ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSPraxis Computer 5/2001GNUmed: Eine offene Praxissoftware für den Arzt

Supplement: Praxis Computer

GNUmed: Eine offene Praxissoftware für den Arzt

Dtsch Arztebl 2001; 98(41): [2]

Hilbert, Karsten

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LNSLNS Das Projekt GNUmed ist ein viel versprechender Ansatz, offene, das heißt patentfreie Software mit frei zugänglichem Quellcode auch für den Bereich der Medizin nutzbar zu machen.
Freie/offene Software hat sich mittlerweile in vielen Bereichen des EDV-Einsatzes als zuverlässig erwiesen. Bei Banken, Fluggesellschaften, großen und kleinen Firmen wächst die Nutzung offener Software ständig. Branchenlösungen für die Medizin, insbesondere für niedergelassene Ärzte, besetzen eine stark spezialisierte Nische. Das offene Betriebssystem Linux beispielsweise ist bereits seit geraumer Zeit in Arztpraxen auf Servern als Alternative zu Windows NT/2000 oder Novell Netware vertreten. Für den Arbeitsplatz wird das Angebot an professioneller offener und kommerzieller Software hierfür ständig breiter.
Auch für die Medizin sind mehrere Projekte in der Entwicklung (siehe PC 3/01, Seite 18 ff.). Das Projekt GNUmed (GNU = Akronym für „GNU’s not Unix!“; freies Unix-Betriebssystem) wird von Ärzten und Entwicklern unter anderem aus Australien, Frankreich, Großbritannien, Deutschland, den USA und Mexiko für den Arbeitsplatz des niedergelassenen Arztes entwickelt. Anfang August 2001 wurde es auf Anwender-Konferenzen in Melbourne (Australien) und London vorgestellt und mit Interesse aufgenommen.
Funktionsumfang
GNUmed ist in erster Linie ein Programm für die Arztpraxis. Es bietet zurzeit Funktionen zur Verwaltung der Patientendaten, eine elektronische Kartei mit Freitext und Querverweisen auf Bilder, Befundbriefe und Ähnliches. Ein anwendungsfreundliches Modul zum Erstellen von Rezepten ist ebenfalls vorhanden.
Ein Programmteil ermöglicht das Durchsuchen einer Diagnosendatenbank nach ICD-10-Codes, denen beliebig Patientendiagnosen zugeordnet werden können. Darüber hinaus wird ein universelles Formularmodul entwickelt. Ziel ist, die Definition von Formularen so einfach wie möglich zu gestalten. Der Anwender soll in der Lage sein, bei Bedarf Formulare selbst zu erstellen.
Ein Labormodul wird den LDT-Import, die grafische und tabellarische Darstellung sowie die Übernahme in externe Dokumente ermöglichen. Ein Programm zum Übertragen der Labordaten per Modem ist bereits im Einsatz.
Per Platzhalter sind darüber hinaus sämtliche Daten, auf die ein Anwender Zugriff hat, für den Export zugänglich. Durch die offengelegten Datenformate ist ein Import vom beziehungsweise eine Umwandlung in das BDT-Format jederzeit möglich.
Ein klinischer Taschenrechner bie-tet viele Funktionen, wie beispielswei-se Schwangerschaftsberechnungen, Body-Mass-Index, Medikamentendosierung (zum Beispiel Marcumar/Falithrom), Perzentilen, Peak-Flow-Rate und Einheitenumrechnungen.
Eine Eigenschaft offener Software wie GNUmed oder Linux ist, dass bereits vorhandene, ausgereifte Programme viele Funktionen übernehmen können. GNUmed selbst muss zum Beispiel keine eigene große Textverarbeitung mitbringen. Vorhandene Programme (AbiWord, StarOffice, La-TeX, LyX) werden je nach Textart (Schnellbrief, Kurzmemo, frei gestalteter Begleitbrief etc.) eingesetzt. Für Makros, Schnelltext und automatisier-te Befundung werden speziell zugeschnittene kleinere Modu-
le in GNUmed integriert.
Gleiches gilt unter anderem auch für Bildbearbeitung, Videoschnitt, Internet-Zugriff, Fax-, SMS- und E-Mail-Versand, Telefonie und Bestellsystem. Hier wird jeweils auf praxiserprobte Software zurückgegriffen, die auf die Bedürfnisse einer Arztpraxis zugeschnitten werden kann. Das Praxisprogramm muss somit kein großer Block mit all den damit verbundenen Vor- und Nachteilen sein. So ist gewährleistet, dass die beste Balance zwischen dem technischen Rüststand des Computers und dem Bedürfnis des Anwenders gefunden wird.
Aufgaben
GNUmed ist gegenwärtig für den alleinigen Einsatz in der Arztpraxis noch nicht komplett. KVK-Lesegeräte sind noch nicht vollständig integriert; eine Einbindung der Cherry-Tastatur mit Kartenleser ist jedoch kommerziell verfügbar. Es ist noch keine Datenbank deutscher Medikamente angebunden. Sämtliche Spezifika der kassenärztlichen Abrechnung (Regelwerksprü-fung bei Zifferneingabe, Disketten erstellen, Medikamenten- und Ziffernstatistiken) fehlen noch. Dieser Programmteil, wie auch eine Medikamentendatenbank, wird auf absehbare Zeit kommerziell zugekauft werden und ist dann gegebenenfalls gebührenpflichtig.
Datenschutz
Bei der Entwicklung von GNUmed wurde von Anfang an durchgängig darauf geachtet, dass verlässliche Datensicherheitsmechanismen genutzt werden. Das Betriebssystem (zum Beispiel Linux) gewährleistet den grundlegenden Schutz. GNUmed selbst reguliert – darauf aufbauend – den Zugriff auf Anwenderebene. Datensicherungen werden mit ausgereiften Programmen für Unix durchgeführt. Die Integrität der Daten wird durch eine robuste, seit Jahrzehnten fortentwickelte Datenbank (PostgreSQL) gesichert. Der Datenbankserver kann im Netz einer Arztpraxis gleichzeitig mehrfach vorhanden sein.
Eine Besonderheit von GNUmed ist das permanente Aufzeichnen aller Änderungen der Patientendaten. Ein Löschen von Daten ist explizit nicht vorgesehen. Das Protokoll über die Veränderungen wird von einem digitalen Notar elektronisch signiert. Dies kann die juristische Beweiskraft der elektronischen Kartei erheblich steigern.
Investitionsschutz
GNUmed ist vollständig offengelegt: Sowohl der Quellcode des Programms, die Datenformate, als auch die Schnittstellen sind frei zugänglich und nach den eigenen Wünschen legal veränderbar. Wichtige Zusatzsoftware, wie das Datenbanksystem, sind ebenfalls frei erhältlich. Die derzeitige Benutzeroberfläche ist in der Sprache Python geschrieben und unterliegt der freien Lizenz GPL. Dadurch sind praxisspezifische Änderungen des Programms bis hin zu komplett eigener Weiterentwicklung ohne notwendige Einwilligung Dritter möglich.
Technik
GNUmed beruht auf der bewährten Client-Server-Architektur und hält sich an relevante Standards (SQL, TCP/IP, SMTP und andere). In der Minimalkonfiguration wird nur ein Rechner benötigt, auf dem sämtliche Funktionen von der Gestaltung der Programmoberfläche bis hin zur Datenbank ablaufen. Diese Mindestausstattung kann ohne weitere Lizenzgebühren zu einem Netz mit mehreren Arbeitsplätzen und Servern ausgebaut werden. Die Nutzeroberfläche ist unter Linux, Windows und gegebenenfalls Macintosh nahezu identisch nutzbar.
Ausblick
GNUmed entwickelt sich zu einem der stärksten offenen Anwärter für den Arbeitsplatz des niedergelassenen Arztes. Obwohl einige grundlegende, für Deutschland spezifische Funktionen noch fehlen, lässt sich das Programm bereits heute als komfortables Nachschlagewerk für ICD-10-Codes oder als Bild- und Fremdbefundarchiv einsetzen. Karsten Hilbert
Kontaktadresse: Karsten Hilbert, Hauptstraße 30 b, 02999 Groß Särchen,
Telefon: 01 77/2 94 49 28, E-Mail:
Karsten.Hilbert@gmx.net, Internet:
http://linuxpraxis.multiservers.com


Zusatzinformationen
> Homepage: www.gnumed.org/
> Bildschirmfotos:
http://gnumed.net/whitepapers
> GNUmed Diskussionsliste: http://lists.sourceforge.net/lists/
listinfo/gnumed-devel
> Diskussionsliste Praxis-EDV:
http://lists.sourceforge.net/lists/
listinfo/resmedicinae-deutsch
> Verzeichnis anderer Projekte:
www.txoutcome.org/scripts/zope/
library
> Projekt GNU: www.gnu.org
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