ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Reproduktionsmedizin: Fachgesellschaften für klare Regelungen

POLITIK

Reproduktionsmedizin: Fachgesellschaften für klare Regelungen

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2626 / B-2254 / C-2096

Leinmüller, Renate

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LNSLNS Involvierte Ärzte fordern unter anderem die Zulassung der Präimplantationsdiagnostik, die Lockerung der restriktiven Embryokultur und die Schaffung einer zentralen Registrierungs- und Beratungsstelle für die assistierte Reproduktion.

Für eine neue, umfassende rechtliche Regelung der Fortpflanzungsmedizin haben sich in Bonn Vertreter verschiedener involvierter Fachgesellschaften ausgesprochen. Das erforderliche Fortpflanzungsmedizingesetz sollte eine Liberalisierung in maßvollen Grenzen erlauben und speziell auch die weiten Bereiche regeln, in denen das Embryonenschutzgesetz Rechtsunsicherheit bietet, heißt es in einem Positionspapier, das von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie, der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, der Deutschen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und dem Bundesverband Reproduktionsmedizinischer Zentren erarbeitet wurde.
Ein zentraler Punkt hierbei sei die Präimplantationsdiagnostik, die nicht explizit verboten, aber auch nicht zulässig sei. Prof. Ricardo Felberbaum (Lübeck) und Dr. Michael Thaele (Saarbrücken) verdeutlichten das Dilemma von Ärzten und betroffenen Patienten: Wenn nach humangenetischer Beratung klar ist, dass ein hohes Risiko für ein Kind mit schweren, nicht therapierbaren Erbkrankheiten besteht, kann das Paar entweder das Risiko einer Schwangerschaft eingehen und im Zweifelsfall nach der Pränataldiagnostik eine Interruptio vornehmen lassen – oder ins Ausland reisen zur assistierten Fortpflanzung und nur gesunde Embryonen transferieren lassen.
Eindeutigen Regelungsbedarf sehen die Fortpflanzungsmediziner darüber hinaus bei der – für Ärzte und Patienten – rechtlich nicht ausreichend geklärten heterologen Insemination. Hier müssten unbedingt die Spender zentral registriert werden, um „Vielfachspender“ auszuschließen. Darüber hinaus sind nach Auffassung der Experten auch eindeutige rechtliche Bestimmungen für die Tiefkühllagerung von Ovar- und Hodengewebe notwendig – ein Vorgehen, das zunehmend von jungen Krebspatientinnen und -patienten nachgefragt wird, die sich einer Therapie mit möglicherweise irreversibler Schädigung der Gonaden unterziehen müssen.
Ein wesentliches Anliegen der unterzeichnenden Fachgesellschaften ist darüber hinaus die Schaffung einer zentralen, interdisziplinär besetzten Stelle zur Registrierung, Beratung und Prüfung aller Zentren, die Maßnahmen der assistierten Reproduktion vornehmen.
Zentrale Stelle als Bundesamt
Wie Prof. Franz Geisthövel (Freiburg) betonte, könnte diese zentrale Stelle als Bundesamt eingerichtet werden oder bei der Bundes­ärzte­kammer oder einer anderen unabhängigen Institution angesiedelt sein. Es sollte sich um eine unabhängige Einrichtung nach dem Vorbild der Human Fertilization and Embryology Authority in England handeln, die durch Transparenz auch die Vertrauensbildung in der Gesellschaft stärkt. Unter der Leitung eines Nicht-(Fortpflanzungs-)Mediziners, so die Vorstellungen, könnten Anfragen oder Klagen von Patienten beantwortet, aber auch neue wissenschaftliche Konzepte beurteilt und Studien initiiert werden. Darüber hinaus müsste die Institution Kontrollen der Zentren – und auch Sanktionen – veranlassen können.
Aus medizinisch-wissenschaftlicher Sicht notwendig ist nach Ansicht der Experten eine Lockerung der restriktiven Maßgaben zur Embryokultur: Im Ausland können Reproduktionsmediziner deutlich höhere Erfolge bei IVF und ICSI erzielen, weil sie mehr Embryonen heranwachsen lassen bis zum Blastozystenstadium (Tag fünf) und aus dem „Pool“ nur die zwei für den aktuell anstehenden Transfer verwenden, die aus morphologischen Kriterien das höchste Implantationspotenzial besitzen. Die Schwangerschaftsraten sind bei diesem Vorgehen etwa doppelt so hoch wie hierzulande. Bei der längeren Kultivierung tritt allerdings eine natürliche Auslese auf: Nur etwa die Hälfte der Embryonen entwickelt sich aufgrund von Chromosomenanomalien oder anderer Defekte bis zum erwünschten Stadium.
Da hierzulande nur drei Embryonen heranwachsen dürfen, sind den Reproduktionsmedizinern „die Hände gebunden“ – es bliebe oft nichts zum Auswählen übrig. Wenn diese „Dreier-Regel“ abgeschafft wird, müsste gleichzeitig die Möglichkeit eingeräumt werden, auch Embryonen für einen späteren Transfer tiefzufrieren, erläuterte Prof. Wolfgang Würfel (München). Werden diese dann nicht benötigt, sollte das Paar sie als Alternative zur Vernichtung bei einem ernst genommenen Embryonenschutz dann auch zur Adoption freigeben können. Auch in diesem Punkt besteht heute Rechtsunsicherheit, da das ESchG zwar die Eizellspende verbietet – was in der heutigen Situation neu zu überdenken sei –, nicht jedoch die Embryonenspende.
Eindeutig traten die Reproduktionsmediziner Befürchtungen entgegen, wonach sich in den Tiefkühltruhen schon heute über 5 000 Embryonen befinden sollen. Felberbaum nannte Daten aus den IVF-Zentren: Von 1988 bis 2000 sind 406 Embryonen von 170 Paaren tiefgefroren worden, wobei inzwischen mehr als drei Viertel der Paare (141) bereits 335 Embryonen wieder transferiert wurden. Auf Eis liegen demnach derzeit 71 Embryonen von 29 Paaren. Bisher können Embryonen nur in Ausnahmefällen eingefroren werden – etwa wegen einer Erkrankung oder eines Unfalls der Frau zum Zeitpunkt des geplanten Transfers. Dr. Renate Leinmüller
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