MEDIZIN: Editorial

Reproduktionsmedizinische Maßnahmen für HIV-diskordante Paare

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2646 / B-2254 / C-2118

Friese, Klaus

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Zurzeit leben in Deutschland circa 29 000 Männer und 8 000 Frauen (1), die HIV-infiziert sind und von denen sich die überwiegende Zahl im reproduktionsfähigen Alter befindet. Mit Ausnahme der gleichgeschlechtlichen Paare besteht bei vielen Kinderwunsch. Insbesondere bei diskordanten Paaren, das heißt, nur ein Partner ist HIV-infiziert, stellen sich damit gravierende Probleme ein und somit medizinischer Handlungsbedarf. Zu Beginn der Aids-Epidemie war ein Kinderwunsch bei den Betroffenen eher selten, zum einen wegen der durch fehlende Therapieoptionen sehr schlechten Lebensprognose, zum anderen wegen der fälschlichen Annahme, dass durch eine Schwangerschaft eine Progression der Infektion zu erwarten wäre. Mittlerweile kommen jedoch immer mehr diskordante Paare mit Kinderwunsch in frauenärztliche Sprechstunden oder HIV-Schwerpunktpraxen sowie klinische HIV-Spezialambulanzen. Außer bei den aktiv mit diesen Patientinnen und Patienten tätigen Ärzten stößt ein solches Ansinnen bei Kollegen und
Laien nicht selten auf Widerspruch. Dabei sind es gerade die bewusst lebenden und Risiken vermeidenden Paare, die in dieser Problemlage Hilfe suchen. Personen aller gesellschaftlichen Schichten erfragen Rat für die Erfüllung des Kinderwunsches, ohne den Partner zu infizieren.
In erster Linie betraf dies zu Beginn der Aids-Epidemie Ehepaare, bei denen der Mann HIV-infiziert war.
So wurden anfangs diskordante Paare an der Universitätsklinik Bonn betreut, wo viele Bluter, die sich vor
der HIV-Testung durch Blutprodukte infiziert hatten, klinisch versorgt wurden. In den 90er-Jahren setzten unter anderem die Universitäts-Frauenklinik in Mannheim und danach die in Rostock konsequent reproduktionsmedizinische Maßnahmen ein, um unter finanzieller Beteiligung der Betroffenen diesen Paaren zu einem Kind zu verhelfen. Bis zum heutigen Tage ist kein HIV-negativer Partner, noch ein so gezeugtes Kind mit diesem Verfahren infiziert worden. Deshalb ist es ein Gewinn, dass Empfehlungen zur Behandlung von HIV-diskordanten Paaren mit Kinderwunsch unter Mitarbeit aller
betroffenen Fachgesellschaften vorliegen. Die Publikation von Weigel et al. in dieser Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes soll denen Unterstützung geben, die HIV-posititve Patientinnen und Patienten betreuen, aber auch versuchen, Missverständnisse im nicht betroffenen Umfeld auszuräumen.
Erweiterte Indikation
Nachdem sich durch Therapiemaßnahmen die Prognose HIV-infizierter Mütter, aber auch das Risiko der HIV-Transmission für ihre Kinder deutlich verbessert hat (3, 4), wurde auch die Forderung laut, HIV-infizierten Frauen ebenfalls reproduktionsmedizinische Maßnahmen anzubieten, bei denen sich zum Beispiel durch einen mechanischen Tubenverschluss oder hormonelle Ursachen eine Zeugung durch Selbstinsemination ausschließt. Sehr detailliert äußern sich dazu Howard Minkoff und Nanette Santoro im New England Journal of Medicine (2).
So fragen die Autoren, ob zum Beispiel einem Paar, bei dem beide Träger für das Tay-Sachs-Syndrom sind, eine assistierte Reproduktionstechnik verweigert werden kann, wenn in 25 Prozent der Fälle ein später erkrankendes Kind geboren und auf eine pränatale Diagnostik verzichtet wird. Als weiteres Beispiel wird von ihnen hinterfragt, ob einer über 40-jährigen Patientin mit Kinderwunsch und fortgeschrittenem Diabetes auch bei Selbstzahlung eine assistierte Reproduktion vorenthalten werden darf. Wenn diese Fragen mit „nein“ beantwortet werden, bleibt offen, warum es einen Ausschluss der HIV-infizierten Patientinnen gibt. Ohne Frage ist der Vergleich der amerikanischen Kollegen schwierig. Sicher muss das Stadium der Erkrankung, ob Diabetes mellitus oder HIV-Infektion, berücksichtigt werden. Aber ob der ausschließliche Nachweis der HIV-Infektion automatisch Frauen von reproduktionsmedizinischen Maßnahmen bei Kinderwunsch ausschließt, bleibt zumindest ethisch fragwürdig.

zZitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2646 [Heft 41]

Literatur
1. Epidemiologisches Bulletin. AIDS-Fälle und HIV-Infektionen in Deutschland. Robert Koch-Institut, Sonderausgabe A/2001.
2. Minkoff H, Santoro N: Ethical consideration in the
treatment of infertility in women with human immunodeficiency virus infection.N Engl J Med 2000; 342: 1748–1750.
3. Mofenson LM, McIntrye JA: Advances and research
directions in the prevention of mother-to-child HIV-1 transmission. Lancet 2000; 355: 2237–2244.
4. Schäfer A, Friese K, Grosch-Wörner I, Lauper V, Hebisch G, Hugger C: Primäre Kaiserschnittentbindung mit und ohne antiretrovirale Prophylaxe und Prävention der materno-fetalen Transmission von HIV-1. Bundesgesundheitsbl 1999; 42: 569–576.

Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Klaus Friese
Frauenklinik und Poliklinik
Medizinische Fakultät der Universität Rostock
Doberaner Straße 142, 18057 Rostock

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