POLITIK: Die Glosse

Codierung im Alltag

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2618 / B-2248 / C-2091

Moll, Wolfgang Dietrich

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LNSLNS Der Blick auf den Kontoauszug zauberte ein Lächeln auf das liebe Gesicht meiner besseren Hälfte. War es mir doch gelungen, trotz mehrtägigen Urlaubs im heimischen Garten mit konsequenten Einsparungsmaßnahmen sowie Zuwendungen der Altvorderen im Laufe des vergangenen Jahres fast 8 000 DM zu sparen.
Demgegenüber stand jetzt nur noch das Problem des undichten Daches sowie der kaputten Heizung. Möglichkeiten der Abhilfe boten hier jedoch neuere Verfahrensweisen, wie sie aktuelle gesetzliche Vorlagen der Bundesregierung modellhaft vorführten. Da ich gezwungen war, für den Unterhalt ungeladener Gäste 2 500 DM zurückzulegen, machte ich dem Dachdecker und dem Heizungsmonteur ein Angebot: Ich bot den beiden kundigen Fachleuten eine dreiwöchige Frist für die Erneuerung meines Daches sowie die Reparatur der Heizung an. Nach Abschluss der Arbeiten wäre ich bereit, einen Betrag von 5 500 DM zur Auszahlung zu bringen, den sich die Herren nach der Höhe des Aufwandes teilen sollten.
Um dem Aufkommen von Streitigkeiten prophylaktisch zu begegnen, entwarf ich gleichzeitig ein System von Schlüsselzahlen und versprach, mich mit den Überweisungen exakt nach der getroffenen Codierung zu richten. Damit sie sich mit dem von mir nach dem Vorbild der Essensverteilung in französischen Straflagern der Vorkriegszeit entworfenen Code vertraut machen konnten, bot ich den interessierten Handwerkern Wochenendkurse an, die ich für einen Betrag von 1 000 DM pro Person abzuhalten bereit war. Die bis dahin von mir als zuverlässig und fachkundig eingeschätzten Fachleute zeigten sich jetzt albern und unkooperativ. Auch mein Hinweis, modernes Management verlange dieses Vorgehen, stieß nur auf Kopfschütteln und die Drohung, die ohnehin kränkelnden Betriebe stünden bei mangelnder Mitarbeit vor dem Konkurs, wurde mit Gelächter quittiert. Ich war daher gezwungen, mit gerichtlichen Konsequenzen zu drohen, da bei Auftreten der ersten Wasserflecken auf Boden und Tapeten infolge Undichtigkeiten eindeutig unterlassene Hilfeleistung im Spiel war. Die unverschämten Kretins hatten mein Haus bereits verlassen, sodass ich mir – gemeinsam mit meiner ebenfalls vor Kälte zitternden Frau – das weitere Vorgehen überlegen musste. Wir entschlossen uns gemeinsam mit anderen Geschädigten, eine Lobby zu gründen mit dem Ziel, Handwerker nur noch zu beschäftigen, wenn sie bereit sind, an unseren Wochenendkursen teilzunehmen und die im Schlüsselverzeichnis angebotenen Preise zu akzeptieren. Mittlerweile ist mein Dach – wenn auch nur behelfsmäßig – geflickt und die Heizung noch immer kaputt, weil die inzwischen kooperativen Mitarbeiter der Handwerksinnung infolge laufender Schulung, die wegen ständig geänderter Codierungssysteme notwendig geworden ist, keine Zeit mehr haben, grundlegende Reparaturen auszuführen.
Dafür strahlt meine bessere Hälfte aber angesichts meiner durch die Wochenendkurseinnahmen aufpolierten Kontoauszüge über das ganze liebe Gesichtchen. Wolfgang Dietrich Moll
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