ArchivDeutsches Ärzteblatt41/2001Jugendkriminalität: Sicht eines Gewaltopfers

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Jugendkriminalität: Sicht eines Gewaltopfers

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2642 / B-2250 / C-2114

Staus, Heike

Erfahrungen auf einer Station für Kinder- und Jugendpsychiatrie:
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LNSLNS Ich wurde 1992 Gewaltopfer, als ich als Ärztin in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet habe.
Ein kleiner Junge, dessen alkoholsüchtiger Vater dem Jungen so zusetzte, dass dieser dekompensierte, wurde irrtümlicherweise auf die Station für neurotisch-dissoziale Jugendliche verlegt. Ich bekam die Verantwortung für diesen Jungen, der mein erster Patient auf diesem Arbeitsfeld war. Vorher habe ich in der Notfallmedizin und Anästhesie gearbeitet. Als ich nach Hause ging, machten sich die Jugendlichen über diesen Jungen in übelster Weise her. Ich lief herzu und bemühte mich, diesen Jungen vor den Tritten und Schlägen zu bewahren, und bekam natürlich die Schläge und Tritte selber ab. Ich schrieb, wie mir der verantwortliche Stationspfleger riet, an das Sozialministerium, erhielt jedoch nie eine Antwort. Die Chefärztin und ihre Oberärztin baten mich zu einer Unterredung und sagten, ich dürfe mit niemandem über das, was vorgefallen ist, reden, ansonsten würden sie mir die Stelle entziehen.
Dem Ganzen wurde noch eins draufgesetzt, indem ich die weiteren neun Monate auf der Station weiterarbeiten musste, wobei ich tagtäglich von den Jugendlichen bedroht wurde.
Ich war damals allein erziehende Mutter und hatte sowohl die finanzielle als auch menschliche Verantwortung für meine Kinder, ich konnte also nicht das Arbeitsverhältnis von heute auf morgen beenden. Ich schreibe diesen Brief, um auch einmal die Seite eines Gewaltopfers zu schildern. Auch wenn ich die Motive der Chefin und ihrer Oberärztin kenne, entschuldigt dies in keiner Weise ihr Verhalten oder das Verhalten der Jugendlichen.
Heike Staus, Buchenweg 8, 25337 Kölln-Reisiek
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