ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Problemorientiertes Lernen: Parallelen zwischen Ausbildung und EbM

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Problemorientiertes Lernen: Parallelen zwischen Ausbildung und EbM

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2620 / B-2250 / C-2092

Anheier, Tanja

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LNSLNS Reformstudiengänge als Paradebeispiel

Evidenzbasierte Medizin (EbM) ist eine Methode“, wurde auf dem
3. Symposium „Evidenzbasierte Medizin“ am 21. und 22. September in Köln postuliert – „eine Methode zur Verbesserung des Gesundheitswesens.“ Entsprechend der Definition nach David Sackett, Oxford, ist „EbM der gewissenhafte, ausdrückliche und vernünftige Gebrauch der gegenwärtig besten ex-ternen, wissenschaftlichen Evidenz für Entscheidungen in der medizinischen Versorgung individueller Patienten“. Daraus wird deutlich, dass gute Ärzte schon heute EbM praktisch umsetzen: Sie integrieren ihre individuelle klinische Expertise mit der bestmöglichen Evidenz aus systematischer Forschung.
„Genau diese Fähigkeit wird im Reformstudiengang bei den Studenten frühzeitig gefördert“, behaupten Professor Dr. med. Dieter Scheffner und Dr. med. Kai Schnabel von der Humboldt-Universität (Charite´) zu Berlin. „Die angehenden Ärzte lernen hier von Anfang an, wissenschaftlich zu arbeiten. Sie müssen ihre Lernziele festlegen, eine Strategie zur Informationssuche entwickeln und dann die aus ihrer Sicht wichtigsten Ergebnisse aus dieser „systematischen Forschung“ zum Beispiel auf einen fiktiven Patienten anwenden. Die gefundene Lösung müsse kritisch hinterfragt und Verbesserungen müssten vorgeschlagen werden. „Eine Evaluation wie von der EbM gefordert.“ Auf diese Weise könne sich die „individuelle klinische Expertise“ der Studenten entwickeln. Dieter Scheffner sieht in diesem Vorgehen die optimale Ausbildung zum weiterbildungsfähigen Arzt. „EbM kann nicht kurzfristig erlernt werden“, vielmehr handele es sich dabei wie bei der medizinischen Ausbildung um einen andauernden Lernprozess. Scheffner verdeutlicht seinen Standpunkt durch einen Verbesserungsvorschlag: „EbM und Ausbildung: Zwei POLe?, so lautet das Motto der Vortragsreihe; da sich beide Bereiche ergänzen und sogar bedingen, würde ich es unmissverständlicher ausdrücken – EbM und Ausbildung: zwei problemorientierte Lernvorgänge.“ Im Gegensatz zum Regelstudiengang bietet das Reformstudium in der Medizin Studenten vom ersten Semester an einen klinischen Praxisbezug, der bis zum Ende des Studiums zunimmt. Durch die stärkere Verzahnung von Theorie und Praxis möchte man die spätere Anwendung von neuen wis-senschaftlichen Erkenntnissen, auch


entsprechend der EbM, erleichtern. Die Realisierung birgt einige Schwierigkeiten. Damit die Evidenz publizierter Studien einsichtig wird und ihre Theorie in die Praxis einfließen kann, müsste für alle Studien ein „Evidenzgrad“ definiert werden.
Zur konsequenten Umsetzung von EbM wären nach Ansicht von Prof. Dr. med. Dr. sc. Karl Lauterbach, Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie der Universität zu Köln, „schätzungsweise tausend neue Leitlinien notwendig. Da pro Leitlinie ungefähr 500 000 DM investiert werden müssten, wäre dies auch eine Kostenfrage.“ Trotzdem ist Lauterbach der Meinung, dass man diese Ausgaben nicht scheuen sollte. „Denn die Leitlinien könnten eine Basis für die evidenzbasierte Medizin darstellen.“ Die Experten sind sich einig, dass auf die Ausweitung der EbM keine unmittelbare Kostenersparnis folgen kann. Dennoch könne so die Qualität der Behandlungen gesteigert werden. Dies bedeute auf lange Sicht einen effizienteren Einsatz des verfügbaren Kapitals und die Vermeidung der Über-, Unter- oder Fehlversorgung.
In der Diskussion wurde deutlich, dass EbM die Vorgehensweise im medizinischen Bereich optimieren soll, sodass sowohl Ärzte als auch Patienten mit der „Gesundheitsleistung“ zufriedener sein könnten. Einen ähnlichen Effekt könne man durch das problemorientierte Lernen im Reformstudiengang erreichen. Die Hochschulprofessoren betonten, dass Studenten grundsätzlich mit denselben Lehrinhalten konfrontiert würden. Dennoch wären Studenten des Reformstudienganges aufgrund der gewohnten problemorientierten Vorgehensweise vermutlich in der Lage, effizienter mit ihrer Lernzeit umzugehen. Darüber hinaus werde im Gegensatz zur „normalen Universität“ die Kommunikation durch Kleingruppenarbeit stärker gefördert. Dadurch würden die Studenten früher auf das Arzt-Patienten-Gespräch vorbereitet.
Rollenspiele, wie sie zum Beispiel an der Reformuniversität in Witten-Herdecke durchgeführt würden, könnten den Lerneffekt noch verstärken. Diese optimierte Arzt-Patienten-Kommunikation wurde unter anderem von Professor Dr. med. Dr. Günter Ollenschläger, dem Geschäftsführer der Ärztlichen Zentralstelle für Qualitätssicherung (ÄZQ), Köln, als weiterer Schritt zur Umsetzung der EbM genannt. Patienten sollten besser über ihre Krankheit und die verschiedenen Therapiemöglichkeiten informiert werden. Nur dann könne eine größtmögliche Compliance erzielt werden. In Form einer Internetplattform unter „patienten-informati
on.de“ versucht die ÄZQ, die Fachsprache der Ärzte inhaltlich richtig für medizinische Laien zu „übersetzen“. Man müsse sich immer vor Augen führen, dass die Handlung des Arztes juristisch nur durch Einwilligung des Patienten straffrei werde. Die Selbstbestimmung und die Individualität des Patienten dürften folglich nicht unterbewertet werden.
Während des Symposiums wurde die Lernspirale, die ein angehender Arzt durchlaufen sollte, verdeutlicht: Im studentenorientierten Studium solle der angehende Arzt lernen, eigenverantwortlich zu handeln, um später auch patientenorientiert behandeln zu können. Die problemorientierte Vorgehensweise sei in beiden Fällen unerlässlich. Thure Kuprella, ein Mitglied der Fachschaft Medizin der Universität zu Köln, wies darauf hin, dass weder EbM noch das problemorientierte Lernen im Reformstudiengang „neue Erfindungen“ seien. Vielmehr würden beide Bereiche versuchen, bewährte Vorgehensweisen strukturierter einzusetzen, damit Handeln im medizinischen Bereich optimiert und somit effizienter werden könne. Dr. med. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin, charakterisiert „das Buch der gesicherten medizinischen Erkenntnisse als relativ dünn“. Trotzdem müsse man sowohl in der medizinischen Ausbildung als auch in der Praxis versuchen, „so effizient wie möglich zu arbeiten“. Bei diesem Versuch sei EbM „Technik und Tugend zugleich“. Tanja Anheier
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