fortbildung in Deutschland sowie die schwerpunktmäßige Hilfe für ein ausgewähltes Krankenhaus in Pyongyang stehen.
Für mehrere Ärzte aus Nordkorea konnten inzwischen Hospitationen zur Fortbildung in speziellen Verfahren in München, Berlin und Cottbus vermittelt werden. Wenn aus dem Leserkreis weitere Plätze zur Fortbildung für Ärzte zur Verfügung gestellt oder anderweitige humanitäre Hilfsmaßnahmen unterstützt werden könnten, wäre die Deutsch-Koreanische (KDVR) Association für Medizin e.V., Adolfstraße 9–11, 53111 Bonn, für entsprechende Hinweise dankbar.
Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. T. S. Lie
Prof. Dr. phil. Paul U. Unschuld
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Karsten Vilmar


*Teilnehmer der Delegation waren: Prof. Dr. med. Dr. h. c. Karsten Vilmar, Bremen, Prof. Dr. med. Dr. h. c. T. S. Lie, Bonn, Prof. Dr. phil. Paul U. Unschuld, M.P.H., München, und Priv.-Doz. Dr. med. Thomas Eichhorn, Cottbus


Die medizin-technische Entwicklung ist auf dem Niveau der frühen 70er-Jahre stehen
geblieben.


Nordkoreas Krankenhäusern fehlt das Geld, um die völlig veraltete Ausstattung zu erneuern.
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