ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Resistenzen: Ständiger Kampf gegen die Natur

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Resistenzen: Ständiger Kampf gegen die Natur

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2628 / B-2256 / C-2098

Richter, Eva A.

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LNSLNS Neue Antibiotika-Klassen, ein gezielter Einsatz von herkömmlichen Chemotherapeutika und epidemiologische Forschung sollen der Entwicklung resistenter Erreger vorbeugen.

Ein Wettrennen mit der Natur, das wir nie gewinnen können“, nannte Prof. Emil Reisinger, Infektiologe an der Universität Rostock, den Kampf gegen die Resistenzentwicklung auf dem 6. Europäischen Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin in Leipzig. Man könne nur versuchen, mit der Natur Schritt zu halten.
Seit Mitte der 70er-Jahre hat die Resistenzentwicklung signifikant zugenommen; vor allem in Krankenhäusern etablierten sich zunehmend multiresistente Keime. Der Prozentsatz resistenter Escherichia-coli-Stämme gegenüber Ampicillin sei beispielsweise in den letzten Jahren in Deutschland von 25 auf 42 Prozent gestiegen, berichtete Prof. Bernd Wiedemann (Universität Bonn). In einigen Kliniken seien mehr als 40 Prozent der Staphylococcus-aureus-Stämme resistent gegen Methicillin. „Neue Therapieoptionen haben wir nur wenige“, bedauerte Wiedemann. Die Hoffnung, dass jedes Jahr drei neue Substanzgruppen auf den Markt kämen, habe sich inzwischen zerschlagen. Dies habe auch wirtschaftliche Gründe. Vonseiten der Industrie bestehe gar kein großes Interesse, neue Antibiotika zu entwickeln, da Infektionskrankheiten zumeist keine chronischen Erkrankungen seien, bei denen man durch kontinuierliche Verordnungen einen großen Gewinn erwarten kann, so Wiedemann.
Um die Entwicklung von Resistenzen zu verhindern empfiehlt der Bonner Mikrobiologe die Kombination von hygienischen Maßnahmen und einem gezielten Einsatz von Antibiotika zum richtigen Zeitpunkt. „Es wäre jedoch falsch, die Gabe von Antibiotika einfach einzuschränken“, betonte Wiedemann. Infektionen müssten vor allem zügig behandelt werden, um Spätfolgen zu vermeiden. Resistenzen entstehen zumeist dort, wo der Selektionsdruck besonders hoch ist; beispielsweise auf Intensivstationen oder urologischen Sondereinheiten. Oft korreliert die Häufigkeit der Resistenz und das Resistenzmuster von Erregern mit der Verwendung der Antibiotika im betreffenden Krankenhaus.
Aktuelle Empfehlungen zur antimikrobiellen Therapie gibt die Paul-Ehrlich-Gesellschaft (PEG). „Im Chemotherapiejournal werden zu den Diagnosen die häufigsten Erreger aufgelistet und Empfehlungen zur initialen Therapie unter Berücksichtigung der aktuellen Resistenzdaten gegeben“, erläuterte Prof. Friedrich Vogel (PEG). Noch nicht aufgenommen in die Empfehlungen seien die Oxazolidinone und die Ketolide als neue Substanzgruppen.
Der erste Vertreter der neuen Antibiotikaklasse der Oxazolidinone ist das Linezolid, ein rein synthetisch hergestellter Wirkstoff. Besonders effektiv soll er gegen die grampositiven Problemkeime sein, wie gegen Staphylococcus aureus, Staphylococcus epidermidis sowie gegen Enterococcus faecalis und Streptococcus pyogenes.
German Network for Antimicrobial Surveillance
Ketolide wirken ähnlich wie Makrolide über die Hemmung der Proteinbiosynthese. Sie zeichnen sich jedoch durch veränderte Bindungseigenschaften an die für die Translokationsprozesse verantwortlichen Strukturen aus. Dadurch sollen sie auch noch bei makrolidresistenten Keimen wirken und gleichzeitig auch Moraxella catarrhalis, Campylobacter und Helicobacter erfassen.
Um Resistenzentwicklungen wirksam begegnen zu können, sei eine genaue Kenntnis der Epidemiologie notwendig, betonte Wiedemann in Leipzig. Als „Frühwarnsystem“ für Veränderungen in der Resistenzlage soll das „German Network for Antimicrobial Surveillance“, das auch als Genars-Projekt bezeichnet wird, dienen. Es sei geplant, an acht deutschen Zentren routinemäßig Empfindlichkeitstestungen für das gesamte klinische Material zu erfassen und zeitnah auszuwerten, berichtete Wiedemann. Integriert seien die Universitätskliniken Jena und Ulm sowie Bonn als Koordinierungsstelle. Dr. med. Eva A. Richter
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