ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Terroranschläge gegen die USA: Appelle an „die leise Stimme der Vernunft“

POLITIK

Terroranschläge gegen die USA: Appelle an „die leise Stimme der Vernunft“

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2614 / B-2230 / C-2093

Bühring, Petra

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LNSLNS Psychoanalytiker versuchen, die psychodynamischen Ursachen für die Terroranschläge am 11. September zu ergründen.
Gewalt und Zivilisation“ war das Thema, das die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie e.V. (DGPT) für ihre 52. Jahrestagung (28. bis 30. September 2001) gewählt hatte. Bei diesem Thema denkt man an Krieg – wenige Wochen nach den Terroranschlägen gegen die USA ist es unmöglich, Krieg aus einer distanzierten Perspektive zu betrachten. Mehr als 700 ärztliche und psychologische Psychoanalytiker waren der Einladung nach Magdeburg gefolgt, auf der Suche nach Erklärungen und Deutungen des Unfassbaren. Die Referenten reagierten flexibel: Einige legten die ursprünglich vorgesehenen Vorträge ad acta, um psychoanalytische Erklärungsmodelle zu den Terroranschlägen und den Folgen vorzustellen.
Attentäter beabsichtigten
eine Traumatisierung
Micha Hilgers, Diplom-Psychologe und Publizist, Aachen, sieht die Terroranschläge in den USA als „Ausdruck eines durch massive Affekte radikalisierten Über-Ichs“. Die Anschläge führten bei den Angegriffenen zu Gefühlen von Ohnmacht, Wut, Schmerz, Trauer und Scham über die Wahl der Ziele und den Triumph des Gegners. Der Traumatisierung werde zum Teil durch eine Rigidisierung des Über-Ichs und seiner Forderungen nach Vergeltung begegnet, nicht jedoch durch rational abgewogenene Antiterrorstrategien. Diese Reaktion sei psychisch zwar entlastend, ebenso wie die schnelle Ausbildung von Feindbildern, der Kampf des „Guten“ gegen das „Böse“. Auch werde dadurch eine Affektregulierung ermöglicht und eine Neuorientierung in der unübersichtlichen Situation persönlicher Angst und kollektiv-politischer Verwirrung.
Diese Traumatisierung sei von den Tätern beabsichtigt gewesen, denn die Symbole westlicher Übermacht und Dritte-Welt-Ohnmacht seien getroffen worden. World Trade Center und Pentagon verkörperten die in der arabischen Welt unbesiegbar erscheinende Weltmacht. Die Anschläge besäßen eine massenpsychologische Funktion, glaubt Hilgers: „Die Täter bezweckten die nachhaltige und globale Demütigung der USA, die Auslösung von Ohnmacht und Hilflosigkeit, den drohenden Gesichtsverlust der Supermacht sowie den Triumph und die Solidarisierung der mit den Tätern offen sympathisierenden Massen in vielen Dritte-Welt-Ländern.“
Angriffe auf nationale Symbole führten zu Identitätsverunsicherung – des Individuums und der Großgruppe –, zu Scham über den erlittenen Gesichtsverlust und Verletzung des Nationalstolzes. „Martialische Reparaturversuche“ der Angegriffenen beruhten auf diesen Kränkungen, erklärte Hilgers. Je höher der Handlungsdruck – beispielsweise durch weitere Angriffe auf die USA –, das Identitätsgleichgewicht wiederherzustellen und sich gegen Scham, Ohnmacht und Demütigung zu wehren, desto wahrscheinlicher werde „blanker Aktionismus“ in Form von massiven Gegenschlägen. Die Ohnmacht würde so an die Täter und ihr sympathisierendes Umfeld zurückgegeben – was wiederum dort Anlass zu weiteren Taten geben könne.
Hilgers vertrat die Auffassung, für strategische Gegenmaßnahmen, die auf den Entstehungsbedingungen des Terrors beruhen, sei es wichtig zu verstehen, dass die Täter „keine unmenschlichen Bestien seien, sondern aus ihrem Gewissen handeln, weil sie sich in Einklang mit ihren höchsten Werten fühlen“. Die Übereinstimmung mit den in ihren Augen höchsten Werten mache es erst möglich, mit massiver Gewalt gegen sich und andere vorzugehen. Das bedeute, dass die westlichen Staaten nach den Gründen für die Gewissensentscheidung nicht nur der Täter, sondern besonders ihres unterstützenden und sympathisierenden Umfelds suchen müssten. Jede langfristig auf Vernunft basierende Strategie müsse die affektive Motivation der Täter und ihrer Unterstützer ergründen. Die fanatisierten Täter würden geleitet von „guten und bösen“ Affekten: Sie erlebten ihre Taten als gerecht, weil sie in ihrer Heimat Unrecht erfahren und Gewalt erlebt haben, als deren Ursache sie einen (vermeintlichen) „mächtigen bösen Feind“ – die USA – sehen. Der Westen oder die zivilisierte Welt dürfe sich nicht selbst von Affekten treiben lassen und blindlings zurückschlagen: „Die blanke Bekämpfung terroristischer Gruppen mit militärischen Mitteln läuft Gefahr, durch die Vernichtung eines Osama bin Laden zehn neue zu schaffen.“ Sinnvoll sei eine Doppelstrategie: Entschlossenes Vorgehen gegen die Täter, aber auch Lösungsmöglichkeiten für die Entstehungsherde der Gewalt, die nach Hilgers Ansicht unter anderem im ungelösten Nahostkonflikt liegen. Der Kampf gegen den Terror könne nur gewonnen werden, wenn den Tätern „die Sympathien der Millionen entzogen werden, die ihnen offen zujubeln oder schweigend stillhalten“. Dies verlange nach „einer Globalisierung, die Gerechtigkeit auf ihre Fahnen schreibt“.
Täter ohne Gewissen und empathisches Empfinden
Im Gegensatz zu Micha Hilgers ging Prof. Vamik D. Volkan, M.D., Center for the Study of the Mind and Human Interaction, University of Virginia, Charlottesville, USA, davon aus, dass die Täter kein Gewissen haben. Das heißt, sie hätten keine Ich-Identität. Er beschrieb die Auslese und Schulung potenzieller Attentäter, bei der eine neue Waffenqualität erschaffen würde – menschliche oder psychologische Waffen: Menschen ohne jedes empathische Empfinden, die nur für das Ziel lebten, „sich im eigenen Tod oder im Tod anderer mit einem Engel zu vereinigen“.
Der geschäftsführende Vorstand der DGPT, der Dachgesellschaft der deutschen Psychoanalytiker, sah sich während der Tagung verpflichtet, eine Stellungnahme zu den Terroranschlägen abzugeben. Darin erinnert er an Sigmund Freuds melancholischen Satz, von der „leisen Stimme der Vernunft“, die „tragischerweise“ dann besonders leise ist, wenn sie sich nachdrücklich Gehör verschaffen müsste. Die Artikulation von Gefühlen wie Entsetzen, Trauer oder Wut könne nur ein erster (notwendiger) Schritt sein, dem die klare Analyse folgen müsse. Erschreckend sei festzustellen, dass von „Krieg“ und „Kreuzzug“ gesprochen werde. Dies lasse erkennen, „wie tief die Anschläge die Unverwundbarkeitsfantasie Amerikas und der westlichen Welt getroffen haben. Der atavistische Reflex ist die Vergeltung, jenes Prinzip von Auge um Auge und Zahn um Zahn, das in der christlichen Kultur als überwunden gelten sollte – und doch tief in den psychischen Strukturen verankert ist.“
Erschrocken sind die Psychoanalytiker auch über die Bereitschaft, rechtsstaatliche Mittel aufzugeben, zugunsten eines Kampfes der „Guten“ gegen die „Bösen“. Die Demütigung, die den USA zugefügt wurde, sei aus einer tiefen Kränkung entstanden. Amerika oder der Westen gelte in weiten Teilen der islamischen Welt als „Urquell der Verderbtheit“ und stelle für die Menschen eine Kränkung ihrer Lebensformen dar. Das Gefühl, vom Westen ökonomisch fremdbestimmt, kulturell verdrängt und politisch marginalisiert zu werden, sei „eine psychologische Quelle des Terrorismus ersten Ranges“.
Die Psychoanalytiker appellieren daher an die Politik, den Kreislauf gegenseitiger Kränkungen nicht fortzusetzen, sondern sich um die Wiederherstellung des Dialogs zu bemühen. Dies beinhalte auch einen eventuellen Verzicht auf Dominanzansprüche, nicht deren Durchsetzung. Nur so könne verhindert werden, dass aus den „narzisstischen Kränkungen des kollektiven Selbstgefühls tödliche Reaktionen entstehen“, die zahlreiche Opfer zur Folge hätten. „Die Stimme der Vernunft muss laut und vernehmlich gegen Kriegsgeschrei und Vergeltungssucht Position beziehen.“ Petra Bühring
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