ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1996Sarajewo: Weniger verharmlosen

SPEKTRUM: Leserbriefe

Sarajewo: Weniger verharmlosen

Hänel, Kristina

Zu dem Beitrag "Psychosoziale Betreuung in Sarajewo: Kinder leiden besonders an psychischen Kriegsfolgen" von Dr. med. Eugen Jungjohann in Heft 33/1996
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LNSLNS Ich war durch den Artikel über die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im ehemaligen Jugoslawien angerührt. Daß jemand den Blickwinkel auf die Folgen schwerer Traumatisierung insbesondere dieser Altersgruppe fokussiert, finde ich bemerkenswert und eine wichtige Bereicherung der allgemeinen Diskussion über Krieg und Kriegsfolgen. Diese Themen sind ja dadurch, daß der Krieg in einem Nachbarland stattfand, sehr aktualisiert worden. Zum erstenmal ist in diesem Krieg auch in breiter Öffentlichkeit über die in allen bisherigen Kriegen übliche Massenvergewaltigung von Frauen und Mädchen gesprochen worden. Nicht einsichtig ist mir allerdings, wieso Herr Dr. Jungjohann nun für seine Fallbeispiele gerade dieses 14jährige Mädchen aussucht. Sie scheint sich ja freiwillig in Beziehungskonstellationen begeben zu haben, die, allein schon durch die gegebenen Machtverhältnisse und den Altersunterschied bedingt, mißbräuchlich gewesen sein werden. Auch hier ist zu fragen, wieso tut sie das? Woher kennt sie es so? Sexualisiertes Verhalten von Kindern ist ja nun gerade eines der typischsten und am häufigsten mißverstandenen Symptome vorausgegangener sexueller Traumatisierung. Ich denke, daß das Thema Vergewaltigung und sexuelle Ausbeutung bisher viel zu häufig verdrängt und bagatellisiert wird. Angesichts der ungeheuren Zahlen in Bosnien nun gerade von diesem Mädchen zu sprechen und das ganze Thema damit indirekt als eines hinzustellen, das der sexuellen Neugierde der Mädchen entspringt, spricht allerdings der Not und dem Leiden mißbrauchter und vergewaltigter Kinder hohn. Zitat: "Die Mädchen dieses Alters haben andere Probleme." Ich denke, daß die Mädchen tatsächlich andere Probleme haben, aber – nach allem Wissen und der Erfahrung von Fachleuten und einer inzwischen glücklicherweise breiten wissenschaftlichen Forschung zum Thema Traumatisierung – nicht in der Art und Weise, die Herr Jungjohann beschreibt. Ich wünsche mir sehr, daß Beiträge und Diskussionen zu diesen Themen weniger verharmlosend und dafür sachlicher geführt werden können. Unsere Gesellschaft wird, wenn sie eine Chance haben will, in Zukunft nicht an den Formen zwischenmenschlicher Gewalt und deren Folgen vorbeisehen können.
Kristina Hänel, Ärztin, seit sechs Jahren Lehrbeauftragte an der Justus Liebig Universität Gießen, zum Thema Sexueller Kindesmißbrauch, Breiter Weg 32, 35440 Linden
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