ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Arzneimittel: Weichen auf Versand gestellt

POLITIK

Arzneimittel: Weichen auf Versand gestellt

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2624 / B-2253 / C-2095

Richter, Eva A.

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LNSLNS Die noch unveröffentlichte Inifes-Studie plädiert für den
Pharmaversandhandel und erhält bereits breiten Zuspruch.
Nur die Apotheker wehren sich verzweifelt.

Seit Jahren kämpfen die Apotheker gegen den Versand von Arzneimitteln, immer mit den gleichen Argumenten. Bisher hatten diese Erfolg. Doch die Zahl der Befürworter des Versandhandels wächst, und mit ihr verstärkt sich auch die Kritik des Präsidenten der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände (ABDA), Hans-Günter Friese. Dieser Tage erreichte sie einen neuen Höhepunkt. Der Grund ist eine Studie des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (Inifes), die erstmals die potenziellen Auswirkun-
gen des Pharmaversandes in Deutschland untersucht – und positiv bewertet.
Inifes will die vom Verband zur Förderung der Kostenreduktion im Gesundheitswesen, Luxemburg, in Auftrag gegebene Studie im Frühjahr 2002 veröffentlichen; erste Ergebnisse stellte der Wissenschaftliche Direktor des Instituts und Leiter der Studie, Prof. Dr. rer. pol. Martin Pfaff, bereits bei einem Workshop am 17. September in Berlin vor. Nach seiner Ansicht könnten durch den Versand von Arzneimitteln an chronisch Kranke sowie für gehbehinderte Patienten kurz- bis mittelfristig 500 Millionen DM, langfristig eine Milliarde DM eingespart werden.
„Öffentliche Präsenzapotheken“
Für den Apotheker Friese steht jetzt das gesamte System der Arzneimittel-Versorgung zur Disposition. „Das Konzept ist unausgegoren und ordnungspolitisch fragwürdig“, sagte er. Sparen ließe sich nur durch Rosinenpickerei. Versandhändler würden vor allem höherpreisige Medikamente anbieten und somit von der Mischfinanzierung profitieren.
Positiv auf die Studie reagierten hingegen als Vertreter der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung Wolfgang Schmeinck, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen, Dr. Theo Schröder, Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Thomas Isenberg vom Verbraucherzentrale Bundesverband sowie Dr. med. Leonard Hansen, stellvertretender Vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Sie sehen in den Versandapotheken eine Möglichkeit, Medikamente effizient und kostengünstig an die Patienten zu bringen, allerdings unter der Voraussetzung, dass diese ergänzend zu den Präsenzapotheken bestehen und der Schutz des Verbrauchers und die Arzneimittelsicherheit gewährleistet sind.
Das setzt Inifes voraus. „Versandapotheken sind wie öffentliche Präsenzapotheken zu definieren, mit allen Anforderungen an die Arzneimittelsicherheit und Arzneimittelqualität“, bekräftigte Pfaff. „Nur die Kommunikationsform und die Medikamentenabgabe unterscheiden sich bei dem Modell einer Versandapotheke, das der Studie zugrunde liegt.“ Das Procedere würde dann so aussehen: Entweder bestellt der Patient telefonisch das Medikament, oder der Arzt schickt per Datenfernübertragung ein (elektronisches) Rezept an die Versandapotheke. Diese liefert dann per Post oder Kurier das benötigte Medikament direkt an den Patienten. „Die Studie fokussiert auf Versandapotheken, nicht auf Internetapotheken mit grenzüberschreitendem Pharmaversand“, betonte Pfaff.
Dass die Versandapotheken die Präsenzapotheken verdrängen, befürchten zwei Drittel der Apotheker. Dies zeigt die Inifes-Studie, die parallel 150 Apotheker, 380 Ärzte und 1 000 Bürger befragte. Die meisten Apotheker glauben danach nicht, dass Versandapotheken Kosten verringern. Stattdessen befürchten sie eine qualitativ schlechtere Arzneimittelversorgung.
Patienten und Ärzte sind der Studie zufolge hingegen überwiegend aufgeschlossen gegenüber der Versandapotheke. Vier von zehn Patienten können sich vorstellen, die Versandapotheke zu nutzen, wenn Arzneimittelsicherheit und Beratung gewährleistet sind. Jeder zweite Arzt ist bereit, mit den Versandapotheken zu kooperieren. Ein Drittel hält hierdurch Kosteneinsparungen für möglich. Ein Viertel der befragten Ärzte befürchtet eine schlechtere Beratung; ein Zehntel eine sinkende Qualität der Arzneimittelversorgung.
Patientenfreundlich
„Wir sollten uns dem Versandhandel nicht verschließen“, urteilte Dr. med. Leonard Hansen, Arzneimittelexperte der KBV. Wenn die rechtlichen Aspekte bedacht und Seriosität berücksichtigt werden, sei der Ansatz patientenfreundlich und umsetzbar. Auch Kassen und das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium sind sich einig: „Versandapotheken ergänzen sinnvoll die Präsenzapotheken, sollen diese aber nicht ersetzen.“
Friese hält mit aller Macht dagegen und appelliert an Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Schmidt, zum Dialog mit den Apothekern zurückzukehren und „systemkonforme Maßnahmen“ zu beschließen. Bisher ist noch nichts entschieden. Doch die Weichen scheinen inzwischen trotz des Widerstands der Apotheker auf Versandhandel gestellt zu sein. Im November will auch der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen ein Gutachten zum Versandhandel vorlegen. Dr. med. Eva A. Richter
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