VARIA: Feuilleton

Ötzis Leben und Leiden Zehn Jahre Forschungen am Mann im Eis

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): A-2662 / B-2284 / C-2126

Spindler, Konrad

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
Anatomische, traumatische, pathologische, parasitologische und therapeutische Befunde im archäologischen Kontext. Die 5000-jährige Mumie aus dem Gletscher vom Hauslabjoch in den Ötztaler Alpen.

Der Mann im Eis wurde am 19. September 1991 entdeckt und vier Tage später unter dramatischen Umständen geborgen. Die Fundstelle liegt im Permafrostbereich der Hochalpen auf 3 210 Meter Seehöhe. Geringe basale Eisbewegungen bewirkten offensichtlich eine Lageveränderung des Toten, der allem Anschein nach in linksseitiger Schlafstellung verstorben war und sekundär axial um etwa 90 Grad in Bauchlage gedreht wurde. Dabei kam es zu Weichteilverschiebungen im Mittelgesicht. Ebenso wurde der Oberkörper gleichsam über den linken Arm hinweggezogen, was zu der unnatürlich wirkenden Haltung dieser Extremität im Auffindungszustand führte.
Verschiedene Beobachtungen weisen darauf hin, dass das Unglück während des Eintretens der ersten winterlichen Schneefälle geschah. Trockener und kalter Schnee bleibt etwa zehn bis 15 Jahre lang luftdurchlässig. In diesem Zeitraum mumifizierte der Leichnam wahrscheinlich in einer Art kombinierter Gefrier- und Lufttrocknung, sodass sich durch die Dehydratation des weichen Gewebes das Körpergewicht auf 13,03 Kilogramm verringerte. Die Mumie wirkt jetzt wie ein straff über das Skelett gezogener Hautschlauch.
Über die Todesursache kann nur spekuliert werden. Anzunehmen ist ein Tod durch Erfrieren im Zustand völliger Erschöpfung. Jedenfalls sind Spuren äußerer
Gewalteinwirkung intravitaler oder perimortaler Art nicht zu erkennen.
Die etwa talergroße Weichteilläsion am Scheitel, dem höchsten Punkt des Körpers in der Auffindungssituation, wird als rezente Verwesungserscheinung, begünstigt durch extreme atmosphärische Bedingungen während der Ausschmelzphase der Mumie im September 1991, erklärt.
Die schweren Verletzungen im Bereich der linken Hüfte und am linken Bein bis

hinab zum Unterschenkel entstanden beim ersten Bergungsversuch mit dem Presslufthammer einen Tag nach der Entdeckung.
Vermutlich im Zuge leichter epidermaler Verwesungsprozesse während der Mumifizierung sind die Haare sowie die Finger- und Zehennägel ausgefallen. Vier Nägel sowie zahlreiche Humanhaare ließen sich aus dem Fundgut isolieren. Demnach trug der Mann im Eis dunkelbraunes bis schwärzliches, leicht gewelltes und etwa bis zu
den Schultern herabfallendes Haupthaar sowie vermutlich einen Bart. An den Nägeln weisen jeweils drei Beau-Streifen auf Stress-Situationen hin.
In der letzten Lebensphase musste der Mann drei schwerwiegende Ereignisse überwinden, nämlich vier, drei und zwei Monate vor seinem Tod. Der letzte Stress war der stärkste, und die Systemstörung, die dadurch bewirkt wurde, dauerte wenigstens zwei Wochen an.
Die Körpergröße des Mannes betrug zu Lebzeiten circa 160,5 Zentimeter . Er erreichte ein Alter von etwa 45 Jahren. An verschiedenen Körperstellen lassen sich Zeichen auf der Haut des Toten er-kennen. Alle Zeichen sind
als Tätowierungen anzusprechen, und zwar mit pulverisierter Holzkohle als Pigment, das in der Bindehaut lokalisiert werden konnte. Die 49 Tätowierstriche finden sich in Form von Strichbündeln beziehungsweise Kreuzen auf dem linken Handgelenk, beiderseits der Lendenwirbelsäule, am rechten Knie, auf den Waden und um die Sprunggelenke herum. Die Lage der Tätowierungen korrespondiert teilweise mit röntgenologisch diagnostizierten, diskreten bis mittleren arthrotischen Befunden an den jeweils benachbarten Gelenken, weshalb als Motiv für das Anbringen dieser Zeichen vor allem therapeutische Maßnahmen glaubhaft erscheinen.
Darüber hinaus ist festzustellen, dass die Lage der Tätowierungen am Körper des Gletschermannes zu rund 80 Prozent mit modernen Akupunkturpunkten übereinstimmt. Wenn man konzediert, dass die Stimulation eines Hautareals mit einer Tätowiernadel dem sensorischen Effekt eines Akupunkturnadelstiches entspricht, dann darf man in diesem Falle vielleicht von einer Urform der Akupunktur sprechen.
Des Weiteren ergaben die computertomographischen, en-
doskopischen und röntgenologischen Untersuchungen an der Mumie unter anderem folgende Befunde:
c Zahlreiche Fissuren, Brüche und Deformationen des Schädels lassen sich mit den geringen basalen Gleitbewegungen des Eises am Boden der Felsenrinne sowie dem Gletscherdruck erklären. Insbesondere eine starke medial gerichtete Impression des Mittelgesichtes macht es zudem unmöglich, eine verlässliche Lebendrekonstruktion zu erstellen, was ja mehrfach versucht wurde und stets beträchtliches Medieninteresse hervorrief.
c Das Nasenbein ist alt gebrochen und war zu Lebzeiten fast rechtwinklig nach medial disloziert angeheilt.
c Das Gefäßnetz an der Gehirnbasis zeigt leichte arterielle Verkalkungen, was bei einem 45-jährigen Mann unter Steinzeitbedingungen nicht verwundert.
c Der Bruch des linken Oberarmknochens muss als rezent betrachtet werden. Dies entspricht der Mitteilung des Bestattungsunternehmers, der die Leiche nach Innsbruck zu überführen hatte, dass während des Einsargens beim Einbiegen des sperrig abstehenden Armes ein deutliches Knacken zu vernehmen war.
c Die sechste und siebte Rippe rechts sind gebrochen und zeigen keine Kallusbildung. Dieses Trauma erlitt der Mann demnach längstens zwei Wochen vor seinem Tode.
c Auf der linken Brustkorbseite hingegen zeichnet sich eine gut verheilte Serienrippenfraktur ab. Der Mann hatte also Erfahrung mit Rippenbrüchen.
c Die beiden zwölften Rippen fehlen, eine recht seltene Varietät des menschlichen Thorax, die aber das Individuum in keiner Weise beeinträchtigt und auch unbemerkt bleibt.
c Am rechten Hüftgelenk hat sich eine mittelgradige Koxarthrose herausgebildet.
c An der kleinen Zehe weist eine Osteolyse auf Erfrierungen hin. Fehlende Knochenreaktionen lassen den Schluss zu, dass sich der Mann im Eis diese Erfrierungen im letzten Winter vor seinem Tod zugezogen hat.
Die endoskopische Untersuchung im Thorax, der sich als Hohlraum präsentiert, zeigte zunächst das vorzüglich erhaltene Herz, das auf Kastaniengröße geschrumpft ist, indes keinen autoptisch erkennbaren pathologischen Befund aufweist.
Anders hingegen die Lunge, die deutlich anthrakotisch verändert ist. Die Ursache dafür dürfte im Inhalieren von Rauch- und Rußpartikeln am offenen Feuer liegen.
Totalelement-Bestimmungen an Haarproben weisen auf eine drei- bis fünfzehnmal höhere Konzentration von Arsen, Kupfer, Nickel und Mangan als bei Normalproben hin. Dies wird dahingehend gedeutet, dass der Mann vom Hauslabjoch zumindest saisonal am Verhütten von Fahlerzen zur Kupfergewinnung beteiligt war.
Des Weiteren ist Parasitenbefall zu registrieren. Zunächst zu den Ektoparasiten: Identifiziert wurden zwei Spezies, nämlich die Hirschlausfliege (Lipoptena cervi) und der Menschenfloh (Pulex irritans). Von der Hirschlausfliege, die nur im Notfall den Menschen als Wirt wählt und bei ihm auch nicht als Dauergast verweilt, wurden Fragmente ausschließlich in der Pelzlederbekleidung des Mannes im Eis gefunden. Somit handelt es sich nicht um einen Akutbefall, vielmehr stammen die Parasiten von den Tieren (Hirsch, eventuell Hausziege), aus deren Häuten man die Kleidungsstücke hergestellt hat.
Hingegen kann der Menschenfloh als echter Parasit des Gletschermannes gelten. Als Endoparasit belegt ist der Peitschenwurm (Trichuris trichiura), dessen Eier in großer Zahl im Kolon der Leiche enthalten sind. Dieser starke Befall führte offenbar zu beträchtlichen Störungen des Verdauungsapparates, denen der Gletschermann nicht nur durch entsprechend platzierte Tätowierungs-Akupunktur, sondern auch durch Einnahme von Kohlepulver zu begegnen trachtete. Etwa 25 Prozent des dehydratisierten Darminhaltes bestehen aus Kohlepartikeln.
Breit gefächertes
Repertoire an Therapeutika
Darüber hinaus führte der Mann im Eis zwei mittig gelochte und auf Lederriemen gezogene Stücke aus dem Fruchtfleischgewebe des Birkenporlings (Piptoporus betulinus) mit sich. Pilze allgemein und insbesondere dieser Porling spielten in der Volksmedizin eine bedeutende Rolle. Äußerlich angewendet, diente er zum Blutstillen; die innerliche Einnahme deckte ein weites Spektrum von Heilmaßnahmen ab, das von der Entzündungshemmnis bis hin zur Krebstherapie reichte.
Atherosklerose, Arthrose an verschiedenen Gelenken, Staublunge, Knochenbrüche, Schwermetallbelastung, Parasitenbefall und Erfrierungen veranschaulichen das harte Leben, dem der Mann vom Hauslabjoch speziell, wie wohl überhaupt der Mensch der Jungsteinzeit, ausgesetzt war. Diesen Einwirkungen stellte er indes ein breit gefächertes Repertoire an Therapeutika entgegen, die zumindest teilweise auch heute noch nichts von ihrer Bedeutung verloren haben.

Literatur beim Verfasser

Prof. Dr. Konrad Spindler
Institut für Ur- und Frühgeschichte sowie Mittelalter- und Neuzeitarchäologie der Universität Innsbruck
Innrain 52, A-6020 Innsbruck
Anzeige

    Leserkommentare

    E-Mail
    Passwort

    Registrieren

    Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

    Fachgebiet

    Zum Artikel

    Alle Leserbriefe zum Thema

    Login

    Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

    E-Mail

    Passwort

    Anzeige