ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Nikotinpflaster: Gegenargumente

POLITIK: Kommentar

Nikotinpflaster: Gegenargumente

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2622 / B-2251 / C-2093

Haustein, Knut-Olaf

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LNSLNS Zu einer dpa-Meldung „Auch Nikotinpflaster und Kaugummis können riskant sein“ nimmt der Verfasser aus seiner Sicht Stellung.

Die von der Arbeitsgruppe um J. P. Cooke an der Stanford University School of Medicine erarbeiteten tierexperimentellen Ergebnisse zu den Wirkungen von Nikotin (s. C. Heeschen et al., Nature Medicine 2001; 7: 833–839) sind nicht sachgerecht interpretiert worden. Die Autoren hatten anhand verschiedener Tiermodelle herausgefunden, dass Nikotin den gesteuerten Zelltod bremst, aber gleichzeitig die Gefäßsprossung und damit die Bildung von Kapillaren anregt. Die Kanzerogenese wurde nach Untersuchungen an einem Lungenkrebsmodell an Mäusen gefördert und zusätzlich die Bildung arteriosklerotischer Herde in Mäuseversuchen gesteigert.
Die Autoren warnen vor der Anwendung von Nikotinpräparaten zur Raucherentwöhnung sowie zur Behandlung von Morbus Alzheimer und Parkinson, der Colitis ulcerosa sowie von Schlafstörungen. Diese Empfehlungen der Autoren sind etwas voreilig:
« Nikotinpräparate werden international ausschließlich zur Behandlung der Tabakabhängigkeit über Zeiträume von maximal drei Monaten eingesetzt. Dagegen werden Tabakprodukte für Lebensdekaden geraucht.
¬ Die übrigen von den Autoren genannten Indikationen ergaben nach wissenschaftlichen Studien keine Gründe für eine Anwendung, deswegen erscheint eine Warnung überflüssig.
­ Da es keine Untersuchungen über den speziesspezifischen Abbau des Nikotins gibt, ist nicht nachgewiesen, ob die Maus im Gegensatz zum Menschen Nikotin nicht doch bevorzugt zu kanzerogen wirkenden Schadstoffen giftet.
® Zu der angeblich gefahrvollen Anwendung von Nikotin(präparaten) bei der koronaren Herzkrankheit sind drei entscheidende Gegenargumente anzuführen, die eine Nikotinanwendung sogar bei Angina pectoris oder nach einem Herzinfarkt bei Rauchern als sinnvoll erscheinen lassen:
c Die Reduktion von täglich gerauchten 33 auf < 10 Zigaretten führte zu einer Abnahme der myokardialen Perfusionsdefekte beim Patienten.
c Im Vergleich zu Placebo waren bei der Raucherentwöhnung mit Nikotin keine höheren Quoten unerwünschter Arzneimittelwirkungen über fünf Wochen zu beobachten.
c Eine mit CO angereicherte Luft, nicht aber Nikotin führte bei belasteten Herzpatienten zum vermehrten Auftreten von ST-Streckensenkungen und zum verfrühten Einsetzen von Angina- pectoris-Anfällen.
Daraus ist abzuleiten, dass die von der Cooke-Gruppe erörterten Bedenken zur (kurzfristigen) Nikotinanwendung voreilig sind. Gegen diese Bedenken sprechen (1) die nicht immer gerechtfertigte Übertragbarkeit von In-vitro-Experimenten oder In-vivo-Tierversuchen auf die Situation beim Menschen sowie (2) in klinischen Studien bisher fehlende Hinweise auf eine kanzerogene oder atherogene Wirkung des Nikotins. (3) Es sollte daran erinnert werden, dass etwa 4 000 Schadstoffe aus dem Tabakrauch durch die Inhalation aufgenommen werden, die alle an den durch das Rauchen ausgelösten Gesundheitsschäden beteiligt sind. Somit gibt es auf der Basis der erarbeiteten Daten keine Gründe, die vorübergehende Nikotinbehandlung zur Tabakentwöhnung aufzugeben.

Prof. Dr. Knut-Olaf Haustein
Leiter des Instituts für
Nikotinforschung und Raucherentwöhnung
Johannesstraße 85–87, 99084 Erfurt
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