ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2001Medizinstudium: Reform nicht verachten

BRIEFE

Medizinstudium: Reform nicht verachten

Dtsch Arztebl 2001; 98(40): A-2569 / B-2193 / C-2057

Handwerker, H. O.

Zu den Beiträgen „Auf der Zielgeraden“ von Dr. rer. pol. Harald Clade und „Mehr Praxis, weniger Multiple Choice“ von Dr. med. Eva A. Richter in Heft 31–32/2001:
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die beiden Beiträge informieren sehr gut über den Stand der Novellierung der ÄAppO und die laufenden Reformstudiengänge. Aus ihnen geht aber auch hervor, dass diese Novelle von interessierter Seite als „Reförmchen“ abgetan wird. Da offenbar selbst Präsident Hoppe in dieses Horn stößt, scheinen mir einige Anmerkungen aus der Sicht eines Studiendekans angebracht, sozusagen als „Stimme von der Ausbildungsfront“.
Es ist ein Gemeinplatz, über die „Theorielastigkeit“ des deutschen Medizinstudiums zu klagen. Tatsächlich lernen unsere Studenten aber nicht zu viel Theorie, sondern zu wenig Klinik. Dass Studentenvertreter daraus den Schluss ziehen, ein bisschen weniger komplizierte Wissenschaft und mehr saftiges Klinikleben sei die Lösung aller Probleme, kann ich gut verstehen. Aber Herr Kollege Hoppe und andere Ärztefunktionäre? Glauben die wirklich, der Arzt der Zukunft werde angesichts einer immer komplizierter werdenden Medizin und immer mündigerer Patienten, die im Zweifelsfall alles über ihre Krankheit aus dem Internet wissen, unbeschwert von wissenschaftlicher Theorie und Systematik über die Runden kommen? Als Studiendekan erhalte ich regelmäßig „reports“ von amerikanischen Medical Schools über Medizinstudenten, die Teile ihres Studiums im Ausland absolvieren. Überraschend ist, wie oft in solchen Zeugnissen die solide Ausbildung unserer Studenten in den theoretischen Grundlagen der Medizin gelobt wird. Dass wir offenbar hier auch international noch eine ansehnliche Stellung halten, ist angesichts der „erschöpfenden Auslastung der Unterrichtskapazität“ (O-Ton Bundesverfassungsgericht) eine große – und weitgehend unbeachtete – Leistung der „theoretischen“ Institute in Vorklinik und erstem klinischen Studienabschnitt.
Niemand bezweifelt, dass die klinische Ausbildung reformbedürftig ist. Auch unsere Fakultät arbeitet an diesem Problem. Man darf aber nicht übersehen, dass die Misere der klinischen Ausbildung nur zum Teil durch die Studienorganisation bedingt ist. Solange sich personelle Ausstattung, überbürokratisierter Arbeitsablauf (verschlimmert durch DRG-Einführung!) und Verhältnis Studenten- zu Patientenzahlen und Lehrpersonal nicht ändern, wird keine Reform Wunder vollbringen. Das hat wahrhaftig nichts mit einer Überbetonung der Forschung zu tun, wie jedermann weiß, der die sorgenvollen Denkschriften von Wissenschaftsrat und DFG zum unbefriedigenden Stand der klinischen Forschung in unserem Lande kennt.
Ich bin sehr für „problemorientiertes Lernen“ (POL). Das hohe Lied der auf „POL“ basierenden Reformstudiengänge will mir aber angesichts unserer Verhältnisse nicht so recht über die Lippen. Voraussetzung eines sinnvollen Einsatzes von POL scheint mir zu sein, dass bereits systematisches Wissen vorhanden ist, auf dem man Problemlösungen aufbauen kann. Bei der äußerst heterogenen Ausbildung, die unsere Medizinstudenten aus der Schule mitbringen, kann man jedenfalls im ersten Studiensemester nicht von irgendeinem Wissensstand oder auch nur irgendeiner Art von Allgemeinbildung ausgehen. In diesem Stadium mit POL zu beginnen, kann sich vielleicht Witten-Herdecke mit zwei Dutzend Studenten ( und hohen Studiengebühren ) leisten, oder die Humboldt-Universität kann für einen kleinen Teil ihrer Studenten einen Luxusstudiengang durchführen. Das verleiht den Heiligenschein der Reformbereitschaft. Eine „flächendeckende“ Einführung von POL vom ersten Studiensemester an würde aber zum sicheren Chaos führen, wenn wir die Studentenzahlen nicht gleichzeitig auf Harvard-, McMasters- oder eventuell sogar Witten- Herdecke-Niveau absenken wollen.
Daher sollten wir doch lieber die jetzt anstehende Reform nicht verachten, mit der sich vielleicht wenigstens die Verbesserungen erzielen lassen, die man realistischerweise in unserem verfassungsrechtlich garantierten Massenbetrieb erreichen kann.
Prof. Dr. med. H. O. Handwerker, Studiendekan der Medizinischen Fakultät Erlangen-Nürnberg, Krankenhausstraße 2–4, 91054 Erlangen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema