ArchivDeutsches Ärzteblatt40/1996Hamsterrad: Zauberformel

SPEKTRUM: Leserbriefe

Hamsterrad: Zauberformel

Heid, Hans-Peter

Stoßseufzer und Vorschlag
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LNSLNS . . . Daß die ambulante medizinische Versorgung überhaupt noch funktioniert, ist nur möglich zum einen durch unsere hemmungslose Selbstausbeutung unter Verzicht auf ein angemessenes Honorar, zum anderen durch die unentgeltliche Mitarbeit unserer Ehepartner. Die üblen Folgen, die wir uns dadurch einhandeln, sind hinlänglich bekannt: überdurchschnittlich viele zerbrochene Ehen und eine unterdurchschnittliche Lebenserwartung. Die offensichtliche Diagnose unter Berücksichtigung aller Symptome: Es handelt sich um eine Krise. An diesem Wendepunkt entscheidet es sich, ob die Reise in den Orkus geht oder ob es uns gelingt, dem Patienten die Medizin zu verordnen, die ihn auf den Weg der Genesung bringt. Ich meine, die Prognose ist nicht ungünstig! Wir, die wir uns bislang eher als willenlose und hilflose Opfer des Systems gefühlt haben, sollten das Gesetz des Handelns an uns reißen! Wir könnten mit einem Schlag aus dem Hamsterrad aussteigen und von allen infantilen Marketingmätzchen, durch welche die Patienten aus der Praxis des Nachbarkollegen in die eigene Praxis gelotst werden sollten, Abschied nehmen.
Und wie lautet das Rezept?: Arbeitsverzicht entsprechend dem erzwungenen Honorarverzicht. Erinnern wir uns an den Wert unserer Tätigkeit, die mit einem Punktwert von 0,10 DM in etwa angemessen bewertet wäre, und arbeiten wir nur so viel, daß eben dieser Punktwert erreicht wird! Bei einem Punktwert von 0,075 DM bei 12 Wochen Arbeit im Quartal kämen wir auf einen Punktwert von 0,10 DM, wenn wir nur 9 Wochen im Quartal arbeiteten – und dies ohne Einkommensverlust, aber mit einem gewaltigen Gewinn an Lebensqualität. Wer von uns träumte nicht von drei Wochen Urlaub im Quartal? Angesichts der Arztdichte wäre dies auch ohne nennenswerte Einschränkung der medizinischen Versorgung zu bewerkstelligen, wenn sich die Kollegen hinsichtlich der Termine absprechen würden . . .
Voraussetzung wäre allerdings eine gewaltige Solidaritätsanstrengung aller niedergelassenen Ärzte beim Mitziehen in dieser Angelegenheit. Ausnahmen bei Praxen in statu nascendi könnten sicher zugelassen werden, und ebenso könnte man wahrscheinlich auch Kollegen, die vom Pleitegeier umkreist werden oder die unverbesserliche Workaholics sind und sich für ihre Schiffbaubeteiligungen oder Immobilienengagements aufarbeiten wollen, mitziehen. Also Schluß mit der Vorstellung, durch Mehrarbeit ein höheres Einkommen erzielen zu wollen! Bei gedeckeltem Topf entwerten wir dadurch nur unsere Leistung ohne Zugewinn an Honorar. Die Zauberformel für uns heißt: Weniger Arbeit für gleichbleibendes Honorar! Unsere Familien und unsere Gesundheit werden es uns danken.
Dr. med. Hans-Peter Heid, Josef-Brendle-Straße 8/I, 83383 Freilassing
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