ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Psychiatrie und Psychotherapie: Bedarfsplanung überdenken

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Psychiatrie und Psychotherapie: Bedarfsplanung überdenken

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2630 / B-2257 / C-2099

Fritze, Jürgen; Schmauß, Max

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LNSLNS Große regionale Unterschiede bestehen bei der Versorgung im Bereich Psychiatrie und Psychotherapie.
Ein Grund dafür ist die Vielzahl der Fachgebietsbezeichnungen.

Die vielen Fachgebietsbezeichnungen in der Psychiatrie und Psychotherapie sorgen oft für Unklarheit. So ermittelte das europäische Statistikamt Eurostat, dass für die Versorgung von einer Million Einwohner in Deutschland angeblich nur 36 Psychiater zur Verfügung stehen (Deutsches Ärzteblatt, Heft 47/2000). Diese Zahl würde nur 2 954 Psychiatern entsprechen, was mit der Ärztestatistik nicht in Einklang zu bringen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) stellte daher die Daten aus der aktuellen Ärztestatistik der Bundes­ärzte­kammer (Stand: Dezember 2000) den aktuellen Zahlen zur vertragsärztlichen Versorgung (Stand: Dezember 1999) der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gegenüber (Tabelle), um die tatsächliche Zahl der Ärzte und Psychologen, die psychische Erkrankungen behandeln, zu ermitteln.
Neun verschiedene Gebietsbezeichnungen im Bereich der Psychiatrie und Psychotherapie in Deutschland – was in Europa einmalig ist – geben zumindest eine theoretische Erklärung für die falschen Ergebnisse von Eurostat. Die Vielfalt bedeutet aber auch, dass insbesondere bei Ärzten mit nervenheilkundlicher Spezialisierung nicht deutlich werden kann, inwieweit sie sich der Betreuung psychisch Kranker oder eher neurologisch Kranker widmen. Unklar bleibt auch, wie sich die ärztlich-psychotherapeutische Versorgung verteilt. Das ist auch daran zu erkennen, dass die Statistik der KBV 4 777 Nervenärzte und 3 195 ärztliche Psychotherapeuten aufführt, die sich aus den in der Tabelle genannten Zahlen nicht ableiten lassen. Offen ist deshalb, ob eine bedarfsgerechte und gleichmäßige Versorgung gewährleistet ist.
Dies gibt besonders vor dem Hintergrund der regionalen Versorgungsunterschiede Anlass zur Besorgnis. Die Zahl der von einem Vertragsnervenarzt zu versorgenden Einwohner variiert zwischen den Bundesländern erheblich (Variationskoeffizient, CV = 35 Prozent). Sehr ungünstig ist die Situation in Brandenburg, wo auf 26 130 Einwohner ein Nervenarzt kommt; Bremen mit 6 501 Einwohnern je Nervenarzt ist dagegen gut versorgt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 17 176. Noch auffälliger sind die Versorgungsunterschiede zwischen den Bundesländern bei den ärztlichen Psychotherapeuten. In Sachsen-Anhalt teilen sich 904 756 Einwohner einen ärztlichen Psychotherapeuten gegenüber 12 436 in Hessen (Bundesdurchschnitt: 25 681; CV = 167 Prozent). Etwas moderater ist die Variabilität bei den Psychologischen Psychotherapeuten: Hier führt wieder Bremen mit 2 513 Einwohnern auf einen Therapeuten gegenüber Mecklenburg-Vorpommern, wo 29 234 von einem Psychologischen Psychotherapeuten versorgt werden (Bundesdurchschnitt 6 789; CV = 79 Prozent).
Gleichzeitige Über- und Unterversorgung
Auch wenn Morbidität und Inanspruchnahme in städtischen Regionen höher sind als auf dem Land und insbesondere die Stadtstaaten über ihre Landesgrenzen hinaus versorgen, so lässt sich eine Variabilität dieses Ausmaßes kaum durch entsprechende regionale Unterschiede der Morbidität erklären. Die Daten erlauben keine Entscheidung darüber, wo Über- und wo Unterversorgung besteht; wahrscheinlich trifft beides zu. Auf jeden Fall ist die Versorgung ungleichmäßig. Es stellt sich die Frage, ob die Bedarfsplanung und Zulassungspraxis ein Potenzial zur Optimierung birgt.
Einen weiteren Grund zur Sorge bereitet die gesunkene Nachfrage nach Weiterbildungsstellen im Fachgebiet Nervenheilkunde. Inzwischen können Weiterbildungsstellen nicht mehr besetzt werden. Dieser Rückgang kann sich in der jüngsten Statistik noch nicht widerspiegeln: Nach Daten der Bundes­ärzte­kammer ist die Zahl der Weiterbildungsassistenten im Gebiet Neurologie von 1 343 (1991) kontinuierlich auf 1 784 (1999) gestiegen, in der Psychiatrie von 2 718 auf 3 644 (1996 sank die Zahl auf 3 377 ab); für die Nervenheilkunde ist die Zahl (zuletzt: 33) vernachlässigbar. Es ist notwendig, den seit zwei Jahren wachsenden Eindruck, dass es an Nachwuchs mangelt, durch Daten zu verifizieren und gegebenenfalls regional zu spezifizieren – oder ihn zu falsifizieren.
Regionale Variabilität (CV = 16 Prozent) weist auch die auf die Einwohnerzahl bezogene Personalausstattung stationärer psychiatrischer Einrichtungen auf (Daten des Statistischen Bundesamtes für 1998): Hier ist Bremen Spitzenreiter mit 1 565 Einwohnern je Vollkraft, wohingegen Thüringen und das Saarland mit rund 2 700 schlecht versorgt sind. Auch diese Variabilität lässt sich kaum durch Morbiditätsunterschiede erklären. Dass die Personalausstattung unzureichend war, wurde durch die Einführung der Psychiatrie-Personalverordnung (Psych-PV 1991) anerkannt. Tatsächlich erreichte die Personalausstattung mit dem Ende der Einführungsphase der Psych-PV im Jahr 1995 ihren Höchststand.
Regionale Ungleichgewichte auch beim Personal
In der Zeit von 1995 bis 1998 ist die Personalausstattung stationärer psychiatrischer Einrichtungen um mehr als zehn Prozent zurückgegangen. Immerhin wurde diese in einzelnen Bundesländern (Saarland, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Thüringen) leicht (circa zwei Prozent) und in Mecklenburg-Vorpommern und in Brandenburg deutlich (15 und 24 Prozent) verbessert. In den anderen Bundesländern wurde sie jedoch vermindert; am deutlichsten in Berlin um 23 Prozent. Dies hat zu einer gleichmäßigeren Ausstattung geführt.
Interesse an psychiatrischer Weiterbildung lässt nach
Der Rückgang der Personaldichte ist auf den ersten Blick plausibel, weil parallel die mittlere Verweildauer um 27 Prozent und die Zahl der Pflegetage um 20 Prozent zurückgegangen sind. Jedoch ist die Zahl der Fälle mit psychiatrischer Hauptdiagnose (einschließlich nichtpsychiatrischer Einrichtungen) gleichzeitig um fast zehn Prozent gestiegen. Erhöht hat sich auch die Behandlungsintensität infolge medizinischen Fortschritts. Folglich müssen in der Psych-PV die den Behandlungsbereichen für die verschiedenen Berufsgruppen zugeordneten Minutenwerte darauf überprüft werden, ob sie den heutigen Qualitätsstandards noch entsprechen können.
Die der psychiatrischen Versorgung zur Verfügung gestellten personellen Ressourcen haben sich in den letzten 30 Jahren erheblich verbessert. Jedoch bestehen noch immer erhebliche regionale Ungleichgewichte. Bedenklich ist auch der Personalabbau in stationären Einrichtungen. Inzwischen zeichnen sich in Deutschland deutliche Engpässe ab, verfügbare Stellen zu besetzen, weil das Interesse ärztlicher Berufsanfänger an psychiatrischer Weiterbildung nachlässt. Die Gründe hierfür müssen untersucht werden. Vermutlich sind die ökonomischen Anreize einer Tätigkeit in der psychiatrischen Versorgung geringer als in anderen Fachgebieten, was auch die Attraktivität durch Forschung und hochwirksame Therapieoptionen nicht auszugleichen vermag.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2630–2631 [Heft 41]

Anschrift für die Verfasser:
Prof. Dr. med. Jürgen Fritze
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie,
Psychotherapie und Nervenheilkunde
Asternweg 65
50259 Pulheim
E-Mail: juergen.fritze@dgn.de
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